Chroniken

Vielleicht kommt hier ja mal irgendwann eines meiner Schreibprojekte oder Listen… Ich liebe Listen.

Die Namenlosen, Teil III

Endgültig fassungslos und nichts Gutes ahnend stürzte ich aus der Höhle und rannte den steinernen Pfad entlang. Eine dumpfe Vorahnung machte sich in meiner Magengegend breit und sie verhieß absolut nichts Gutes.

Je länger ich rannte, desto mehr wuchs meine Sorge, irgendwann begann sie mein innerstes so stark zusammenzupressen, dass mir ganz flau wurde. In der Ferne glaubte ich Amons Rufe zu hören, aber ich wurde nicht langsamer. Es war mir egal, das einzige was zählte war so schnell wie möglich zum Plateau zu gelangen. Wenn der Weg leicht anstieg und ich meine Beine einen Teil in die Knie gezwungen wurden hörte ich Schritte. Schritte die nicht meine waren, gefolgt von schwerem Atem. Aber sie gingen in dem Geräusch von umherspritzendem Geröll und meinen Keuchen unter, als dass ich hätte feststellen können wessen Atmen es wirklich war. Amons oder der Atem einer Stadtwachen, die durch meine Unvorsicht mich schon längst entdeckt hatte. Falls es so wahr wäre ich fast froh gewesen. Auf der anderen Seite spürte ich, dass mein Körper dieses Tempo nicht mehr lange würde halten können. Meine Lungen brannten, meine Füße schmerzen und ich war immer noch geschwächt. Kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch sah ich den letzten Anstieg bevor sich vor mir das Tal auftuen würde. Das Tal in dem das Dorf lag. Wie auf Kommando rissen sich meine Beine noch einmal zusammen, trugen mich über die Schwelle hinweg nur um mich dann straucheln zu lassen. Gerade konnte ich mich noch fangen, bevor ich mich Hals über Kopf überschlagen hätte. Ich humpelte gen Kante und was ich sah verschlug mir die Sprache.

Das Tal, was einst die Stadt beherbergt hatte exestierte nicht mehr. Zumindest nicht mehr wie ich es in Erinnerung hatte. Vor mir lagen Ruinen: in Trümmern teils brennen teils bereits gelöscht und immer noch rauchend. So weit das Auge reichte erblickte ich nichts weiter als Trümmer und mir wurde schlecht… Menschen. In Mitten all dem Chaos lagen Teile von Menschen.

Ich wusste eigentlich sollte ich mich freuen, wir hatten unsere Rache schließlich bekommen. Oder sollte ich eher sagen Amon und was war mit den angrenzenden Landen? Eine fehlende Stadt würde doch bemerkt werden… Jeder würde wissen, wer es gewesen war und sie bräuchten nicht lange um uns zu finden, wenn sie sämtliche Truppen des Reiches nach uns schickten. Oder vielleicht doch? Mir wurde plötzlich eiskalt, immer noch keuchend, schwitzend und völlig fassungslos stand ich am Abgrund und starrte ins Leere. Hinter mir wurden die Schritte wieder lauter, das Keuchen blieb allerdings aus.

„Was- Was hast du getan?!“, flüsterte ich die Antwort bereits wissend trotzdem drehte ich mich nach ihm um. Mittlerweile kam es mir lächerlich vor, dass ich tatsächlich geglaubt haben könnte eine Stadtwache sei hinter mir her nicht nach Amon. Ich war froh, wenn es schnell gegangen war. „Ich sagte doch, wir hatten viel Spaß“, seine Stimme klang heiser. „Spaß?! Was, du meinst du hast…“ Meine Stimme überschlug sich, „Du kannst doch nicht eine ganze Stadt zerstö…“, abermals brach ich den Satz ab und setzte wieder neu an „Du glaubst, dass merkt keiner?“ Meine mittlerweile schrille Stimme verhallte über dem Tal. Man würde sieKilometer weit hören, aber das war mir ebenso gleich wie die fehlende Deckung. Mein Denken versagte und ich endete meine halbherzige Tirade nur noch mit „aber sie waren doch unschuldig…“

Ich zuckte bei meinen eigenen Worten zusammen. Hatte ich das wirklich gerade gesagt? Nein, dass durfte nicht wahr sein. Aber ich wusste, dass es wahr war und ich wusste ebenso, dass er es wusste. Nur würde er es niemals wahrhaben wollen. Ich stand im Schweiß, wusste ich doch dass es die falschen Worte zur falschen Zeit gewesen waren. Ehe ich mich verteidigen konnte kreuzte sich mein Blick mit Amons. Es würde kein Zurück geben, nicht für mich. War Amons Miene schon vorher grotesk gewesen blickte ich in das Gesicht eines nicht mehr menschlichen. Wobei wir noch nie menschlich gewesen waren, wir hatten es nur versucht und er war daran wohl zerbrochen.

„Unschuldig?“ zischte er ganz leise und fixierte mich dabei wie ein Raubtier. Dann hob sich ein Mundwinkel, sein grausamstes Lächeln kam zum Vorschein. „Wann hast du das erste Mal den Tod zu Gesicht bekommen?“ Ich öffnete den Mund, da sprach der einfach weiter. „Ich meine damit nicht nur einen toten Körper, sondern einen töten Körper von jemanden den du geliebt hast. Ich meine den Hunger in den Augen von deiner Familie, deinen Freunden, deinen Verwandten. Die ausgemergelten Körper, die aufgeblähten Bäuche. Offenen Wunden, die nicht versorgt werden können, die Maden die sich dort drin eingenistet haben, der Geruch von verwesendem Fleisch. Die Toten, die schon lange nicht mehr leben aber auch nicht bereits zum sterben sind, Mütter die ihr Frischgeborenes im Arm halten und im besten Falle gleich mit ihm zusammen sterben damit sie das Leben nicht ertragen müssen?“ Die letzten Worte spuckte er mir mit purer Verachtung in Gesicht. „Wann hast du dies jemals gesehen?!“, schrie er mir nun endgültig entgegen. Dann rissen seine Wunden wieder auf und er verstummte, sein Gesicht voller Schmerz.

Ich wollte den Mund au machen. Ihm antworten ihn abermals beruhigen und zur Vernunft bringen. Doch mir fehlten erneut die Worte das Geschick jemandem wieder Hoffnung zu schenken. Stattdessen schaute ich ihn einfach nur an und begann mich zu fragen, ob Amon jemals wieder zur Vernunft kam vielmehr kommen wollte.

„Wusste ich es doch… Falls du es nicht weißt oder vergessen hast ich konnte meine Eltern nicht mehr vergraben, weil ich keine Kraft mehr dazu hatte. Ich hatte die Wahl zwischen Chumur in Sicherheit bringen oder den Rest des Stammes in Stich lassen. Seitdem sehe ich sie jede Nacht, schreiend, wimmernd, langsam verwesend. Leben, was nie bereits war zu leben außer Chumur. Chumur, mein kleiner Bruder und Engel, ein Wunder. All die Jahre hat er es geschafft zu überleben. Ich weiß nicht wie und es ist mir bis heute egal. Wenn ich ihn sah, bekam ich erneut die Hoffnung auf ein neues, besseres Leben. Trotz Hunger, Tod und Schmerz war er nicht zu bändigen. Sein Blick strotze vor Trotz und Neugier und jedes Mal wenn ich aufgeben wollte half er mir wieder auf die Beine und brachte mich dazu weiter zu machen. Weiter zu jagen, weiter zu bauen, weiter uns davor zu bewahren entdeckt zu werden. Nur uns zwei, die anderen konnte ich schon nicht mehr retten. Weshalb also musste er sterben und ich nicht?!“

In dem Moment setzte sein Husten wieder ein. Er begann sich wieder vor Schmerzen zu krümmen und drohte erneut zusammen zu sacken. Ich war hin und her gerissen, hatte ich zwei Möglichkeiten Fliehen oder Kämpfen. Mir war klar ich müsste früher oder später sowieso gegen ihn antreten. Aber jetzt und hier? Er war so etwas wie mein Bruder, er hatte mir das Leben gerettet und wer wusste schon ob er sich nicht wieder beruhigte. Die Wahrscheinlichkeit, dass er von irgendeinem Menschen hier gefunden würde lag nicht einmal so niedrig, wenn ich Glück hatte würde sich das Problem von selbst erledigen. Langsam bewegte ich mich immer weiter vom Abgrund hinfort und dann fing ich wieder an zu rennen. Amon hatte wieder angefangen Blut zu spucken und lag auf allen vieren. Kurz bevor ich in ihn reingelaufen wäre setzte ich zum Sprung an und… Dann ging alles ganz schnell. Ich sah noch aus dem Augenwinkel wie Amons Arm hochschnellte meinen Fuß packte und sich dann in einer blitzschnellen Drehung aufrichtete. Ehe ich ausweichen konnte wurde ich durch die Luft geschleudert. Ich verlor jegliche Kontrolle und überschlug mich in der Luft und sah den großen Felsen zu spät. Brennender Schmerz durchfuhr zuerst meinen Kopf dann meinen Torso und schließlich mein Steißbein. Ich drohte nach vorne zu fallen, versuchte mich abzufangen aber vergeblich. Der Schmerz war zu groß, um meine Arme auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Amon hatte sich inzwischen wieder erholt, wankend kam er auf mich zu gehumpelt. „Dachtest du ernsthaft du könntest fliehen“, sein manischen Grinsen setzte wieder ein und ich Begriff, dass ich verloren hatte. Ich würde hier nicht mehr rauskommen, dass Einzige was ich tun konnte war ihn mit mir zu nehmen.

„Du hattest ernsthaft geglaubt ich hätte vergessen, dass du an dem Tag für die Schutzzauber verantwortlich gewesen bist? Du warst schon immer naiv gewesen aber für so dumm hätte ich dich wirklich nicht gehalten. Schade, ich hatte wirklich geglaubt, dass es sich lohnen könnte jemand anderem außer mir selbst zu vertrauen.“ Mich auf ihn konzentrierend

beobachtete ich ihn wie er näher kam. Ich musste bei Bewusstsein bleiben, andernfalls war meine Chance vertan. Die weißen Punkte vor meinen Augen wurden immer mehr, sie fingen an zu tanzen, zu kreiseln und schließlich hatte ich das Gefühl zu fallen. Mein Kopf drohte zu explodieren, mein Rücken fühlte sich so an als ob gerade jeder Wirbel einzeln gebrochen würde und meine Rippen lagen überall dort wo sie definitiv nicht hingehörten. Ich biss mir auf die Lippe. Überdecke ferneren Schmerz mit näherem, es war mein letzter Versuch bei Bewusstsein zu bleiben um Amon auch nur irgendwie zu stoppen. Die Menschen hatten bereits genug bezahlt… Ich musste nur den richtigen Moment abpassen dann könnte ich ihn packen und mit mir ziehen. Aus den Augenwinkeln nah ich gerade so den Klippenrand wahr.

