Die Namenlosen, Teil III

Endgültig fassungslos und nichts Gutes ahnend stürzte ich aus der Höhle und rannte den steinernen Pfad entlang. Eine dumpfe Vorahnung machte sich in meiner Magengegend breit und sie verhieß absolut nichts Gutes.

Je länger ich rannte, desto mehr wuchs meine Sorge, irgendwann begann sie mein innerstes so stark zusammenzupressen, dass mir ganz flau wurde. In der Ferne glaubte ich Amons Rufe zu hören, aber ich wurde nicht langsamer. Es war mir egal, das einzige was zählte war so schnell wie möglich zum Plateau zu gelangen. Wenn der Weg leicht anstieg und ich meine Beine einen Teil in die Knie gezwungen wurden hörte ich Schritte. Schritte die nicht meine waren, gefolgt von schwerem Atem. Aber sie gingen in dem Geräusch von umherspritzendem Geröll und meinen Keuchen unter, als dass ich hätte feststellen können wessen Atmen es wirklich war. Amons oder der Atem einer Stadtwachen, die durch meine Unvorsicht mich schon längst entdeckt hatte. Falls es so wahr wäre ich fast froh gewesen. Auf der anderen Seite spürte ich, dass mein Körper dieses Tempo nicht mehr lange würde halten können. Meine Lungen brannten, meine Füße schmerzen und ich war immer noch geschwächt. Kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch sah ich den letzten Anstieg bevor sich vor mir das Tal auftuen würde. Das Tal in dem das Dorf lag. Wie auf Kommando rissen sich meine Beine noch einmal zusammen, trugen mich über die Schwelle hinweg nur um mich dann straucheln zu lassen. Gerade konnte ich mich noch fangen, bevor ich mich Hals über Kopf überschlagen hätte. Ich humpelte gen Kante und was ich sah verschlug mir die Sprache.

Das Tal, was einst die Stadt beherbergt hatte exestierte nicht mehr. Zumindest nicht mehr wie ich es in Erinnerung hatte. Vor mir lagen Ruinen: in Trümmern teils brennen teils bereits gelöscht und immer noch rauchend. So weit das Auge reichte erblickte ich nichts weiter als Trümmer und mir wurde schlecht… Menschen. In Mitten all dem Chaos lagen Teile von Menschen.

Ich wusste eigentlich sollte ich mich freuen, wir hatten unsere Rache schließlich bekommen. Oder sollte ich eher sagen Amon und was war mit den angrenzenden Landen? Eine fehlende Stadt würde doch bemerkt werden… Jeder würde wissen, wer es gewesen war und sie bräuchten nicht lange um uns zu finden, wenn sie sämtliche Truppen des Reiches nach uns schickten. Oder vielleicht doch? Mir wurde plötzlich eiskalt, immer noch keuchend, schwitzend und völlig fassungslos stand ich am Abgrund und starrte ins Leere. Hinter mir wurden die Schritte wieder lauter, das Keuchen blieb allerdings aus.

„Was- Was hast du getan?!“, flüsterte ich die Antwort bereits wissend trotzdem drehte ich mich nach ihm um. Mittlerweile kam es mir lächerlich vor, dass ich tatsächlich geglaubt haben könnte eine Stadtwache sei hinter mir her nicht nach Amon. Ich war froh, wenn es schnell gegangen war. „Ich sagte doch, wir hatten viel Spaß“, seine Stimme klang heiser. „Spaß?! Was, du meinst du hast…“ Meine Stimme überschlug sich, „Du kannst doch nicht eine ganze Stadt zerstö…“, abermals brach ich den Satz ab und setzte wieder neu an „Du glaubst, dass merkt keiner?“ Meine mittlerweile schrille Stimme verhallte über dem Tal. Man würde sieKilometer weit hören, aber das war mir ebenso gleich wie die fehlende Deckung. Mein Denken versagte und ich endete meine halbherzige Tirade nur noch mit „aber sie waren doch unschuldig…“

Ich zuckte bei meinen eigenen Worten zusammen. Hatte ich das wirklich gerade gesagt? Nein, dass durfte nicht wahr sein. Aber ich wusste, dass es wahr war und ich wusste ebenso, dass er es wusste. Nur würde er es niemals wahrhaben wollen. Ich stand im Schweiß, wusste ich doch dass es die falschen Worte zur falschen Zeit gewesen waren. Ehe ich mich verteidigen konnte kreuzte sich mein Blick mit Amons. Es würde kein Zurück geben, nicht für mich. War Amons Miene schon vorher grotesk gewesen blickte ich in das Gesicht eines nicht mehr menschlichen. Wobei wir noch nie menschlich gewesen waren, wir hatten es nur versucht und er war daran wohl zerbrochen.

