Die Namenlosen, Teil I

Die letzten Tage gab es ein kleines Hin und Her mit der Geschichte. Sie sollte eigentlich am Sonntag erscheinen und dann zwitscherte mir eine Kiwi, dass hier ein paar Logikfehler etc. drin wären. Da ich ein wenig in sauer lag (zu wenig geschlafen, zu viele Konzerte) habe ich es erst einmal runter genommen. Jetzt ist es aber hoffentlich endgültig fertig und ich wünsch euch ganz viel Spaß:

Ausdruckslos starrte ich in die Leere. Am großen Platz vorbei hinein ins Nichts. Völlig unbeeindruckt von all den sich amüsierenden und aufgeregten Massen. Sie waren Schuld  gewesen wie immer in meinem Leben. Was hätte ich darum gegeben schreien zu dürfen, alle bösen Erinnerungen hier und jetzt aus meinem Gedächtnis zu verbannen. Warum?! Warum konnte ich es nicht? Warum musste es uns treffen? Viel mehr warum ihn? Warum nicht mich…oder uns? Wer war denn so böse gegen jene, die noch nie auch nur irgendetwas verbrochen hatten, jene die seit Jahrhunderten verfolgt und verhasst wurden.… Wie konnten sie es wagen. Meine Kehle war wie zugenäht, zugenäht von verhassten, paranoiden Staatsführern, die an jedem und allem ein Exempel statuieren mussten und das Schlimmste war, die Mehrheit spielte mit. Aus Angst hielten sie sich versteckt. Wer wollte sich schon den Verurteilten anschließen? Noch nicht einmal die kleinsten Kleinstkinder wären so dumm gewesen. Hier zu leben war Selbstmord auf Raten, aber sich dagegen zu wehren pure Folter.

Bevor mich auch nur irgend jemand wahrnahm verschwand ich im Wald, irgendwohin. In unser altes Versteck konnte ich ja nun nicht mehr. Verbrannt hatten sie es und nicht nur dass, vorher hatten sie es auch noch zerstört und anschließend erneut ausgeräuchert. Natürlich nur um uns zu vertreiben. Wir, die möglicherweise noch irgendwo hätten liegen können unter den Trümmern begraben. Wie hatten sie uns nur finden können?! Ich hatte doch sämtliche Siegel verstärkt, alle Kreise neu gezogen, selbst die Steine neu gesät und doch hatte ich bei einem von uns dreien versagt. Eine Silbe zu schnell gesprochen, eine Linie nicht gleichmäßig gezogen oder eine Rune falsch gesetzt. Mir war klar, dass es jeder Zeit wieder passieren könnte… Dann wären wir wieder einer weniger und letztendlich ganz fort. Seit Jahrhunderten wurden wir bereits gejagt und nie war jemand von uns am Tod eines Mitglieds Schuld gewesen. Bis heute, heute war ich es. Ich versuchte den aufkommenden Würgereiz zu unterdrücken, ich wusste das es Amon wusste und er wusste, dass ich wusste. Sein Bruder war aufgrund meines Fehlers gestorben. Gerechtigkeit sah anders aus.

Ein Entrinnen würde es nicht geben, nicht mehr für ihn. Für keinen von uns. Vielleicht hätten wir ihn vor Jahrtausenden mit unseren Legionen retten können, aber Zeiten änderten sich.

Zu zweit, war es schlichtweg unmöglich. Dort wo Amons kleiner Bruder nun bis zu seinem Tod verweilte würde es düsterer und tödlicher sein, als die menschliche Hölle selbst.

Schon bei dem puren Gedanken stellten sich meine Nackenhaare auf. Gleichzeitig verlangsamten sich meine Schritte, meine Füße hatten mich automatisch zum Unausweichlichen geführt. Ich wusste was auf mich wartete, vielmehr lauerte. Ein verzweifelter Amon in der Hoffnung seinen Bruder wieder zu sehen. Ich hatte es ihm in aller Naivität versprochen. Ich hatte ihm geschworen Chumur zurückzubringen, schließlich standen die Chancen am Anfang sogar gut. Bis zu dem Moment, als Chumur gestand oder vielmehr dem Druck nachgab zu gestehen. Wie versteinert hatte ich zusehen müssen wie der Gong geschlagen wurde, der dumpfe Klang hatte meine Füße erfasst, meine Knochen durchdrungen und war durch die Mauern hindurch auf die Straßen getragen worden. Insgeheim hoffte ich, dass es Amon gehört hatte. In seinem Zustand, ihm den Tod seines Bruders zu verkünden machte mich wahnsinnig vor Angst. Gleichzeitig wusste ich je länger ich wartete, desto schlimmer würde seine Reaktion und ich wollte nicht noch jemanden verlieren. Nicht jetzt, selbst ihn nicht. Ich war schließlich kein Mensch. Wir würden schon einen Weg finden wie bisher immer.