Nur noch Umrisse erkennend bemerkte ich Amon wie er immer noch schwer atmend vor meinen Beinen Halt machte. Weshalb kam er nicht näher? Würde er mich hier liegen lassen? Über die Klippe ziehen würde er mich nicht, dafür war er zu schwach. Aber da stand er, Minute für Minute. Ich spürte wie er kämpfte nicht gegen sich, sondern gegen seinen Körper. Er war am Limit, soviel stand fest. Ich wollte etwas sagen, brachte aber gerade so ein Grunzen heraus.

Ich bemerkte wie nun nicht mehr nur aus meiner Lippe Blut lief, sondern sich ein kleines Rinnsal an meiner Schläfe gebildet hatte. Der Schmerz nah abermals zu und schlug in Wellen durch meinen gesamten Körper. Mein Geist wehrte sich, durfte ich noch nicht nachgeben aber mein Widerstand sank zusehends. So lange Amon außerhalb meiner Reichweite stand hätte ich keine Chance. Verzweifelt versuchte ich meine letzten Energiereserven zu mobiliseren, aber vergebens. Ich konnte weder nach rechts noch nach links geschweige den aufstehend.

Die Schwärze um mich herum wurde größer, Amons Keuchen dumpfer, meine Schmerzen schwächer, mein Blickfeld kleiner und mein Atmen schwächer.

Zuletzt setzte ihre Atmung aus. Eins musste man ihr lassen, sie war verdammt zäh gewesen. Zäh aber so unfassbar naiv. Ich machte einen Schritt nach vorne bis ich neben ihr stand und schaute auf sie herab. Wenn nicht die Knochenbrüche gewesen wären, hätte sie fast so ausgesehen als ob sie schlafen würde. So friedlich, so unschuldig wie mein kleiner Bruder. Beide hatten für ihre Fehler zahlen müssen, auf dass sie nun auf ewig i frieden Ruhen würden. Damit trat ich einmal fest gegen sie und sie rollt über die Kante. 

Advertisements

Die Namenlosen, Teil II

Nicht einmal geschrien hatte ich, dafür war in den Augen meiner Mutter zu viel Angst gewesen. Instinktiv war mir bewusst gewesen, dass es nicht nur um mein Leben ging. Sobald ich den Sack wieder geöffnet hatte sprang ich vom Wagen und rannte so schnell es ging davon. Vor der nächstbesten Taverne erfuhr ich aus einem Gespräch, dass meine Heimat bis auf die Erde abgebrannt worden war. Überlebende hatte es offenbar keine gegeben. Wer an dem Brand Schuld war wusste man noch nicht. Je länger ich dem Gespräch gelauscht hatte desto seltsamer war es mir vorgekommen. Meine Nackenhaare stellten sich auf, mein ganzer Körper weigerte sich diese Geschichte zu glauben. Geschweige denn mein Bewusstsein, da ich endlich erkannte was das für mich bedeutete. Nur hatte ich keine Zeit weinend zusammen zu brechen. Erstens würde ein weinendes Kind in dieser Gegend auffallen wie ein grünes Schwein und zweitens merkte ich wie meine Fingerspitzen wieder  zu kribbeln anfingen. Das bedeutete nie Gutes und ich suchte abermals das Weite. Wie durch ein Wunder traf ich auf Amon und seinen kleinen Bruder. Eigentlich trafen sie auf mich, weil ich in eine ihrer Hasenfallen getreten war. Amon war kurz davor mich zu verprügeln, aber Chumur beruhigte ihn wieder und nach längerem zögen und misstrauischen beäugen nahmen sie mich schließlich mit. Weshalb, sollte ich erst sehr viel später erfahren.

„Wo sollen wir denn noch hin?“, zerriss eine Stimme die Stille und mich somit aus meinen Gedanken. „Wohin verdammt?! Sie sind überall…“ Amon musste sich beruhigt haben, zumindest hatte er das Schluchzen gestoppt. Nur noch ein leichtes Zittern verriet wie ausgelaugt er war. Ich schwieg – wusste ich doch auch keine Antwort. Dann ein schlurfendes Geräusch. Ohne den Kopf zu drehen sprach ich in die mittlerweile aufgekommene Dunkelheit „Leg dich wieder hin. Nocheinmal verarzte ich dein Bein nicht.“ Als Antwort hörte ich lediglich etwas durch die Luft sirren, reflexartig rollte ich zur Seite ehe hinter mir die Steinwand splitterte.

Ich schluckte, hatte er gerade begriffen wessen Schuld Chumurs Tod gewesen war? Würde er mich töten? Nein, so dumm würde er nicht sein. Momentan konnte er nicht alleine überleben, mich umzubringen wäre sein Todesurteil. Ich war die Einzige, der er vertrauen konnte. Wobei vertrauen? Vielleicht kannte er so etwas nicht mehr. Vielleicht war in den letzten Nächten etwas in ihm zerbrochen, was nie wieder zusammengesetzt werden könnte.

„Du fragst mich, ob ich verrückt bin? Mein Bruder stirbt gerade und dass einzige an was du denken kannst ist mein verdammtes Bein?! Wenn ich dafür meinen Bruder wieder zurückbekommen würde, würde ich es mir bei vollem Bewusstsein abhaken.“, den letzten Satz knurrte er förmlich wie ein wildes Tier. Gern hätte ich ihm geholfen. Ihn aufgemuntert, dass alles gut werden würde. Aber ich wusste genauso gut wie er, dass dies eben nicht eintreten würde. Das was ich für ihn tun konnte war ihn in Ruhe zu lassen und zusehen, dass ich uns zwei irgendwie durchbrachte. „Tut mir Leid“, flüsterte ich statt dessen und verstummte dann wieder. Keine Reaktion. „Tut mir Leid“, wiederholte ich ein bisschen lauter. Wieder nichts, dann drehte ich ganz langsam meinen Kopf zur Seite. Was ich dort sah, erschreckte mich.

Der Amon den ich vor mir sah, war nicht mehr der Amon den ich vor wenigen Tagen zuvor gekannt hatte. Sein Haar hing strähnig herunter, sein Gesicht eingefallen und seine Augen immer noch genauso tot und leer wie vor ein paar Stunden. Ein Teil der fast verheilten Wunden waren wieder aufgerissen und bildeten blutige Rinnsale die sich nun langsam durch sein zerfurchtes Gesicht bahnten.

„Weißt du, wir müssen ihn auch gar nicht lebend retten.“, er legte den Kopf zur Seite und strich sich versonnen über die Stirn und dann durchs Haar. Dabei verschmierten seine Hände einige der noch frischen Blutspuren. Spätestens jetzt glich er einem Monster, einem kalten, grausamen Monster. Ob in diesem oder ob schon Jahre davor der Wahnsinn sein Gehirn zerfressen hatte –  eines konnte ich mit Sicherheit sagen. Amons Augen waren nun alles andere als leer. Sie waren erfüllt von blankem Hass, auf mich, auf Chumur, auf die Menschheit und die ganze Welt. Dieser Hass würde nicht eher ruhen bis er Genugtuung dafür bekommen hatte was ihn so hatte wachsen lassen. Dieser Hass war nichts anderes als die Gier nach vollkommener Rache, egal was kommen mochte. „Fangen wir mit dem Mädchen vom Fluss an…“, setzt er nach.

Ich stutzte, richtig das Mädchen vom Fluss. Das hatte ich schon ganz vergessen. Wir waren damals noch nicht lange in der Gegend gewesen und starben des Hungers. Seit Tagen war nichts mehr in unsere Fallen gegangen und wirklich Zeit die Gegend zu erkunden hatten wir ebenso wenig gehabt. Amon hatte damals den Vorschlag gemacht sie auszurauben und als Geisel mitzunehmen, für was auch immer. Doch Chumur hatte dagegen gestimmt, stattdessen hatte er den Vorschlag gemacht sie zu beobachten. Die Vorräte einer Familie oder vielleicht sogar eines ganzen Dorfes waren besser, als der läppische Haufen Algen, den sie gerade geerntet hatten.

Unsere Hoffnung wuchs je länger wir das Mädchen beim ernten beobachteten und sie wuchs weiter, als wir ihr folgten. Sie war so etwas wie ein Hoffnungsträger, mit ihrer Hilfe würden wir vielleicht einen Weg ins nächste Dorf finden. Es kam noch besser, sie führte uns nicht nur zu einem Dorf sondern sogar zu einer kleinen Stadt. Gerade groß genug um nicht aufzufallen, gerade klein genug damit nicht übermäßig viele Stadtwachen beschäftigt werden konnten.

Damals hatten wir Glück gehabt, dass der Händlerstrom so groß gewesen war und die Wachen offensichtlich betrunken. Ansonsten wären wir vermutlich sofort gejagt worden. Verdreckte, ausgezehrte Menschen wollte keiner in seiner Stadt haben, egal wie groß oder klein. Der einzige Ort wo wir nicht aufgefallen wären, wäre die nächtliche Parallelwelt unter den Brücken und Hafenvierteln gewesen. Der Wald blieb reizvoller, nur nicht unbedingt nahrhafter weshalb wir uns entgegen Chumurs Meinung griffen was wir tragen konnten und so schnell wieder verschwanden wie wir gekommen waren. Es war auch der erste Streit zwischen Amon und seinem kleinen Bruder gewesen, wir hatten nicht gewusst wie viele noch folgen würden.

Vorsichtig schielten meine Augen nach links. Er schien sich beruhigt zu haben, zumindest hatte er bisher keinen weiteren Ton von sich gegeben und so wie es aussah war er wohl vor Erschöpfung eingeschlafen. Mir fiel ein kleiner Stein vom Herzen – erst jetzt bemerkte ich wie angespannt ich gewesen war. Meine Arme und Beine schmerzten und mein Nacken brannte. Mit der Entspannung kamen allerdings auch wieder die Gedanken, die Vorwürfe, die Ängste.

Hätte ich etwas ändern können? Hätte ich Amon von dem Mädchen erzählen sollen? Hätte er mir überhaupt zugehört? Wohl kaum, vor allem was hätte er mit Chumur getan? Im besten Falle wohl eingesperrt… Und mit dem Mädchen…? Obwohl ich mich versuchte so gut es ging abzulenken, blieb ich in meinen Gedanken und den ewigen Fragen gefangen…

Ein Scharren holte ich mich in die Realität zurück. Was war das gewesen? Schlagartig schlug ich meine Augen auf und verharrte in einer Art Schreckensstarre. »Versteck dich« zischte es durch meinen Kopf, doch bevor ich aufspringen wollte lauschte ich noch einmal genauer.