„Unschuldig?“ zischte er ganz leise und fixierte mich dabei wie ein Raubtier. Dann hob sich ein Mundwinkel, sein grausamstes Lächeln kam zum Vorschein. „Wann hast du das erste Mal den Tod zu Gesicht bekommen?“ Ich öffnete den Mund, da sprach der einfach weiter. „Ich meine damit nicht nur einen toten Körper, sondern einen töten Körper von jemanden den du geliebt hast. Ich meine den Hunger in den Augen von deiner Familie, deinen Freunden, deinen Verwandten. Die ausgemergelten Körper, die aufgeblähten Bäuche. Offenen Wunden, die nicht versorgt werden können, die Maden die sich dort drin eingenistet haben, der Geruch von verwesendem Fleisch. Die Toten, die schon lange nicht mehr leben aber auch nicht bereits zum sterben sind, Mütter die ihr Frischgeborenes im Arm halten und im besten Falle gleich mit ihm zusammen sterben damit sie das Leben nicht ertragen müssen?“ Die letzten Worte spuckte er mir mit purer Verachtung in Gesicht. „Wann hast du dies jemals gesehen?!“, schrie er mir nun endgültig entgegen. Dann rissen seine Wunden wieder auf und er verstummte, sein Gesicht voller Schmerz.

Ich wollte den Mund au machen. Ihm antworten ihn abermals beruhigen und zur Vernunft bringen. Doch mir fehlten erneut die Worte das Geschick jemandem wieder Hoffnung zu schenken. Stattdessen schaute ich ihn einfach nur an und begann mich zu fragen, ob Amon jemals wieder zur Vernunft kam vielmehr kommen wollte.

„Wusste ich es doch… Falls du es nicht weißt oder vergessen hast ich konnte meine Eltern nicht mehr vergraben, weil ich keine Kraft mehr dazu hatte. Ich hatte die Wahl zwischen Chumur in Sicherheit bringen oder den Rest des Stammes in Stich lassen. Seitdem sehe ich sie jede Nacht, schreiend, wimmernd, langsam verwesend. Leben, was nie bereits war zu leben außer Chumur. Chumur, mein kleiner Bruder und Engel, ein Wunder. All die Jahre hat er es geschafft zu überleben. Ich weiß nicht wie und es ist mir bis heute egal. Wenn ich ihn sah, bekam ich erneut die Hoffnung auf ein neues, besseres Leben. Trotz Hunger, Tod und Schmerz war er nicht zu bändigen. Sein Blick strotze vor Trotz und Neugier und jedes Mal wenn ich aufgeben wollte half er mir wieder auf die Beine und brachte mich dazu weiter zu machen. Weiter zu jagen, weiter zu bauen, weiter uns davor zu bewahren entdeckt zu werden. Nur uns zwei, die anderen konnte ich schon nicht mehr retten. Weshalb also musste er sterben und ich nicht?!“

In dem Moment setzte sein Husten wieder ein. Er begann sich wieder vor Schmerzen zu krümmen und drohte erneut zusammen zu sacken. Ich war hin und her gerissen, hatte ich zwei Möglichkeiten Fliehen oder Kämpfen. Mir war klar ich müsste früher oder später sowieso gegen ihn antreten. Aber jetzt und hier? Er war so etwas wie mein Bruder, er hatte mir das Leben gerettet und wer wusste schon ob er sich nicht wieder beruhigte. Die Wahrscheinlichkeit, dass er von irgendeinem Menschen hier gefunden würde lag nicht einmal so niedrig, wenn ich Glück hatte würde sich das Problem von selbst erledigen. Langsam bewegte ich mich immer weiter vom Abgrund hinfort und dann fing ich wieder an zu rennen. Amon hatte wieder angefangen Blut zu spucken und lag auf allen vieren. Kurz bevor ich in ihn reingelaufen wäre setzte ich zum Sprung an und… Dann ging alles ganz schnell. Ich sah noch aus dem Augenwinkel wie Amons Arm hochschnellte meinen Fuß packte und sich dann in einer blitzschnellen Drehung aufrichtete. Ehe ich ausweichen konnte wurde ich durch die Luft geschleudert. Ich verlor jegliche Kontrolle und überschlug mich in der Luft und sah den großen Felsen zu spät. Brennender Schmerz durchfuhr zuerst meinen Kopf dann meinen Torso und schließlich mein Steißbein. Ich drohte nach vorne zu fallen, versuchte mich abzufangen aber vergeblich. Der Schmerz war zu groß, um meine Arme auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Amon hatte sich inzwischen wieder erholt, wankend kam er auf mich zu gehumpelt. „Dachtest du ernsthaft du könntest fliehen“, sein manischen Grinsen setzte wieder ein und ich Begriff, dass ich verloren hatte. Ich würde hier nicht mehr rauskommen, dass Einzige was ich tun konnte war ihn mit mir zu nehmen.

