Schreibprojekt

54. „Ich zeichne Faultiere für die Nachwelt“ -Ice Age

54. „Ich zeichne Faultiere für die Nachwelt“ -Ice Age

„Nächste Haltestelle …..!“

Ich sprang auf. Wie der nächste Halt hieß wusste ich schon seit Jahren, schließlich träumte ich eben so lange mir hier meinen Lebenstraum zu verwirklichen. Zugegeben ein wenig nervös war ich schon, aber das gehörte eben dazu. In dem Moment kam mir der Lieblingsspruch meiner Großmutter in den Sinn, stets predigte sie mir: Leben heißt Veränderung sagte der Stein zur Blume und flog davon. Im zarten Alter von fünf Jahren gefiel er mir außerordentlich gut, doch spätestens als meine beste Freundin auf die andere Seite der Erde zog, ich von meiner ersten großen Liebe betrogen wurde oder ich meinen Lebenstraum entdeckte ging er mir zusehends auf die Nerven.

Es gab Dinge die sich nicht veränderten wie mein Traum beispielsweise. Fünf Jahre mochten für manche eine kurze Zeit, doch für mich war es eine halbe Ewigkeit und diese undefinierte Ära reichte aus um mir die Entscheidung der Vermählung mit mir selbst und der Kunst abzunehmen. Ich hatte gesucht, gelesen, weiter gesucht, Termine vereinbart, weiter überlegt, gefunden, verworfen, wieder gesucht und vor ein paar Wochen hatte plötzlich alles gepasst. Der Ort, die Menschen, der Preis sowie meine Wünsche. Endlich fühlte ich mich respektiert und ernst genommen, außer der Himmel. Er fand meinen Lebenstraum wohl nicht allzu prickelnd, denn er schickte mir den heißesten Tag des Jahres ohne auch nur eine einzige Brise geschweige den Wolken.

Zu meinem Bedauern war da nicht nur der sengende Scherz der brennenden Mittagssonne sondern ebenso diese Angst. Diese verdammte Angst, sie ließ sich trotz Optimismus und immer wieder kurz aufblitzenden Glücksgefühlen einfach nicht abschütteln. Unversehens spürte ich wie der Wagen langsamer wurde, dann erschien der kühle orange, grün, gelb gekachelte Bahnhof in meinem Blickfeld. Die Türen schwangen wie von Geisterhand und mit einem undurchdringlichen Quietschen auf und ich sprang quasi aus dem Zug. Ich durfte meinem Restzweifel auf keinen Fall die Oberhand übergeben. Komme was wolle, ich würde es durchziehen. Kneifen galt nicht, auch wenn niemand, wirklich niemand von meinem Vorhaben wusste. Wenn es auch nur irgendjemand erfahren hätte, wäre ich auf dem Präsentierteller meines gesamten Freundes- sowie Familienkreises verbal gehängt worden.

Aber egal ich durfte jetzt keine kostbare Energie verschwenden um mich um andere zu kümmern. Bloß nicht, also Treppe hinab sprinten. Die Hitze traf mich wie ein Vorschlaghammer, der Bahnhof selbst war trügerisch kühl gewesen, doch der Rest der Welt schien dem Hitzetod erlegen. Kein Wunder, dass keine einzige Seele auf der weiten Verkehrsstrasse zu sehen war.

Straßenseite wechseln, Fassade suchen… Noch 20 Meter. In mir kribbelte es, besonders in meiner Nase. Noch 10 Meter, ich fing an in meinem Schweiss zu baden. Die Hitze, und die Angst ließ meinen Körper einen gewaltigen Cocktail voller Adrenalin, Testosteron, Endorphine sowie Trijodthyronin. Konnten Frauen überhaupt Testosteron bilden?! Verdammt vor Aufregung konnte ich mir noch nicht einmal den Stoff des ersten Semesters merken.

Mittlerweile hatte sich meine Nervosität mit meiner Angst zu einem fiesen Darmknäul entwickelt welches sich ganz langsam als lähmende Ungewissheit in meinen Adern ausbreitete. Das Gift des Menschen: seine Launen. Hätte ich nicht doch noch einige Nächte darüber schlafen sollen? Oder lieber Sophie mitnehmen sollen? Ich hatte selbst überlegt, ob ich Anke bitte sollte… aber wenn es Anke wusste, wussten es alle.

Vor wenigen Tagen hatte ich mir noch gesagt, dass ich tapfer genug wäre um diese Stunden mit mir allein durch stehen zu können. Es wäre ein hervorragender Selbstfindungsprozess werden. So viel zum Thema Erwachsenenvernunft. Im Moment hatte ich nicht den geringsten Hauch des Gefühls, dass immense Schmerzen meine Selbstfindung auch nur irgendwie positiv beeinflussen würden. Wo musste ich eigentlich stehen bleiben? Richtig, bei Meter null. Null Meter über dem Abgrund der Hölle oder null Meter vor dem Eingang zum Himmel… Wie ging das gleich noch einmal? Schultern straffen, Brust raus und lächeln. Es würde so oder so kein zurück geben, also was sollte schon passieren. Dieses Ereignis hatte ich seit Monaten geplant… Es war alles abgesprochen worden, mehrmals sogar. Wieso blieben also mir diese Bedenken? Ich würde gerade wegs durch diese Tür hinein gehen, meine alte Hülle abstreifen und als vollkommen neuer Mensch hinauskommen. Wo war das Problem?!

Es gab keins. Punkt fertig aus, meine Angst wollte mir nur einen Streich spielen nichts weiter… Mit einem gewaltigen Zischen zog ich die Luft ein und drückte dann versucht entschlossen die Tür auf. Ein Windspiel ertönte. Ein Windspiel in einem Tattoostudio? Das war bei meinem letzten Besuch aber nicht hier gewesen… Sofort nagte die eben noch erfolgreiche verdrängte Angst wieder an mir. Windspiele hingen doch nur bei Dosensammelnden Omas, nicht dass ich etwas gegen dosensammelnde Oamas habe, die im Wald wohnen mit ihren zwölf Katzen, aber von einer solchen älteren Dame wollte ich in Paracelsus Namen nicht gezeichnet fürs Leben werden! War so etwas überhaupt legal? Die Crew zu wechseln ohne jemandem auch nur ein Sterbenswörtchen zu erzählen? Ich spürte wie ein sich das ganz kleine Schweißrinsal das meine Wirbelsäule entlang lief leicht anstieg, wehe es würde ein Amazonas werden. Ich sah mich im Vorzimmer um. Allerdings sehr, sehr langsam… Falls ich auch nur eine unbekannte Nasenspitze erblicken würde, wäre ich ebenso schnell wieder weg mit Hyperlichtgeschwindigkeit. Auf ins andere Ende des Universum!

Nach einigen Sekunden angestrengtesten Lauschens setze ich zögerlich einen Schritt vor den anderen Richtung Tresen. Dann fiel mein Blick auf die Klingel… Konnte ich es wagen? Sicher… Im Klingelstreichspielen war ich schon immer die Größte gewesen, nur Bowie war damals noch flinker gewesen als ich. Dennoch, sollte ich sie wirklich drücken? Dann gäbe es wirklich kein Zurück mehr. Jetzt könnte ich immer noch umdrehen und mir lebenslang einreden, dass ich es geschafft hätte, aber unter diesen Umständen niemals.

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