Das Scharren hatte aufgehört, stattdessen keuchte jemand so als ob derjenige entweder gejagt worden wäre oder sehr lang gerannt war. Vorsichtig hob ich den Kopf, wenn ich mich nicht allzu dumm anstellte konnte ich den Überraschungsmoment nutzen, aber dazu musste ich erst einmal feststellen wie viele es waren. Draußen dämmerte es bereits, demnach war ich eingeschlafen, meine Aufgabe war die Wache gewesen. Ich hatte ein weiteres Mal versagt, wenn uns was passierte war ich Schuld. Wobei ich das so oder so war, viel zu verlieren hatte ich nicht. Wie waren die hier hineingekommen?! Egal, ich rechnete mindestens mit zwei Wachen, Männern, Plünderen wer auch immer sie waren… sie mussten sterben. Ich rollte mich zur Seite und sprang mit einem Satz auf die Beine, noch im Sprung drehte ich mich in die vermeintliche Richtung und setzte zum Angriff an.

Nur waren dort keine Männer, zumindest nicht dort wo ich hinzielen wollte. Der Einzige, der dort stand war Amon. Stehen war jedoch arg übertrieben, er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Das Keuchen stammte offensichtlich von ihm. Inzwischen war es mehr ein Röcheln geworden, dann plötzlich sackten ihm die Beine weg und er fiel auf die Knie. Immer noch röchelnd, sich an die Kehle fassend und immer noch nach Luft schnappend.

Mein Adrenalin nahm überhand und eilte zu ihm, wollte ihm helfen und wusste abermals nicht wie. Ich fluchte, ich konnte zwar heilen nur beschränkte sich das auf Schnittwunden und einfache Knochenbrüche. Die Rede war nie von halbtot gewesen… Wenn ich ihm nicht half würde er so oder so ersticken, ich ging das Risiko ein ihm das Brustbein zu brechen und trat dagegen, gleichzeitig packte ich ihn an den Schultern, sodass er nicht nach hinten fiel. Ich hatte den Fuß noch nicht zurück gezogen da übergab er sich. Schlagartig färbte sich alles rot, mein Fuß, mein Schienbein, seine Knie und der Boden um uns herum.

Als ich begriff was es war wurde mir schwindelig, dann schlecht und zuletzt schwindelig. Trotzdem hielt ich Amon irgendwie immer noch in meinen Armen. Sein Röcheln war mittlerweile in Husten übergegangen. Nein warte, das war kein Husten Amon lachte. Was zur Hölle… „Was hast du getan“, flüsterte ich… Sich immer noch auf mich stützend richtete er sich nun auf. Ich wusste nicht was schlimmer war, sein Gesichtsausdruck oder der Umstand, dass er immer noch stehen konnte.

„Sagen wir… Ich habe ein kleines Fest veranstaltet, zu Ehren vo….“ Er stockte als suche er nach den passenden Worten… „Zu ehren meines kleinen Bruders.“, beendete er den Satz.  „Wir hatten viel Spaß“, ergänzte er schnell. War mir vorher schon flau im Magen gewesen, war mir jetzt endgütig schlecht. „Was meinst du damit?“ Er legte den Kopf schief und sah mich durchdrungen an, dann bewegte er den Kopf zur anderen Seite der Schulter. Es knackte. „Weiß du nicht was Spaß haben bedeutet?“, sein grinsen wurde breiter. „Siehst du, deshalb habe ich dich nicht geweckt. Ich wusste du würdest etwas dagegen haben“ Er stoß sich von der Wand und ging leicht schwankend in Richtung Schlafplatz. Erst jetzt schaute ich an ihm runter. Seine Kleidung sah nicht besser aus als der Rest. Dann bemerkte ich den Sack, der am Höhleneingang stand. Meine Augen weiteten sich langsam vor Schreck als ich zu ahnen begann, was er getan hatte. Langsam drehte ich mich zu ihm um „Woher hast du das“ und deutete mit dem Kopf gen Leinenhaufen. Amon schaute zu mir auf und zog abermals die Schultern hoch und bedeutete mir, dass er keine Ahnung hätte. „Gewonnen schätze ich? Schau nicht so“. er grinste wieder und begann fröhlich zu pfeifen.

Die Namenlosen, Teil I

Die letzten Tage gab es ein kleines Hin und Her mit der Geschichte. Sie sollte eigentlich am Sonntag erscheinen und dann zwitscherte mir eine Kiwi, dass hier ein paar Logikfehler etc. drin wären. Da ich ein wenig in sauer lag (zu wenig geschlafen, zu viele Konzerte) habe ich es erst einmal runter genommen. Jetzt ist es aber hoffentlich endgültig fertig und ich wünsch euch ganz viel Spaß:

Ausdruckslos starrte ich in die Leere. Am großen Platz vorbei hinein ins Nichts. Völlig unbeeindruckt von all den sich amüsierenden und aufgeregten Massen. Sie waren Schuld  gewesen wie immer in meinem Leben. Was hätte ich darum gegeben schreien zu dürfen, alle bösen Erinnerungen hier und jetzt aus meinem Gedächtnis zu verbannen. Warum?! Warum konnte ich es nicht? Warum musste es uns treffen? Viel mehr warum ihn? Warum nicht mich…oder uns? Wer war denn so böse gegen jene, die noch nie auch nur irgendetwas verbrochen hatten, jene die seit Jahrhunderten verfolgt und verhasst wurden.… Wie konnten sie es wagen. Meine Kehle war wie zugenäht, zugenäht von verhassten, paranoiden Staatsführern, die an jedem und allem ein Exempel statuieren mussten und das Schlimmste war, die Mehrheit spielte mit. Aus Angst hielten sie sich versteckt. Wer wollte sich schon den Verurteilten anschließen? Noch nicht einmal die kleinsten Kleinstkinder wären so dumm gewesen. Hier zu leben war Selbstmord auf Raten, aber sich dagegen zu wehren pure Folter.

Bevor mich auch nur irgend jemand wahrnahm verschwand ich im Wald, irgendwohin. In unser altes Versteck konnte ich ja nun nicht mehr. Verbrannt hatten sie es und nicht nur dass, vorher hatten sie es auch noch zerstört und anschließend erneut ausgeräuchert. Natürlich nur um uns zu vertreiben. Wir, die möglicherweise noch irgendwo hätten liegen können unter den Trümmern begraben. Wie hatten sie uns nur finden können?! Ich hatte doch sämtliche Siegel verstärkt, alle Kreise neu gezogen, selbst die Steine neu gesät und doch hatte ich bei einem von uns dreien versagt. Eine Silbe zu schnell gesprochen, eine Linie nicht gleichmäßig gezogen oder eine Rune falsch gesetzt. Mir war klar, dass es jeder Zeit wieder passieren könnte… Dann wären wir wieder einer weniger und letztendlich ganz fort. Seit Jahrhunderten wurden wir bereits gejagt und nie war jemand von uns am Tod eines Mitglieds Schuld gewesen. Bis heute, heute war ich es. Ich versuchte den aufkommenden Würgereiz zu unterdrücken, ich wusste das es Amon wusste und er wusste, dass ich wusste. Sein Bruder war aufgrund meines Fehlers gestorben. Gerechtigkeit sah anders aus.

Ein Entrinnen würde es nicht geben, nicht mehr für ihn. Für keinen von uns. Vielleicht hätten wir ihn vor Jahrtausenden mit unseren Legionen retten können, aber Zeiten änderten sich.

Zu zweit, war es schlichtweg unmöglich. Dort wo Amons kleiner Bruder nun bis zu seinem Tod verweilte würde es düsterer und tödlicher sein, als die menschliche Hölle selbst.

Schon bei dem puren Gedanken stellten sich meine Nackenhaare auf. Gleichzeitig verlangsamten sich meine Schritte, meine Füße hatten mich automatisch zum Unausweichlichen geführt. Ich wusste was auf mich wartete, vielmehr lauerte. Ein verzweifelter Amon in der Hoffnung seinen Bruder wieder zu sehen. Ich hatte es ihm in aller Naivität versprochen. Ich hatte ihm geschworen Chumur zurückzubringen, schließlich standen die Chancen am Anfang sogar gut. Bis zu dem Moment, als Chumur gestand oder vielmehr dem Druck nachgab zu gestehen. Wie versteinert hatte ich zusehen müssen wie der Gong geschlagen wurde, der dumpfe Klang hatte meine Füße erfasst, meine Knochen durchdrungen und war durch die Mauern hindurch auf die Straßen getragen worden. Insgeheim hoffte ich, dass es Amon gehört hatte. In seinem Zustand, ihm den Tod seines Bruders zu verkünden machte mich wahnsinnig vor Angst. Gleichzeitig wusste ich je länger ich wartete, desto schlimmer würde seine Reaktion und ich wollte nicht noch jemanden verlieren. Nicht jetzt, selbst ihn nicht. Ich war schließlich kein Mensch. Wir würden schon einen Weg finden wie bisher immer.

Ich schloss die Augen, hörte auf meinen Herzschlag, versuchte ihn wahrzunehmen nur um ihn anschließend zu packen und zu schütteln auf, dass er endlich Ruhe geben sollte. Nichts geschah, ich begann sogar leicht zu schwanken. Sofort öffnete ich die Augen. Es musste enden, jetzt hier sofort, sonst würde ich noch vor Kummer verrückt.

Unsicher lehnte ich mich an den Stein und ließ mich innerlich fallen. Niemand, selbst der stärkste Rammbock hätte diese Wände zerbrechen können. Außer man war wie wir, nicht menschlich. Doch ehe ich mich überhaupt sammeln konnte, wurde ich an der Schulter gepackt und so stark herumgezerrt, dass ich das Gleichgewicht verlor. Wäre die Hand nicht gewesen, wäre ich vermutlich auf den harten Steinboden gestürzt.

Staub wirbelte auf und verklebte meine Wimpern, nur undeutlich sah ich die Gestalt vor mir. Dann ein erneuter Ruck durch meinen Körper, die Gestalt vor mir hielt mich gepackt wie ein Schraubstock. „Wo ist er?!“, donnerte es mir entgegen. Erst nach Sekunden begriff ich, dass es Amon war. „Sag mir wo er ist oder…“ er vergrub seine Fingernägel in mein Schlüsselbein und ich zuckte vor Schmerz zusammen. Durch den inzwischen wegeblinzelten Staub konnte ich seine Befürchtung geradezu wachsen sehen. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, dann erfasste der Schmerz der Verzweiflung seinen Körper, übermannte ihn und begann seine Seele zu zerfressen.

Bevor er sich wieder fassen konnte stieß ich ihn von mir weg und stolperte ein paar Schritte nach hinten. Bloß raus aus seiner Reichweite. „Du weiß ganz genau wo er ist“, flüsterte ich leise. Noch immer vermied ich der Wahrheit ins Auge zu sehen . „Ist-ist er tot?“, stieß Amon hervor. Ich ignorierte ihn, wusste er es doch selbst. „Antworte, Gott verdammt!“, hörte ich ihn schreien. „Es gibt keinen Gott, es gab nie einen, und es wird auch nie einen geben! Jedenfalls nicht für uns…“, schrie ich zurück. Da gaben seine Beine endgültig nach und er fiel auf die Knie, vergrub sein Gesicht in seine Hände. Sein Körper fing stark an zu zittern und seine Schreie hallten noch Minuten in dem uralten Höhlensystem wieder. Das war keine Verzweiflung mehr, dass war purer Zerfall. Alles erbebte: Mark, Bein, der feine Staub, selbst die Wände schienen zu vibrieren unter dem puren Schmerz eines liebenden Bruders.