Ich schloss die Augen, hörte auf meinen Herzschlag, versuchte ihn wahrzunehmen nur um ihn anschließend zu packen und zu schütteln auf, dass er endlich Ruhe geben sollte. Nichts geschah, ich begann sogar leicht zu schwanken. Sofort öffnete ich die Augen. Es musste enden, jetzt hier sofort, sonst würde ich noch vor Kummer verrückt.

Unsicher lehnte ich mich an den Stein und ließ mich innerlich fallen. Niemand, selbst der stärkste Rammbock hätte diese Wände zerbrechen können. Außer man war wie wir, nicht menschlich. Doch ehe ich mich überhaupt sammeln konnte, wurde ich an der Schulter gepackt und so stark herumgezerrt, dass ich das Gleichgewicht verlor. Wäre die Hand nicht gewesen, wäre ich vermutlich auf den harten Steinboden gestürzt.

Staub wirbelte auf und verklebte meine Wimpern, nur undeutlich sah ich die Gestalt vor mir. Dann ein erneuter Ruck durch meinen Körper, die Gestalt vor mir hielt mich gepackt wie ein Schraubstock. „Wo ist er?!“, donnerte es mir entgegen. Erst nach Sekunden begriff ich, dass es Amon war. „Sag mir wo er ist oder…“ er vergrub seine Fingernägel in mein Schlüsselbein und ich zuckte vor Schmerz zusammen. Durch den inzwischen wegeblinzelten Staub konnte ich seine Befürchtung geradezu wachsen sehen. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, dann erfasste der Schmerz der Verzweiflung seinen Körper, übermannte ihn und begann seine Seele zu zerfressen.

Bevor er sich wieder fassen konnte stieß ich ihn von mir weg und stolperte ein paar Schritte nach hinten. Bloß raus aus seiner Reichweite. „Du weiß ganz genau wo er ist“, flüsterte ich leise. Noch immer vermied ich der Wahrheit ins Auge zu sehen . „Ist-ist er tot?“, stieß Amon hervor. Ich ignorierte ihn, wusste er es doch selbst. „Antworte, Gott verdammt!“, hörte ich ihn schreien. „Es gibt keinen Gott, es gab nie einen, und es wird auch nie einen geben! Jedenfalls nicht für uns…“, schrie ich zurück. Da gaben seine Beine endgültig nach und er fiel auf die Knie, vergrub sein Gesicht in seine Hände. Sein Körper fing stark an zu zittern und seine Schreie hallten noch Minuten in dem uralten Höhlensystem wieder. Das war keine Verzweiflung mehr, dass war purer Zerfall. Alles erbebte: Mark, Bein, der feine Staub, selbst die Wände schienen zu vibrieren unter dem puren Schmerz eines liebenden Bruders.

Ich ließ ihn schreien, kein einziges Wort und keine einzige Geste hätten ihn beruhigen können. Gegen Schmerz gab es nur ein Mittel und dass war die Zeit. Er konnte nicht endlos so weiter schreien, irgendwann würden seine Stimmbänder nachgeben oder sein Bewusstsein. Unentschlossen zog ich mich zurück, bemerken tat er mich nicht und schließlich nach schier endlosen Minuten sollte ich recht behalten. Sein Schluchzen wurde leiser, seine Schreie kürzer und das Husten und Röcheln lauter bis er letztendlich ganz verstummte.

Dann Stille, weder ich noch er bewegten sich. Keiner von uns schien zu atmen, jeder von uns schien auf die Reaktion des anderen zu warten gespannt wie ein Flitzebogen. Auch nur ein falsches Wort und das Grauen würde von vorn beginnen. „Warum? Warum musste es ihn treffen?“, Amon rang nach Luft. Erschöpft und immer noch zitternd stemmte er sich hoch und drehte seinen Kopf schwach in meine Richtung. Sein Blick war leer und tot, ich erschauderte. „Hör zu“, fing ich an, „es gibt Dinge, die können selbst wir nicht verstehen.“, nun brach meine Stimme. Ich war immer noch angespannt, wie viel Zeit blieb mir noch ehe er eins und eins zusammenzählte und mich beschuldigte. Mein Sichtfeld verschwamm und ich presste die Augen zusammen, jetzt bloß nicht weinen. Nicht hier und nicht vor ihm, einer von uns musste einen kühlen Kopf bewahren. Zumal ich ihn wohl bald brauchen würde.

