Chroniken

3. Türchen:

10. „Mir geht gleich der Hut hoch junger Mann!“ -Charlie und die Schokoladenfabrik/ Teil 3

Die nächsten Minuten verbrachte Gromow damit uns zu erklären warum er gerade heute morgen uns betreute und nicht Frau Sorokin. Denn die liebe Frau wäre immer noch krank geschrieben. Tragischer Unfall. Auf dem frisch geputzten Fliesen ausgerutscht, um ehrlich zu ein überraschte mich auch das nicht. Herrn Gromow traute ich ebenso zu unsere Klassenlehrerin eigenhändig dazu zu bringen auszurutschen nur um mich und Marek ärgern zu können. Nach der Predigt, der Anwesendheitsprüfung sowie Seitenhiebe in Richtung meines treuen Gefährten und meines fast zu spätkommens fing er endlich an sich der völlig veralteten Weltkarte zuzuwenden. Seine Miene war dabei dieselbe wie vor den Ferien eine Maske aus eiserner Neutralität, die wettergegerbte Furchen in seinem Gesicht zuckten noch nicht einmal. Er hätte fast unter die Definition eines Untoten passen können. Wären da nicht diese eisblauen funkelnden alten, wilden Augen gewesenen, die jetzt die Reihe von Schülern nach einem potentiellen erstem Opfer Ausschau hielten. Wie der Löwe der eine Antilope reissen will, flüsterte ein jüngerer Schüler neben mir und duckte sich unter den Blicken des Lehrers weg oder versuchte es zumindest. Mit Erfolg. Gromow beachtete ihn nicht noch nicht einmal mit der Wimper. Der Kleine war zu unwichtig, wichtiger waren wir drei…

„Nun liebe Schüler“ begann er erneut. Seine Stimme schnarrte und triefte vor Verachtung. Für ihn waren richtige Schüler nur diejenigen, die ihren Wehrdienst mindestens mit einer Auszeichnung erfolgreich abgeschlossen hatten und davon gab es in unsere Klasse genau niemanden. Ich hatte sogar ein Jahr lang Zivildienst abgelegt, da ich den Dienst verweigert hatte. Marek war entlassen worden, gleich nach der ersten Nacht, hatte er sich selbst fast vor den Militärtransporter geworfen aus, wie er es beschrieb höchst pazifistischen Ideologien.

„Es existieren hier nicht nur Schüler sondern auch Schülerinnen“, flüsterte Zoja halblaut. Zoja war im Gegensatz zu Marek eine äußerst verbissene Anarchistin. Herr Gromow drehte den Kopf in ihre Richtung und schritt bedrohlich auf sie zu. „Fräulein Moravac, wenn sie so freiheitsliebend sind können sie Ihren Tag auch draußen vor der Tür verbringen…“, drohte er und berieselte sich dabei mit seinem Speichel. Was ihre Bemerkung mit seiner Freiheit zu tun hatte erschloss sich mir nicht, aber dank meines Atlanten blieb zumindest die Spucke auf Abstand und ich hielt weithin mein Mundwerk geschlossen. Viel lieber bekritzelte ich die Buchten Finnlandes so, dass  es zum Schluss aussah wie Jimi Hendrix legendäre E-Gitarre.

In der Klasse herrschte derweil angespannte Stille, es geschah selten das jemand Herrn Gromow gleich in der ersten Stunde nach den Ferien herausforderte, der letzte der dies getan hatte war mein Vater gewesen und danach sollte er erfahren, dass niemals aber auch wirklich niemals das hätte tuen sollen. Nach einigen Sekunden eiskalten Blickduells wich Zoja dem Blick Gromow aus und wandte sich wieder ihrem Atlanten zu. Anscheinend hatte auch sie die Gerüchte um meinen Vater nicht vergessen ansonsten wäre sie nicht so ruhig geblieben.

Die Klasse atmete auf, das Donnerwetter war anscheinend verhindert worden, aber dann wie vom Blitz getroffen, sprang Zoja wütender als zuvor auf, raffte ihr Sachen und schaute Herrn Gromow direkt in die Augen. „Mit Vergnügen“ spei sie ihm ins Gesicht und knallte die Tür.  Marek grinste, schien allerdings auch noch nicht realisiert zu haben was dort gerade vor sich gegangen war. Meine Mitschüler auch nicht, obwohl die Entspannung nach der Anspannung ganz deutlich nicht mehr zu spüren war. Es war sogar noch stiller und vor allem noch viel viel bedrückender als zuvor. Ich bekam Angst aufzuatmen. Es allen anderen nachahmend spannte ich meinen Trapezmuskel an und benutze den Atlas als eine Art Schutzschild gegen den Frontangriff, der zu zweihunderprozent kommen würde. Langsam startete ich in meinem Kopf einen Countdown. 10…09…. 08.. wie lange würde es noch bis zur Detonation dauern. 07… 06… 05.. die Spannung stieg. Mein Körper spannte sich an bereit in die hinterste Reihe zu hechten.  Ganz vorsichtig schob ich meine Augen nach oben, gerade so, dass ich über den Atlasrand hinweg lugen konnte. 04..03…02 Herr Gromow stand immer noch fassungslos starrend auf die gerade zugeknallte Tür. Dann ging ein Ruck durch seinen gesamten Körper, wie eine Marionette stand er nun stocksteif da und starrte uns an. 01.. 00 Einschlag! Die ganze Klasse zog reflexartig die Schultern hoch und schob die Hände über die Ohren, dabei verloren alle zwar den Alas als Schild allerdings wollten die Sinne besser geschützt werden als die Stirn.