Ich ließ ihn schreien, kein einziges Wort und keine einzige Geste hätten ihn beruhigen können. Gegen Schmerz gab es nur ein Mittel und dass war die Zeit. Er konnte nicht endlos so weiter schreien, irgendwann würden seine Stimmbänder nachgeben oder sein Bewusstsein. Unentschlossen zog ich mich zurück, bemerken tat er mich nicht und schließlich nach schier endlosen Minuten sollte ich recht behalten. Sein Schluchzen wurde leiser, seine Schreie kürzer und das Husten und Röcheln lauter bis er letztendlich ganz verstummte.

Dann Stille, weder ich noch er bewegten sich. Keiner von uns schien zu atmen, jeder von uns schien auf die Reaktion des anderen zu warten gespannt wie ein Flitzebogen. Auch nur ein falsches Wort und das Grauen würde von vorn beginnen. „Warum? Warum musste es ihn treffen?“, Amon rang nach Luft. Erschöpft und immer noch zitternd stemmte er sich hoch und drehte seinen Kopf schwach in meine Richtung. Sein Blick war leer und tot, ich erschauderte. „Hör zu“, fing ich an, „es gibt Dinge, die können selbst wir nicht verstehen.“, nun brach meine Stimme. Ich war immer noch angespannt, wie viel Zeit blieb mir noch ehe er eins und eins zusammenzählte und mich beschuldigte. Mein Sichtfeld verschwamm und ich presste die Augen zusammen, jetzt bloß nicht weinen. Nicht hier und nicht vor ihm, einer von uns musste einen kühlen Kopf bewahren. Zumal ich ihn wohl bald brauchen würde.

Anstatt mich meiner Trauer hinzugeben starrte ich wie gebannt auf den Boden, doch irgendwann gab mein Wille den Geist auf. Meine Beine wurden weich und ich glitt die Steinwand herunter dort kauerte ich mich zusammen. Das Einzige, was ich jetzt noch wollte war schlafen. Schlafen, schlafen schlafen. All das schlechte, all das Grauen der letzten Stunden vergessen, aber ich wusste es würde nicht funktionieren. Solche Dinge konnte und durfte man nicht vergessen…

Verträumt dachte ich an die Zeiten, als ich noch so etwas wie glücklich gewesen war. Niemand hatte auch nur eine Notiz von mir oder gar von meiner Familie genommen. Wir waren stinknormale Bauern gewesen, nicht besonders reich aber zufrieden. Es reichte zum Leben und es gab schlimmeres als auf dem Feld zu arbeiten. Selbst unser Lehnsherr war gütig gewesen vielmehr streng, aber gerecht. Ungern erinnerte ich mich an die Geschichten von den fahrenden Spielleuchten, ich hatte sie bis dato immer für Schauermärchen gehalten bis zu dem Tag an dem unsere Äcker abgebrannt wurden und ich mich inklusive meiner Eltern plötzlich auf der Flucht befanden. Erst dann fand ich heraus, was ich wirklich war und dass mein Leben nie wieder so sein würde wie vorher. An dem Tag der Flucht verlor ich nicht nur meine Eltern, nein ich verlor alles was ich bis dato kennengelernt hatte: Geschwister, Freunde, Verwandte, Nachbarn und meine Heimat.

Wie durch ein Wunder gelang es mir zu entkommen und wie das Schicksal es so wollte stieß ich auf Amon und seinen kleinen Bruder. Amon wollte mich zuerst verraten, sah dann aber ein dass ich recht nützlich war und behielt mich dann doch widerwillig. Schließlich konnte ich lesen, schreiben und dass was mir mein Vater sonst noch so gelehrt hatte. Wie dumm ich gewesen war, mich vorher nicht zu fragen weshalb ich über die Dinge nie mit anderen reden durfte. Wie dämlich von mir, dass ich dachte es sei normal Sachen zu bewegen ohne sie jemals berührt zu haben.

Wir zogen einige Zeit durch die Länder, möglichst bedacht darauf unentdeckt zu bleiben. Drei arme Waisen getarnt als Kinder von gewöhnlichen Schmieden, Bäckern oder Stallmännern. Eines Tages gelangten wir an den Rand des Tals, in dem die Stadt so friedlich lag. Unschuldig und fast noch unberührt. Es gab nirgendwo Anzeichen darauf, dass wir auch hier gejagt werden sollten. Es wurden weder Waffen verkauft noch hingen hier irgendwo Aushänge, die die Bewohner anstacheln sollten die Augen aufzuhalten. Selbst heute, selbst nach diesem Vorfall änderte sich weder das Verhalten noch das Äußere der mittlerweile nicht mehr ganz so winzigen Stadt. In dem Sinne war es sogar noch schlimmer als in den südlicheren Großstädten. Hier glichen die Aristokraten Schlangen, die nur darauf warteten dass sich jemand zeigte und dann wurde kurzer Prozess gemacht. Ohne Kommentar, ohne großes Aufsehen… Oder war der Geburtstag des Kaisers Schuld gewesen? Färbte der nationale Eifer auf den Charakter der Gesellschaft ab? Tief in meinem Inneren zweifelte ich, Menschen waren und blieben grausam ungeachtet der äußeren Umstände. Wie viele Menschen würden in den nächsten Tagen wohl anreisen? Hunderte, Tausende? Eine Hinrichtung unseresgleichen am Nationalfeiertag hatte man noch nie erlebt, es würde sicherlich ein großartiges Fest werden. Allein die Vorstellung jemandes Todes so ausgiebig zu feiern war einfach nur zu grausam um wahr zu sein.

Ich wollte gar nicht wissen, wie Amon sich fühlen müsste. Schließlich erlebte ich es zum ersten Mal, er nun zum dritten oder vierten? Ich war mir nicht mehr sicher wusste ich nur, dass er bereits seine gesamte Familie verloren hatte. Um ehrlich zu sein, war es noch nicht einmal wirklich wichtig. Für uns zählte nur die Gegenwart und der nächste Tag. Weiter trauten wir uns nicht zu denken, früher war es anders gewesen. Zumindest für mich bis ich eines nachts  von meinen Eltern wachgerüttelt und anschließend in einem Kartoffelsack auf einem Wagen verstaut worden war.

23. Türchen:

„Aufgabe? Geheim!“ – Walle-E

Brumm, Brumm. Dieses Brumm-Brumm-Etwas ließ mein Bett vibrieren. Ich drehte mich wieder zur Wand, schließlich war Samstag. Samstag, da stand ich für gewöhnlich nie auf. Nie, egal was war: Umzug, Bauarbeiten, fuchsteufelswilder Kumpel, selbst bei einem Erdbeben wäre ich liegen geblieben. Das Haus war eh so marode, dass aufstehen auch nichts genützt hätte. Bevor man auch nur die Tür hätte erreichen können wäre man erschlagen worden. Deckel drauf, Mensch tot. So einfach war das. Brumm, Brumm machte es wieder. Immerhin war es ein sehr angenehmes an mein Bett stoßen. Erdbeben könnten anscheinend sogar beim Wiedereinschlafen helfen. Das Geschunkel in meinen Traum einbauend döste ich weiter. Nur moment, seit wann brummten Erdbeben? Ich stöhnte… Also kein Geschenk von Mutternatur. Jetzt begann auch langsam mein Kopf zu schmerzen. Gut, sagte ich langsam? Ich meinte schnell. Mein Kopf glich einem chinesischen Feuerwerk. Selbst ein Schlag in die Fresse fühlte sich angenehmer an. Merke: Zwei Schwermatrosen sind nix für einen leeren Magen. Brumm, Brumm machte es wieder. Dieses Mal lauter, drängender. Ich jaulte… Mein Kopf. Das Hämmern wurde heftiger. Welcher Vollpfosten besaß den Schlüssel zu… „Verpiss dich“, grummelte ich. Egal wer es war, er sollte gehen – sofort. Es folgte leises Getrappel, dann wurde das Brummen leiser. Endlich. Zumal ich jetzt sicher sein konnte, dass es kein One-Night-Stand gewesen war, denn diese ließen sich für gewöhnlich nicht mir einem „Verpiss dich“ abwimmeln, schon gar nicht die Hübschen.

Langsam schob ich mir die Decke über den Kopf. Bloß nicht zu schnell bewegen, meldeten meine Muskeln. Aber ehe ich wirklich wieder Einschlafen konnte wurde das Trappeln wieder lauter und dann, dann gab es einen kräftigen Rumms und mein komplettes Bett erzitterte. Die Matratze senkte sich und ich flog ein Stückchen in die Luft. Mein Kopf explodierte, ich wimmerte. Jetzt rebellierten nicht nur Kopf und Muskeln, nein auch der Magen kam jetzt hinzu. Wütend tastete ich nach einem Kissen. Wer auch immer das gewesen war… Reflexartig schlug ich die Augen auf und versuchte mein Ziel zu erhaschen – da ein blonder roter Fleck am Fußende meines Bettes. Ich holte aus und hielt inne. Der rote Fleck wackelte und kam über die Decke auf mich zu gelaufen. Das fanden ich und mein Körper noch weniger lustig und ehe ich mich versah hörte ich ganz dicht an meinem Ohr: „Brummmmmmmm!“ Dann schnellte es an mir vorbei. Ich zuckte zusammen. Um ein Haar hätte es mich am Auge erwischt. Nicht das es mir etwas ausgemacht hätte, außer unförmig umher tanzende Lichtpunkte sah ich immer noch nicht. Was es auch gewesen sein mochte, offensichtlich wollte es, dass ich aufstand. Wenn ich erfuhr, wer das war…

Mürrisch setzte ich mich in Bewegung. Wer wusste schon wie ewig dieser Schlafterrorimus anhalten würde? Mein Magen hatte sich bereits auch wieder beruhigt. Zumindest hing er mir nicht mehr direkt im Rachen. Auf ging’s! Zuerst ein Bein über die Kante, dann Zehen ausstrecken, wo war der Boden? Da. Urks war der kalt. Sofort bildete sich von meinem Knöchel aus über die Wade noch eine Schicht Gänsehaut. Erstmal Pause. Bloß nicht nachdenken. Vorsichtig fühlte ich nach meinem Arm… Dann nach dem Anderen beide waren da. Logisch, wie hätte ich mich vorhin auch abstützen können? Wie in Zeitlupe beugte ich mich nun nach vorne. Jetzt kam die Königdisziplin, das Aufstehen. Gefährlich kippte ich nach vorn.  Verdammt – wo war mein Gleichgewichtssinn hin? Der näher kommende Boden begann sich zu drehen.