„Du hattest ernsthaft geglaubt ich hätte vergessen, dass du an dem Tag für die Schutzzauber verantwortlich gewesen bist? Du warst schon immer naiv gewesen aber für so dumm hätte ich dich wirklich nicht gehalten. Schade, ich hatte wirklich geglaubt, dass es sich lohnen könnte jemand anderem außer mir selbst zu vertrauen.“ Mich auf ihn konzentrierend

beobachtete ich ihn wie er näher kam. Ich musste bei Bewusstsein bleiben, andernfalls war meine Chance vertan. Die weißen Punkte vor meinen Augen wurden immer mehr, sie fingen an zu tanzen, zu kreiseln und schließlich hatte ich das Gefühl zu fallen. Mein Kopf drohte zu explodieren, mein Rücken fühlte sich so an als ob gerade jeder Wirbel einzeln gebrochen würde und meine Rippen lagen überall dort wo sie definitiv nicht hingehörten. Ich biss mir auf die Lippe. Überdecke ferneren Schmerz mit näherem, es war mein letzter Versuch bei Bewusstsein zu bleiben um Amon auch nur irgendwie zu stoppen. Die Menschen hatten bereits genug bezahlt… Ich musste nur den richtigen Moment abpassen dann könnte ich ihn packen und mit mir ziehen. Aus den Augenwinkeln nah ich gerade so den Klippenrand wahr.

Nur noch Umrisse erkennend bemerkte ich Amon wie er immer noch schwer atmend vor meinen Beinen Halt machte. Weshalb kam er nicht näher? Würde er mich hier liegen lassen? Über die Klippe ziehen würde er mich nicht, dafür war er zu schwach. Aber da stand er, Minute für Minute. Ich spürte wie er kämpfte nicht gegen sich, sondern gegen seinen Körper. Er war am Limit, soviel stand fest. Ich wollte etwas sagen, brachte aber gerade so ein Grunzen heraus.

Ich bemerkte wie nun nicht mehr nur aus meiner Lippe Blut lief, sondern sich ein kleines Rinnsal an meiner Schläfe gebildet hatte. Der Schmerz nah abermals zu und schlug in Wellen durch meinen gesamten Körper. Mein Geist wehrte sich, durfte ich noch nicht nachgeben aber mein Widerstand sank zusehends. So lange Amon außerhalb meiner Reichweite stand hätte ich keine Chance. Verzweifelt versuchte ich meine letzten Energiereserven zu mobiliseren, aber vergebens. Ich konnte weder nach rechts noch nach links geschweige den aufstehend.

Die Schwärze um mich herum wurde größer, Amons Keuchen dumpfer, meine Schmerzen schwächer, mein Blickfeld kleiner und mein Atmen schwächer.

Zuletzt setzte ihre Atmung aus. Eins musste man ihr lassen, sie war verdammt zäh gewesen. Zäh aber so unfassbar naiv. Ich machte einen Schritt nach vorne bis ich neben ihr stand und schaute auf sie herab. Wenn nicht die Knochenbrüche gewesen wären, hätte sie fast so ausgesehen als ob sie schlafen würde. So friedlich, so unschuldig wie mein kleiner Bruder. Beide hatten für ihre Fehler zahlen müssen, auf dass sie nun auf ewig i frieden Ruhen würden. Damit trat ich einmal fest gegen sie und sie rollt über die Kante. 

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