Anstatt mich meiner Trauer hinzugeben starrte ich wie gebannt auf den Boden, doch irgendwann gab mein Wille den Geist auf. Meine Beine wurden weich und ich glitt die Steinwand herunter dort kauerte ich mich zusammen. Das Einzige, was ich jetzt noch wollte war schlafen. Schlafen, schlafen schlafen. All das schlechte, all das Grauen der letzten Stunden vergessen, aber ich wusste es würde nicht funktionieren. Solche Dinge konnte und durfte man nicht vergessen…

Verträumt dachte ich an die Zeiten, als ich noch so etwas wie glücklich gewesen war. Niemand hatte auch nur eine Notiz von mir oder gar von meiner Familie genommen. Wir waren stinknormale Bauern gewesen, nicht besonders reich aber zufrieden. Es reichte zum Leben und es gab schlimmeres als auf dem Feld zu arbeiten. Selbst unser Lehnsherr war gütig gewesen vielmehr streng, aber gerecht. Ungern erinnerte ich mich an die Geschichten von den fahrenden Spielleuchten, ich hatte sie bis dato immer für Schauermärchen gehalten bis zu dem Tag an dem unsere Äcker abgebrannt wurden und ich mich inklusive meiner Eltern plötzlich auf der Flucht befanden. Erst dann fand ich heraus, was ich wirklich war und dass mein Leben nie wieder so sein würde wie vorher. An dem Tag der Flucht verlor ich nicht nur meine Eltern, nein ich verlor alles was ich bis dato kennengelernt hatte: Geschwister, Freunde, Verwandte, Nachbarn und meine Heimat.

Wie durch ein Wunder gelang es mir zu entkommen und wie das Schicksal es so wollte stieß ich auf Amon und seinen kleinen Bruder. Amon wollte mich zuerst verraten, sah dann aber ein dass ich recht nützlich war und behielt mich dann doch widerwillig. Schließlich konnte ich lesen, schreiben und dass was mir mein Vater sonst noch so gelehrt hatte. Wie dumm ich gewesen war, mich vorher nicht zu fragen weshalb ich über die Dinge nie mit anderen reden durfte. Wie dämlich von mir, dass ich dachte es sei normal Sachen zu bewegen ohne sie jemals berührt zu haben.

Wir zogen einige Zeit durch die Länder, möglichst bedacht darauf unentdeckt zu bleiben. Drei arme Waisen getarnt als Kinder von gewöhnlichen Schmieden, Bäckern oder Stallmännern. Eines Tages gelangten wir an den Rand des Tals, in dem die Stadt so friedlich lag. Unschuldig und fast noch unberührt. Es gab nirgendwo Anzeichen darauf, dass wir auch hier gejagt werden sollten. Es wurden weder Waffen verkauft noch hingen hier irgendwo Aushänge, die die Bewohner anstacheln sollten die Augen aufzuhalten. Selbst heute, selbst nach diesem Vorfall änderte sich weder das Verhalten noch das Äußere der mittlerweile nicht mehr ganz so winzigen Stadt. In dem Sinne war es sogar noch schlimmer als in den südlicheren Großstädten. Hier glichen die Aristokraten Schlangen, die nur darauf warteten dass sich jemand zeigte und dann wurde kurzer Prozess gemacht. Ohne Kommentar, ohne großes Aufsehen… Oder war der Geburtstag des Kaisers Schuld gewesen? Färbte der nationale Eifer auf den Charakter der Gesellschaft ab? Tief in meinem Inneren zweifelte ich, Menschen waren und blieben grausam ungeachtet der äußeren Umstände. Wie viele Menschen würden in den nächsten Tagen wohl anreisen? Hunderte, Tausende? Eine Hinrichtung unseresgleichen am Nationalfeiertag hatte man noch nie erlebt, es würde sicherlich ein großartiges Fest werden. Allein die Vorstellung jemandes Todes so ausgiebig zu feiern war einfach nur zu grausam um wahr zu sein.

Ich wollte gar nicht wissen, wie Amon sich fühlen müsste. Schließlich erlebte ich es zum ersten Mal, er nun zum dritten oder vierten? Ich war mir nicht mehr sicher wusste ich nur, dass er bereits seine gesamte Familie verloren hatte. Um ehrlich zu sein, war es noch nicht einmal wirklich wichtig. Für uns zählte nur die Gegenwart und der nächste Tag. Weiter trauten wir uns nicht zu denken, früher war es anders gewesen. Zumindest für mich bis ich eines nachts  von meinen Eltern wachgerüttelt und anschließend in einem Kartoffelsack auf einem Wagen verstaut worden war.

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