Los, Gehirn! Stell scharf. Lass mich nicht auf Brennweite 16 sitzen. Krampfhaft versuchte ich die Augen offen zu halten und tatsächlich. Allmählich verschwanden die Farbflecken. Die Wand vor mir wurde langsam scharf und nach einer gefühlten Ewigkeit, hatte ich meinen Kopf soweit, dass er mich tatsächlich aufrichtete. Apropos funktionierende Sinne, hier müffte es. Mit einem Fuß tappte ich voran, der Boden wackelte noch bedenklich, doch ich schaffte es gerade so zur Fensterbank. Ein Glück sie war leer ansonsten wäre sie spätestens jetzt leer gewesen. Meine zitternden Hände griffen nach den Vorhängen. Leicht zog ich daran, nichts. Der Stoff zeigte sich unbeeindruckt und blieb noch genauso hängen wie einige Sekunden zuvor. Mist. Mehr Kraft hatte ich im Moment nicht, geschweige denn die Geduld. Da ertönte leises Gekicher unter mir und ein gewaltiges Ratsch war zu hören. Ich kniff meine Augen zusammen. Scheiße war das hell! Meine Netzhaut brannte. Konnte man von Sonnenlicht erblinden? Schnell drehte ich mich weg vom Fenster, das wiederum mochte mein Kopf gar nicht. Verdammt. Innerlich verfluchte ich Matthias dafür, dass er mich überredet hatte dieses Gebräu zu trinken….

Was war da nochmal drin gewesen? Scheiß drauf. Wenn die Leber versagte, hatte man laut Professor keine Schmerzen. Niere sowie Leberversagen scheinen die angenehmsten Organversagen zu sein, die der Körper so zu bieten hat. Mit einer Hand vor meinen Augen, mit der anderen suchend nach dem Fenstergriff tastend muss ich für den Irren in meiner Wohnung wahrscheinlich sehr lustig aussehen. Mittlerweile hatte ich einfach beschloßen nicht weiter nachzuforschen wer dort in meiner Wohnung umher wütete. Wenn derjenige sich zu erkennen geben wollte sollte er es tun, bis dahin war er lediglich ein Irrer für mich und entweder ich hatte Glück und er war mir wohl gesonnen oder ich würde demnächst in einem Sack entschlafen. Das Pochen fing wieder an. Gut, zu viel denken ging anscheinend noch nicht, da der Hebel. Ich ließ mich fallen. Mein gesamtes Gewicht drückte auf den Fensterhebel und es funktionierte. Kipp musste fürs erste reichen.

„Tatütata“, hörte ich jetzt wiede,r diesmal von noch weiter weg. Wer auch immer es war, er verstand es seine Mitmenschen eindeutig zu nerven, dass schaffte selbst Jim nicht. Höchstens meine Mutter oder…  Jesus Christus! Klein, Blond, nervte, trug etwas Rotes?! „Bitte nicht“, flüsterte ich. „Bitte, bitte. Lass es nicht war sein“ Ich tappte Böses ahnend mehr schlecht als recht in den Flur. Vor der Haustür quer in der Diele lagen ein grüner Anorak, lilafarbene Stiefel, ein dreckiger gelber Turnbeutel und jede Menge Wachsmalstifte. Meine Schwester…! Wie zur Hölle war sie hier rein gekommen? Wer außer mir hatte noch einen Schlüssel?! Kopfschmerzen waren vergessen. Die Übelkeit wurde sofort hinuntergeschluckt, zumindest fürs erste. Denn neben dem schwesterlichen Kleinchaos, kringelten sich bunte süß-sauer Schlangen um die Spüle herum, auf der Anrichte lagen ein paar angebissene Orangen und im Wohnzimmer ergoss sich eine Klamottenflut über den anscheinend wie auch immer nass gewordenen Boden. All das kandiert von einem geplatzten Tetrapack 1,5% fetthaltige H-Milch! „Was hast du da getan?!“, stieß ich wütend hervor.

Aus meiner gestrigen noch einigermaßen betretbaren Wohnung war innerhalb von nur wenigen Stunden oder viel mehr Minuten eine riesige Mülldeponie geworden. Ganz langsam drehte ich meinen Kopf immer noch völlig konstatiert gen Bad. Die Tür stand halb offen, einen weiteren Blick unterließ ich allerdings, wollte ich hier heute noch einigermaßen lebend herauskommen.

„Aufgabe“ erklang es fröhlich aus dem Wohnzimmer und dann rannte mir der Plagegeist direkt in die Kniekehlen. Ich grunzte wütend. Mein Aggressionspotenzial war von dem einer Fruchtfliege auf das einer sehr, sehr, sehr wütenden Hornisse gewachsen. Ein Stich und das Vieh wäre tot gewesen. „Still“ zischte ich nur und packte meine Schwester am Arm. Meine Schmerzen waren vergessen. Was Emotionalität doch so alles bewirken konnte. Die Kleine wollte aber nicht still sein. Weshalb auch? Sie strampelte und begann zu quengeln, schließlich schnappte sie nach meiner Hand. „Bestie“, knurrte ich und versuchte sie durch den Klamottenwust auf das noch freie Ledersofa zu schleppen. Das war Gott sei dank bis auf ein paar dreckige Schuhe verschont geblieben. Ich deponierte meine Schwester neben den Schuhen und blickte tief in ihre Augen. Ihr vor Zorn verzerrtes Gesicht wich der Grimasse eines traurigen Clowns. „Nicht bewegen“, zischte ich nur wieder und beherrschte mich gerade so sie nicht am nächsten Kleiderhaken aufzuhängen.

Stattdessen schaute ich mich weiter suchend um. Zumindest waren die Regale mit Büchern und CDs heil geblieben. Plötzlich fing meine Schwester an zu weinen. Meine Kopfschmerzen meldeten sich wieder. Ich hielt das nicht aus! Was sollte ich denn bitte jetzt machen? Warum weinte die?! „Okay, ruhig… ganz ruhig kleine Schwester. Ich bin dir nicht böse, nur überrascht gewesen.“, log ich um sie zu beruhigen, aber es bewirkte eher das Gegenteil. Sie brüllte noch lauter. „Na warte…“ Abermals glitt mein Blick suchend über das Chaos. Da. Ich stieg über die Milchpfütze hinweg. Mittlerweile musste es doch schon weit nach neun Uhr sein. Angestrengt reckte ich meinen Arm noch weiter nach vorn um die Fernbedienung zu ergattern. Zack, Schwupps. Auf den grünen Knopf gedrückt und schon erklang hinter dem Sofa fröhliches Gelächter aus dem Morgenland, in dem Winnie Puh und seine Freunde gerade aufwachten.

Meine Schwester war wirklich ein kleiner Plagegeist, ständig wollten sie Action. Ich versuchte zu blinzeln und tatsächlich – mein Blickfeld verschärfte sich immer weiter. Wie spät war es eigentlich wirklich? Ich suchte meine Wecker… 12:00 Uhr!? Verdammt. So spät schon? Schnell rannte ich in die Küche. In einer halben Stunde wollte Smilla vorbeischauen. Wie es hier aussah, wie der Blitz überall stapelte sich das Geschirr, der Mülleimer quoll über, und in der Mitte noch mehr verstreute Wachsmaler. Na toll… Wo sollte ich anfangen? Dann auf einmal  stürmte meine Schwester herein, entdeckte mich und klammerte sich an mein rechtes Bein. Dann rammte sie mir ihr Holzflugzeug in die Seite. Ich jaulte auf vor Schmerz „Du kleines Biest…“, fluchte ich.

„Aufgabe, Aufgabe“, plapperte sie bereits weiter. Ich runzelte die Stirn „Welche Aufgabe? Meine Wohnung zu verwüsten? Ja, dass hast du prima gemacht.“, fragte ich gespielt freundlich. „Aufgabe? Geheim!“, rief sie erneut und düste wieder mit ihrem Flugzeug fort. Soso… Wie auch immer… Erst ein Mal musste das Geschirr weg, ich konnte mir denken was sie wollte, aber erst musste aufgeräumt werden. Aus dem Wohnzimmer hörte ich sie über den Fernsehlärm rufen „Geheim, Geheim“. Schnell sortierte ich die Spülmaschine ein, plötzlich spürte ich einen fiesen Schmerz in der Fingerkuppe. Mist, jetzt hatte ich mich auch noch geschnitten. Ich drehte den Wasserhahn auf… Während die eine Hand nun unter dem Wasser hing, versuchte ich mit der anderen den überlaufenden Müll in den Eimer zu pressen. Hektisch schaute ich auf die Uhr, noch 15 Minuten Hilfe…. In 15 Minuten musste ich fertig sein und das Bett? Ach egal, da konnte ich die Tür zumachen, das musste warten. Eilig drehte ich den Hahn zu, so jetzt war fertig machen angesagt. Zähne putzen, Waschen, Haare machen.

Zwischendrin kam immer wieder meine kleine Schwester ins Bad und zog ständig an mir herum. „Aufgabe, Aufgabe!“, rief sie ständig. „Gleich“ erwiderte ich genervt. Mein Güte, konnte sie nicht einmal still sein? Ich hatte jetzt wichtigere Probleme. Wo war mein Lieblingshirt? In der Waschmaschine natürlich… Dann also ein anderes. Ganz hinten im Schrank entdeckte ich noch ein altes abgewarztes T-Shirt voller Farbflecken. Na toll… Mein Renovierungsshirt, egal besser als nichts. Wieder rannte ich in die Küche. Noch 5 Minuten. Mittlerweile schleuderte meine Schwester die Wachsmalstifte in der Küche herum. „Jetzt reicht’s!“ , rief ich sauer. Mein Gott, konnte sie nicht einmal leise sein! Was war bloß mit ihr los, sie war doch sonst nicht so. Mein Kopf hielt das nicht aus. Wo war das Aspirin…? Und ich hatte Hunger! Ahhh… In dem Moment ging mir ein Licht auf. Meine vorherige Vermutung verwarf ich… Meine Schwester hatte Hunger! Natürlich, sie war mindestens schon seit 8 Uhr wach. Ich Idiot! Okay, was war denn noch da… Toast und Milch nicht viel, aber es reichte. „Hedda!“ rief ich. Sie kam angerannt. „Aufgabe? Geheim!“ Rief sie wieder. Ich lächelte… „Armer Ritter kommt sofort“, ich reichte ihr den Teller. „Und die Aufgabe?“, fragte ich? Sie schnappte mir den Teller weg. „Gelöst!“ erwiderte sie bloß mit vollem Mund.

Ende

 

22. Türchen:

59. „Gib mir fünf Gramm Wahnsinn“ -Pulp Fiction/ Teil 1

„Komm schon Mia, dass wird lustig“, rief Zack und zog mich in die bunte Menschenmasse hinein. Meine Versuche ihn abzuschütteln waren seit Ankunft gnadenlos fehl geschlagen wie auch jetzt. Schließlich gab ich es auf und gab nach. Sollte er mich doch hinbringen wo er wollte. Ich würde ihm jedenfalls klar machen, dass ich weder Lust auf irgendwelche rotierenden oder sich überschlagenden Erlebnisse hatte. Nur war Anbrüllen bei dem Tempo was er vorlegte gar nicht so einfach, weshalb ich nicht nur ständig gegen mir entgegenkommende Passanten lief sondern auch noch immer näher an den Tower kam und ehe ich mich versah stürmte mein bester Freund mit einem solchen Elan durch die Schranke um mich mit einem gewaltigen Ruck mich neben sich zu katapultieren. Die Stimme des zuständigen Security-Mannes wurde von den nun einsetzenden und völlig übersteuerten Boxen übertönt aus denen laut das Main Theme von Beverly Hills Cop plärrte. Was ich allerdings vermutete war dass er lediglich auf null hinunter zählte, denn plötzlich begannen sich die Bügel zu schließen und ich saß fest. Im schrecklichsten Fahrgeschäft unter der Sonne. Stink wütend schleuderte mein Kopf herum und rüttelte am Bügel, vergeblich. „Du, ich hab doch gesagt…!“, setze ich an wurde aber sofort unterbrochen „Dass du aber nie Spaß haben willst… „Spaß wird überbewertet erwiderte ich über den musikalischen Lärm hinweg schreiend. „Dann sieh es nicht als Spaß sondern als ein Selbstexperiment, was dich in eine andere Dimension katapultieren wird.“ Er lachte: „Komm schon wart’s ab!“

Anstatt mich aber dabei anzuschauen wich er meinem Blick aus und schaute mit leuchtenden Augen sowie voller Vorfreude gen Himmel. Ein vierjähriger der sich erhoffte Santa Claus und Rudolph in der Weihnachtsnacht zu sehen, wirkte dagegen fast schon depressiv. Beleidigt verschränkte ich die Arme, half gegen den Beginn der Höllenfahrt allerdings auch nicht. Denn bevor ich weiter über die Sache mit dem Experiment nachdenken könnte setzte sich die gesamtePlattform mit einem heftigen Ruck in Bewegung Richtung Himmel. Ich schrie erschrocken auf, er wusste doch dass ich Höhenangst hatte… Leise fluchte ich in mich hinein, bloß nicht nach unten schauen, bloß nicht nach unten schauen. Mach die Augen zu, befahl ich mir innerlich nur um sie kurz danach wieder erschrocken aufzureißen. Das war eine ganz schlechte Idee gewesen. Mein Magen drehte mit zunehmendem Fahrtwind um. „Du bist doch völlig wahnsinnig“ brüllte ich ihn an. Mittlerweile waren wir ganz oben angelangt und vor mir erstreckte sich ein unendlicher Ozean aus Lichtern, Miniaturmenschen sowie den typischen Gerüchen des Jahrmarktes. Fast schon romantisch mit der untergehenden Sonne im Hintergrund, wenn ich hier nur nicht drin sitzen würde. Aber egal wie laut ich zeterte und strampelte er reagierte nicht. Mir wurde schwindelig.

Dann wurde ich auf einmal ganz ruhig, ob dass nun an der beginnenden Schockstarre lag wusste ich nicht, aber was ich wusste war dass sämtliche meiner Körperteile stocksteif geworden waren und ich mich immer mehr in die Rückenlehne presste. „Du Volligiot, wenn wir wieder unten sind….“ murmelte ich. Einige Leute neben mir kicherten hysterisch, fast kam es mir so vor als würden sie mir zustimmen wollen. Wenigstens war ich nicht die Einzige die durchdrehte. „Na gefällt’s dir?“, kam es nun von der Seite. „Nein“, entgegnete ich eisern. „Lüg doch nicht, ich hab gesehen das du vorne hin kurz gelächelt hast“ er widerte er glucksen und strampelte fröhlich mit den Beinen. Nur bevor ich ihm etwas böses entgegnen könnte begannen wir uns auf einmal ganz langsam zu drehen, gefolgt von einem leisen Klick und die Welt stand still. Aber nur für einige Millisekunden, denn dann stürzten wir urplötzlich in die Tiefe. Ich schrie, die anderen schrieen ebenfalls. Oh Gott war das eigentlich normal? So schnell? Wie ein Blitz durch zuckte mich der Gedanke, dass dies hier gerade meine letzen Sekunden meines noch zu jungen Lebens sein musste. Ich würde sterben, hier und jetzt auf der Stelle. Unfähig nach unten zu schauen merkte ich nur wie sich mein Magen immer mehr Richtung Kehlkopf bewegte. War. mir. schlecht. Darüber könnte weder der unglaublich erfrischende Fahrtwind der meinen Angstschweiß trocknete noch die Schwerelosigkeit hinweg täuschen. Wie sich wohl Astronauten beim Start eines Space Shuttels fühlten? Auf jeden Fall so ähnlich das war sicher.

Ganz vorsichtig spähte ich zur Seite der Erdboden war jetzt verdammt nah, gleich würden wir aufprallen. Jetzt schrie ich wirklich aus Leibeskräften wollte ich doch jedem klar machen was hier grausames passierte. Zumindest sollten meine letzen Gedanken an meine Familie gehen, immerhin hatten sie diese Aktion auf den Jahrmarkt zu besuchen von Anfang an nicht gut geheißen. Bereit jeden Moment am Boden zu zerschellen kniff ich jetzt doch lieber die Augen zu. Ganz fest. Wirklich erpicht darauf die entsetzen Gesichter der umstehenden Passanten zu sehen war ich nicht wirklich. Wie fühlte sich dass eigentlich so an? Wie erschlagen werden? Ob Zack im Moment das Selbe dachte? Vor wenigen Sekunden hatte er nicht besonders beunruhigt ausgesehen, er hatte seinen Spaß. Dass dieser jetzt tödlich endete verdrängte er wohl gekonnt. Und dann, ohne Vorwarnung oder vorherige Anzeichen ging ein schmerzender Ruck durch meinen Körper.

Was war los? War ich tot? Nein ich konnte noch denken… Also was war anders. Richtig, wir vielen nicht mehr. Wir hatten angehalten. Halleluja sie hatten es geschafft. Wir waren gerettet. Gott sei Dank. Erleichtert öffnete ich die Augen wir hingen gute zwei Meter über dem Erdboden, war dass knapp gewesen. Vorsichtig schaute ich mich um. Viele unserer Mitfahrer sahen allerdings so aus, als ob sie den Spaß ihres Lebens gehabt hatten. „Wie lange es wohl dauert bis die eine Leiter auftreiben können…“, murmelte ich halblaut. Wobei das Halblaut wohl für Zack sehr laut war denn er prustete los und drehte seinen Kopf grinsend zu mir „Wieso Leiter?“ Irritiert sah ich ihn an, war er manchmal wirklich so blöd oder tat er nur so? „Na irgendwie müssen wir doch herunter kommen“. Als ich dass aussprach lachte er noch mal, dieses Mal bekam er sich gar nicht mehr ein. In dem Moment ging abermals ein Ruck durch uns hindurch und das Ding setzte sich abermals in Bewegung. Nur entgegnen meiner Erwartungen nicht nach unten sondern nach oben. Die Igiodten hatten das Ding angehalten, und fuhren uns wieder rauf? Waren die Irre?

„Warum fahren uns die wieder rauf?“ donnerte ich meinem mittlerweile ehemaligen besten Freund gegen den erneut aufkommenden Fahrtwind an. „Warum? Meinst du das ernst? Das ist doch der Sinn des Ganzen. Sag bloß du wusstest dass noch nicht?!“ Jetzt bekam er vor Lachen fast keine Luft mehr und wären die Bügel nicht gewesen wäre er garantiert in die Tiefe gefallen. Jetzt gerade hätte ich aber auch nichts dagegen einzuwenden gehabt. „Man fährt hoch und dann fällt man!“ Schrie er weiter zurück. Weiter kam er nicht, denn nun fielen wir erneut nicht von ganz oben wie beim ersten Mal dennoch immer noch hoch genug um mir angst einzujagen. Ich schrie wieder. Was war das hier für ein krankes Spiel? Dass machte doch keinen Spaß! Dieses Mal versuchte ich mich so klein wie möglich zu machen, ich hatte noch nie an Gott geglaubt, war ich doch in eine atheistische Familie geboren worden aber jetzt schickte ich mein erstes, wahrhaftiges Stoßgebet gen Himmel. Du lieber heiliger Geist falls es dich wirklich gibt mach bitte bitte das es aufhört! Dachte ich immer wieder.

Inzwischen stiegen wir wieder und dann spürte ich wieder wie mein Magen sich gegen meine Kehlkopf drückte und ich wiederholt vom sitz abhob. Dann bremsten wir wieder hart ab, doch statt abermals zu steigen glitten wir langsam weiter nach unten, um schließlich zum Stehen zu kommen. Lass es bitte, bitte vorbei sein flüsterte mein Bewusstsein wie verrückt auf mich ein, wobei ich mich gleichzeitig darüber wunderte was ich denn auch hätte tun sollen wenn es nicht vorbei gewesen sein könnte. Immerhin saß ich genauso hinter den Sicherheitsbügeln fest wie mein liebes Denkvermögen oder auch nicht, denn plötzlich glitten die Bügel nach oben und mein völlig durchgeschwitzter Rücken löste sich sofort von dem schwarzen Polyestersitzen. Oh Vater sei dank! Ich keuchte, war ich doch noch völlig fertig. Meine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding, aber neben meiner Angst und der Freude dass es vorbei war mischte sich doch noch irgendein anderes Gefühl darunter, benennen konnte ich es nicht wirklich. Vielleicht ein gewisses Bedauern, dass es vorbei war?

Der Adrenalinkick war unglaublich gewesen ebenso wie die Angst. Ich strafte mich, trotzdem nie wieder würde ich da rein gehen. Nie. Nie. Wieder. Auch wenn meine Gefühle jetzt aus purem Glück bestanden. Unauffällig schlich ich zu der nächst besten Bank. „Du dachtest echt wir stürzen ab?“, kam es kichernd von hinten. Trotzig verschränkte ich meine Arme vor der Brust. „Ich hab dir doch gesagt, dass ich noch nie auf dem Jahrmarkt war“, schnauzte ich ihn an. Als Antwort erntete ich lediglich einen fassungslosen Blick. „Herrlich… und das ist kein Scherz?“ Ich begann zu kochen: „Nein das ist kein Scherz, ich wäre da oben fast gestorben und du findest das lustig?“ brüllte ich jetzt. Er nickte, „und ob“. Er fing wieder an zu lachen. Als er allerdings meinen Blick bemerkte blieb im sein Lachen im Halse stecken. „Och, komm schon. So schlimm war es doch gar nicht, gib’s zu du hattest ein geiles Gefühl danach!“ Diese Adrenalinkicks sind unglaublich!“ Dabei bekam er wieder seinen typisch schwärmerischen Ausdruck in den Augen. „Pah“ schnaufte ich nur. Ein bisschen hatte er ja schon Recht, aber würde ich das nie zugeben. „Hey, ich mach dir einen Vorschlag, du fährst mit mir noch mal das Ding und dann hast du einen Wunsch frei, Deal?“ Jetzt grinste er nicht mehr, sondern lächelte schief.  „Ähm, nein?“ rief ich wieder.

Der Typ war wirklich schwer von Begriff „Um da wieder rein zu gehen muss man wahnsinnig sein!“ Bei diesen Worten wechselte sein Lächeln gegen den Hundeblick wie ich es hasste. Seine Geheimwaffe, nicht nur bei mir sondern bei jedem Mädchen. „Komm schon… zwei Wünsche“, er schüttelte seine Haare aus dem Gesicht und legte dabei den Kopf schief. Verdammt, er wusste wie er mich rumkriegte. Ich musste hart bleiben. „Ich hätte eine Portion Wahnsinn für dich, und drei Wünsche…“ Er wedelte mit der Hand vor meinen Augen hin und her, um mich dann sofort wieder mit seinen Hundeblick anzuschauen. „Bitte…“, quengelte er mit einem Schmollmund. Ich stampfte wütend auf. Wie schaffte er das bloß, jedes Mal bekam er mich damit. Mist. Drei Wünsche ohne Einschränkungen waren aber auch zu schön… „Na gut, aber nur weil du es bist“, ich seufzte wusste ich jetzt schon dass ich es bereuen würde. „Gib mir fünf Gramm Wahnsinn!“ Ich machte die Hand auf und schaute ich an. Seine Augen leuchteten. „Yes“ rief er und tanzte dabei im Kreis. Ich beobachtete ihn mürrisch. „Und die drei Wünsche gelten vollkommen uneingeschränkt?“ fragte ich scheinheilig. „Ja, hab ich doch gesagt“ er fasste mich wieder am Ärmel. „Na dann los!“ Dieses Mal ließ ich mich mitziehen… Rache war schließlich Blutwurst!

Ende

21. Türchen:

50. „Schlafend zu sterben ist ein Luxus, der uns nur sehr selten gewährt wird.“ -Kill Bill – Volume 1/ Teil 2

„Kommt rein, kommt, rein!“ wurden sie weiter hinein gedrängt, und wie der Blitz waren die beiden nicht nur ihre klatschnassen Hüte, Schals und Mäntel los  sondern hatten in Windeseile jeweils ein Paar Hausschuhe verpasst bekommen wie nur noch ein halb volles Glas Punsch. Denn Heather jagte wie ein Wirbelsturm in seinem Element durch das gesamte Zimmer um ihrer Bestimmung der perfekten Gastgeberin alle Ehre zu machen. So wunderte es keinen, dass der unglücklich verschüttete Eierpunch in null Komma nichts aufgewischt worden war und die zwei gerade Eingetroffenen nun endgültig mit einem vollen Glas auf der alten, grünen Couch saßen. Vor ihnen ein akkurat gedeckter Plätzchenteller, allesamt natürlich selbst gebacken, sowie herrlich schmeckend. Zumindest ließ darauf das sehr deutliche Schmatzgeräusch von Archie schließen.. „Heather nicht so stürmisch“ grummelte Henry wieder und legte vorsichtig die Beine hoch um nicht noch einmal das Hausinferno zu entfachen. „Du weißt doch, deine Frau möchte für dich eben nur das Beste“, knurpste der jüngere zwischen dem dritten viel mehr vierten Mince Pie.

Dann wurde es still. Archie lag zufrieden lächelnd in einer Art Kekskoma und Henry war eindeutig zu erschöpft um begnadete, weihnachtsphilosophische Gedanken zu äußern. Zu sehr war er immer noch mit dem Umstand beschäftigt, weshalb sie so früh aus der Fabrik entlassen worden waren. Gerne hätte Henry seine Frau noch einmal angebracht begrüßt, doch die war nach ihrem stürmischen Aufritt schon wieder im Nirvana verschwunden. So zog sich der Augenblick des Genusses bis sich die Tür der Küche erneut öffnete, dieses mal allerdings nicht wie vom Blitz getroffen sondern langsam und bedächtig. Heraus geschritten kam Margret, eine Dame mit schlohweißem Haar, krummen Rücken und so viel Falten im Gesicht, dass man sie in Familienkreisen auch gerne liebevoll die „Schildkröte“ nannte. Dennoch, trotz ihres Rücken, brauchte sie weder einen Stock noch sah sie aus als ob sie Schmerzen leiden müsste. All den Erwartungen widersprechend, trug sie sogar den vollständigen Kronleuchter allein, zwar mit beiden Händen doch das Gedeck schleifte weder auf dem Boden noch verrutschte es.

„Margret“, fuhr es aus Henry heraus, „Lass mich das doch tun. Du holst dir doch nur noch mehr Rücken.“ Lachend schüttelte die ältere Dame den Kopf, „Bleib du nur mal bei dem Keksmonster und pass auf, dass einige Mince Pies noch zur Bescherung reichen. Ich habe nämlich nicht mehr so viele…“ Mit den Worten stieg sie auf einen kleinen Schemel, anschließend auf einen der antiken Holzstühle um schließlich den sagenhaft, silberglänzenden Kronenleuchter inklusive Gedeck perfekt mittig auf der Tafel zu platzieren. „Gibt es einen Grund, weshalb du und Archie schon so früh zurück seid?“, fragte sie beiläufig, als sie sich vorsichtig zurückzog vom Stuhl auf den Schemel und dann zurück auf den sicheren Dielenboden. Der jüngere zog nachdenklich die Schultern hoch „Ob du es führ wahr hälst oder nicht, aber wir wurden tatsächlich offiziell von Mr. Huskin früher entlassen.“ „Früher entlassen?“ Besorgt zogen sich ihre Augenbrauen zusammen, so wie es auch Heathers stets taten, wenn sie scharf nachdachte. „Wurde euch ein Grund genannt?“ „Außer dass Weihnachten ist nicht, nein. Mr Huskin hat sich auch nichts weiter anmerken lassen oder blieb gar länger um ihn zu fragen. Alles sehr mysteriös…“ Henry kippte immer noch in Theorien versunken seinen Kopf von rechts nach links und wieder zurück.

„Sonderbar.Wie sonderbar, murmelte Margret.“ vielleicht weiß Graham mehr.

„Oh wie wunderbar“ hörte man nun den mittlerweile wieder erwachten Archie sagen, wobei er weniger den Leuchter meinte als den inzwischen kälter gewordenen Punsch meinte, der, das musste Henry zugeben, dieses Jahr besonders gut schmeckte, denn seiner war bereits leer. Das Familiengeheimrezept tat immer gut egal ob bei Krankheit oder freudigen Ereignissen des Jahres… Sobald die Selle die pure Essenz der dort drin steckenden Liebe aufgesogen hatte ging es der Haut und Knochen Augenblick wieder gut. Margret lächelte „Es gibt Nachschlag, wenn sich der werte Herr umziehen würde, es wird Zeit…“ Henry zückte sofort seine Taschenuhr, wie spät war es denn geworden? Beim Erblicken der Zeiger sprang er wie von einem Grinch gestochen auf, fegte fast die gesamte Gebäckkollektion vom Tisch und wollte gerade erneut ein „Himmel Herr…“ ausrufen, als Heather aus dem Keller kam, erneut in die Stube rauschte an ihm vorbei und nur noch rufen konnte „Schatz.. du musst dringend damit aufhören!“. „…Und du bleibst bitte mal stehen“, rief er ihr hinterher, hechtete einige Schritte nach vorn und gab ihr noch gerade so einen zarten Begrüßungskuss. So viel Zeit musste sein.

„Oh, ich dachte… na dann störe ich mal nicht weiter…“, unterbrach Margret die Szene von hinten wobei sie sich schon wieder zurückzog als Heathers Blick vorbei an Henrys Oberarm glitt, auf den Gebäcksteller… „Warte Mom, schau doch bitte nach den Mince Pies. Ich habe gerade zwei Bleche in den Ofen geschoben. Ich versuche Graham zu holen…“ mit diesen Worten entschwand sie sich Henrys Umarmung und huschte bereits wieder schnell wie der Blitz die Treppe hoch. Betreten stand er ein wenig verloren in der Küche, was musste er auch eine solch perfektionistische Perfektionistin geheiratet haben. Dieses Fest wäre auch ohne fünf Gänge Menü sowie 6 Bleche Gebäck perfekt geworden. Schließlich war Weihnachten, das Fest der Liebe, da konnte doch gar nichts schiefgehen. Leicht beschwingt vom nun dritten Eierpunsch machte sich Henry auf um sich endlich eilends umzukleiden. Die Besorgnis war wie weggewischt…

Einige Minuten später, Henry hatte sich gewaschen, rasiert sowie frisiert, kehrte er in seinem besten Anzug ins große Wohnzimmer zurück. Doch statt reges Treiben wie noch vor seinem Badbesuch herrschte Grabesstille. Verdutzt bemerkte er wie alle um Archies Vater Graham herum standen und gebannt in den von ihm gehaltenen Daily Telegraph starrten. Seit wann trugen die Zeitungsjungen eine zweite Ausgabe am selben Tag aus? Erleichtert, dass Graham nichts geschehen war, räusperte sich Henry leise und trat näher um seiner kreidebleichen Frau über die Schulter zu schauen. „Was ist den passiert?“ fragte Henry beherzt, denn normalerweise brachte niemanden seine Familie so aus der Fassung. Es dauerte einige Sekunden bis Lini, Archies Frau, Henry die Zeitung so in seine Richtung drehte, dass er auch ohne Brille etwas lesen konnte. Wobei, dass was dort geschrieben stand in großer schwarz fett-gedruckter Frakturschrift hätte selbst ein Blinder entziffern können. „Richard Cory went home last night and put a bullet through his head.“ prangte dort. Fast die Hälfte des A2 Blattes nahm die Überschrift ein darunter sah man lediglich ein arg verwackeltes Foto eines menschlichen Torsos. Henry schnappte erschrocken nach Luft. War das etwa möglich? Konnte das sein? Sein ehrenwerter Unternehmer, der ehrenwerte stets höfliche und zuvorkommende Richard Cory, der Cory sollte Suizid begangen haben?

„Das ist doch bestimmt eine Falschmeldung!“, stieß er immer noch völlig fassungslos ein. Sein bester Freund schüttelte den Kopf. „Leider nein, der Junge kam gerade erst vor drei Minuten…“, antwortete Archie ebenso fassungslos. „Unglaublich, völlig irrsinnig und das an Weihnachten“, flüsterte Archies Vater. Ihm war der Schock sichtlich anzusehen, schließlich hatte er Cory höchst persönlich noch als Kind gekannt. „Aber, aber wann soll das den passiert sein..?“, stotterte nun Lini los, die allerdings nicht allzu aufgelöst aussah. Auf diese Frage konnte selbst der Artikel nicht wirklich Auskunft geben doch sofort riefen, spekulierten, mutmaßten und diskutierten alle maßlos durcheinander. Das ganze wuchs zu einem einzigen Crescendo an und kurz bevor es seinem Höhepunkt erreichte, stieg Margret erneut vom Boden, auf den Schemel und dann auf den Stuhl um energisch das Wortgemenge mit Hilfe der Tischglocke zu unterbrechen…

„Ruhe meine Lieben! Ich weiß dies ist ein sehr schwerer Augenblick für alle von uns“, dabei beobachtete Henry wie Lini gefährlich von ihr fixiert wurde… „…doch denke ich sollten wir uns von dieser dennoch schrecklichen Nachricht die Feierlichkeiten nicht verderben lassen. Möge der junge Herr in Frieden ruhen und nun lasset uns zu Tische eilen bevor das Essen kalt wird…“

Nach Beendigung des kleinen Appells blieben alle wie angewurzelt sowie stumm stehen und beobachteten voller Interesse wie Margret wieder auf den Boden zurück kehrte und sich schließlich auf einen der Stühle setzte. „Sie hat recht“, murmelte Heather und schloss sich ihr an und nach und nach füllte sich die Tafel mit den restlichen Teilnehmern des Abends.

„Schlafend zu sterben ist ein Luxus, der uns nur sehr selten gewährt wird.“ hörte er Margret sagen. „Und ich habe mir immer gewünscht Richard Cory zu sein“ flüsterte Archie. „Wer nicht, wer nicht?“ antwortete Graham und steckte sichtlich betroffen eine Pfeife an. Sofort schaute ihn seine Frau streng an und er machte sie schuldbewusst eilends wieder aus.

Lini räusperte sich: „Ich möchte ja nicht unhöflich erscheinen, doch fehlt nicht noch etwas?“ Damit deutete sie auf den großen noch leeren Fleck auf der bereits reichbestückten Tafel.

„Himmel, Arsch und Zwirn! Der Truthahn“ rief Heather erschrocken aus und stürmte, mit einer theatralischen Mine und Gestik aus dem Wohnzimmer. Dies zauberte allen ein kleines Lächeln in ihre müden und zweifelnden Gesichter. „Schatz kein Fluchen!“, setze Henry immer noch schmunzeln hinterher.

Ende

20. Türchen:

50. „Schlafend zu sterben ist ein Luxus, der uns nur sehr selten gewährt wird.“ -Kill Bill – Volume 1/ Teil 1

Dreimaliges kurzes, schrilles Klingeln. Henry hob fragend die Augenbraue, dann schaute er skeptisch auf seine Uhr. Ging sie falsch? Aber nein, dass konnte nicht sein. Er pflegte seine Uhr regelmäßig. Putzen, Dichtung regelmäßig eigenhändig wechseln und das trockene Samtbett in der speziellen Truhe von seinem ehrenwerten Vater Sir Alfred konnte unmöglich die Uhr verschleißen. Er heize nur für sich selbst im Sommer! skeptisch drehte er sich zu seinen Kollegen. „Es ist zu früh, warum läutete die Klingel?“, fragte Henry hoffnungsvoll. Vielleicht war seine gute Wegbegleiterin doch noch völlig intakt.

„Vielleicht ein Versehen…!“, kam es aus der hinteren Ecke. „ In den ganzen 30 Jahren die ich arbeite gab es hier noch nie ein Versehen!“ erklang es gleichzeitig aus dem hinteren Teil der Halle.

„Was ist es dann…?“ fragte Henry immer noch leicht beunruhigt. „Sehen Sie doch, Mr. Huskin!“ Sobald die letze Silbe von Hus-kin ausgesprochen worden war erstarb augenblicklich das Getuschel in dem alten Fabrikgemäuer und gut 260 Augen blickten wie auf Knopfdruck mechanisch nach oben auf die Seitenbrücke, auf der nun ein kleiner, kräftiger Mann in einem dunkelroten Anzug und Backenbart erschien. Seine Koteletten waren ordentlich gestutzt, was selbst der kurzsichtigste aller Arbeiter intuitiv wusste. Mr Huskin war für seine Akkuratheit und Pünktlichkeit berühmt sowie berüchtigt. Gemächlichen Schrittes ging er auf die Mitte der Brücke zu und wandte sich dann abrupt an seine Untergebenen, die immer noch in einer gewissen Habachtstellung verharrend seinen Bewegungen folgten. Als sich Mr. Huskin ganz sicher sein konnte, dass auch wirklich alle Aufmerksamkeit ihm galt, klatschte er in die Hände und rief…

Gentleman!,

ich darf ihnen versichern es gibt keinen Grund zur Sorge,es hat alles seine Richtigkeit. Aufgrund des schweren Schneetreibens hat Mr. Cory per Telegramm bestimmt, dass sie nun, verehrte Angestellt,e zwei Stunden früher die Fabrik verlassen dürfen. 

Die Instanz, ich und Mr. Cory wünschen ihnen allen fröhliche Festtage und ein fröhliches Neues Jahr. Kommen sie gut Heim und Vorsicht auf den Straßen!

Noch bevor seine Worte vollständig verklungen waren, drehte er sich wieder in die Richtung aus der er gekommen war und verschwand schließlich schnelleren Schrittes hinter einer grauen Gittertür, die mit einem leisen Klack ins Schloss viel. Darauf folgte fast schon beklemmende Stille, doch dann klatschte jemand wie Mr. Huskin in die Hände und nach und nach erfüllte der sich immer weiter steigernde Beifall die gesamte Manufaktur. Ein Beifall, den London selbst nach der vor Jahren statt= gefundenen Houdini Show noch nie gehört hatte. Wer ein wenig gebildet war musste in diesem Moment Angst haben, dass ihm nicht die Decke auf den Kopf fiel… und tatsächlich manche Gesichter sahen definitiv das Gegenteil von erfreut aus, denn die Arbeiter der Mr. Cory Investigation of Wegdwood from Roxburghshire waren die wohl bestausgebildetsten, ehrenwertesten sowie tatkräftigsten Arbeiter des gesamten Königreiches. Henry dagegen schaute weder besorgt noch erfreut an die Decke oder gen Ausgang. Sein Blick haftete immer noch äußerst nachdenklich an der grauen Metalltür. Mr. Cory war zwar ein sehr rechtschaffener Unternehmer und für seine Edelmütigkeit bekannt, aber ein früherer Feierabend? Dass hatte es tatsächlich noch nie gegeben. Da war er ganz sicher in all den Jahren, die er sowie sein Vater und Großvater gearbeiteten hatten stets wurde pünktlich, doch nie überpünktlich geschlossen. Ob das wirklich alles seine Richtigkeit hatte? Er war immer noch skeptisch.

„Heureka Henry! Komm du alter Miesepeter, wir müssen uns beeilen, sonst sind die ganzen Straßen verstopf und bleiben mitten im Sturm stecken!“ „Warte ich komme gleich nach“ murmelte er selbst in sich halb hinein, halb nach außen und bahnte sich bereits einen Weg zur eisernen Treppe, die nach oben auf die Brücke führte, wo ihr Aufseher gerade noch gestanden hatte.

„Ach Henry, wann fängst du mal an nicht alles zu hinterfragen, man könnte glauben du hättest die gute Meinung über Menschen verloren“ neckte ihn sein Freund, und packte ihm beim Arm und zog ihn ungeduldig in Richtung Außenwelt. Henry ließ ich widerwillig mittreiben. „Ich kann es immer noch nicht glauben. Findest du nicht auch, dass Mr. Huskin etwas bleich aussah?“ Archie sah ihn ärgerlich an, „Nein Mr. Huskin sah ganz normal aus… Wie immer sozusagen und jetzt schau mich nicht an sondern schau auf den Boden, sonst rutscht du mir noch aus“ feixte Archie. Das waren die letzten Worte, die Hernes bester Freund für die nächste Stunde wechseln sollte. Es hätte Henry nichts ausgemacht, wenn Archie genauso ein schweigsamer Zeitgenosse wie er selbst gewesen wäre, doch das war Archie nicht. Ganz und gar nicht. Also musste er selbst nachdenken oder war sauer, letzteres war aber eher unwahrscheinlich. Nicht an Weihnachten, das Fest der Freude. So oder so hätten sie vermutlich wenig Worte miteinander gesprochen, denn das Schneegestöber war mittlerweile so dicht und stark, das sie sich regelrecht nach Hause durch die Straßen kämpfen mussten.

Sie waren so beschäftigt damit, nicht auszurutschen oder gar weggeweht zu werden, dass sie fast am kaum noch zu sehenden Hauseingang vorbei gelaufen wären. Nach mehrmaligen äußerst holprigen Versuchen das eingefrorene Gartentor zu überwinden, griff Archie schließlich in seinen Mantel und holte sein Taschenmesser hervor. Minuten später und vor allem mindestens ein dutzend Eiskristalle im Bart reicher, erreichten die zwei Gefährten den schützenden Vorsprung der Haustür. Nun bestand die nächste Hürde darin das ebenfalls verschneite Haustürschloss freizulegen… Denn weder Archie noch Henry kamen mit dem Schlüssel in die Nähe des rettenden Türmechanismus, zu gefroren waren ihre Hände.

„Himmel, Ar….“ „Mein lieber Herr an Weihnachten wird nicht geflucht!“, wurde er plötzlich von einer sowohl bekannten als auch sehr strengen Stimme unterbrochen. Erschrocken blickten die zwei auf. Doch außer dem Hausvordach und weißem Schneegestöber, das ihnen sofort in die Augen fiel, erkannten sie nichts und niemanden. „Heather macht euch auf!“ , folgte und damit hörten sie ein dumpfes Krack und es herrschte wieder das Heulen des sich nähernden Sturmes. Mittlerweile war es so kalt, dass sie ihre Glieder nicht mehr spürten zumindest die bis zu den Knien und Ellenbogen reichten. „Hoffentlich frieren wir uns hier nicht noch etwas tot“, witzelte Archie gerade halb im Scherz als in dem Moment die Haustür schlagartig aufgerissen wurde und das sich ergießende warme Licht die zwei zugeschneiten Gestalten arg blendete. „Schnell, schnell was steht ihr denn hier so rum?! Hinein mit euch! Oder wollt ihr euch und uns den Tod holen?“ Wurden sie ruppig begrüßt und mit sofortiger Reaktion fast schon ins Innere gezerrt. In der warmen Stube angekommen, die Kleider waren nun mehr nass als gefroren, wurde ihr Geruchssinn gerade zu überwältigt mit köstlichen Proben des bevorstehenden Festessens: Turkey, Erdäpfel, Backpflaumen, Plumpudding und konnte das sein….? „Der Eierpunsch ist fertig“ , ertönte es aus der Küche und mit dem öffnen der Türe roch es nun nicht mehr nach den Hauptkomponenten des Mahles sondern nun kamen die feinen Nuancen wie der Rosmarin, Frois Gras oder auch der Scotchgeruch hinterher gezwitschert…