Sekundenlang verharrten wir – bereit mindestens irgendwo ein Lineal knallen zu hören oder zumindest eine gewaltige Schimpftirade über uns ergehen zu lassen, aber es kam nichts, gar nichts. Abermals schielte ich durch meine zusammengekniffenen Augen und über den Atlas hinweg. Ich hatte meine Ohren nicht geschützt. Gromow war nichts anders als ein weiteres Rockkonzert für meine Ohren. Gerade so sah ich wie Gromow sich nun wieder der Weltkarte zuwandte und musterte sie, mehr konzentriert als nötig.

Herr Gromow blieb sprachlos. Ich war fast entsetzt – nun viel mehr erstaunt. Wie in Zeitlupe kam ich hinter meinem Atlas hervor, Marek war ebenfalls neugierig geworden, denn ich hörte von rechts neben mir sein Mantel rascheln. Sofort erstarrte er – bereit doch noch eine Standpauke zu erhalten, aber nichts. Rein gar nichts.

Das war noch nie passiert. Gromow hatte das erste, nein, das zweite Mal in seinem Leben eine deutliche Provokation ignoriert! Er hatte noch nicht einmal eine Antwort gegeben die einen frösteln liess… Heute stimmte etwas ganz und gar nicht mit ihm.

Nun drehte er sich wieder ganz langsam zur Raummitte und lächelte uns an. Kalt, gefühllos, angespannt mehr zähnefletschend, aber mehr konnte man wohl von ihm auch nicht erwarten. Dann: „So, wer kann mir sagen welches die Hauptstadt von Holland ist?“

Keiner meldete sich… „Eine Hauptstadt von Holland gibt es nicht, denn Holland ist lediglich eine Provinz die an der Nordsee liegt und korrekterweise somit zu den Niederlanden gehört. Wenn Sie, Herr Gromow die Antwort hören wollen, dass Amsterdam die Hauptstadt sei, müssten sie fragen ‚Wie lautet die Hauptstadt von den Niederlanden…“ Scheiße, wer war das gewesen?! Ehe ich mich versah spürte ich binnen Sekunden mich im den Mittelpunkt gerückt. Verdammt war ich das gewesen?

2. Türchen:

10. „Mir geht gleich der Hut hoch junger Mann!“ -Charlie und die Schokoladenfabrik/ Teil 2

Mittlerweile mehr panisch als besonnen und auf Ordnung bedacht warf ich nun meine spärliche Kleiderauswahl in einer perfekt geformten Parabel hinter mich auf den Pseudopermafrostboden meines Zimmers. Doch egal wie intensiv ich suchte das Shirt blieb unauffindbar.

Immer noch stets auf Abhilfe hoffend fing ich an mich wie die Derwische im Kreis zu drehen, dank fehlender Balance allerdings nur auf beiden Beine statt auf einem. Immer schneller und schneller drehte ich mich bis mein Blickfeld schon anfing zu verschwimmen, als ich gerade noch so im Augenwinkel einen moosgrünen Haufen erblickte. Ein noch nicht von frischer Farbe beflecktes Shirt, der helle Wahn. Kurzärmlig und mit verwaschenem schwarz-weiß Muster. Besser als nichts, obwohl die kurzen Arme mir heute noch vermutlich eine ordentliche Gänsehaut verpassen würde.

Ich lauschte erneut, meine Mutter musste wohl mein Dielenknarren gehört haben, denn unten klapperte sie statt mit dem Blecheimer nur mit unserem Geschirr. Ein klares Zeichen, dass die Gefahr gebannt worden war… zumindest diese, denn als ich etwas lauter als nötig die Stufen hinunter polterte traf mich fast eines der Kissen meiner Schwester „Geht’s noch lauter?!“ wurde die Attacke kommentiert Ich murmelte ein zustimmendes „Ja“, doch allzu laut wagte ich es nicht zu rufen.

Gegen zwei Frauen war ich alleine machtlos und ich war mir sicher, dass der Eimer immer noch gefüllt in der Spüle stand, nur vorsichtshalber. Anstelle meiner Schwester  zu gratulieren, dass sie an ihrem freien Tag mal früher aufstehen hätte können um wenigstens einmal im ihrem Leben produktiv sein zu können, verbiss ich mich lieber in mein Piroschki und verstaute den Rest vom gestrigen Mahl irgendwo zwischen meinen Heften, ich hoffte in dem Moment einfach dass die Blechdose dichthalten würde. Zu spät würde ich vermutlich nicht mehr kommen, aber die Angst vor meiner Schwester wuchs zusehends, denn nun hörte ich ebenfalls ihr Dielen knarren und das war für mich das Warnzeichen zum endgültigen Verlassen des Hauses.

Die Zwiebelschichten anziehen kostete nicht nur Geduld sondern auch Zeit, Zeit die ich nun nicht mehr hatte. „Semjon?!“ Verdammt, jetzt wollte meine Mutter auch noch auf mich aufmerksam, Wenn sie jetzt mit einer Standpauke ansetzte, dann… „Hast du die Blumen für die liebe Frau Sororkin?“ Ich stöhnte. Nicht auch noch dass noch. Ich schmatze eine Art „hm“ zurück und widmete mich wieder meinem Piroschki. Zur Not bekam sie eben ein Budget vom Straßenrand. Wahrlich schöne Blumen blühten hier nicht, aber wirklich Wert auf diese Tradition hatte Frau Sorokin noch nie gelegt. Sie leidete an Pollinose, gut gemeint ist eben nicht immer gut getan.

Inzwischen war ich bei der letzen vor Kälte schützenden Schicht angekommen, als meine Frau Mama um die Ecke gerauscht kam nur um mir zum Abschied eine dicke Thermoskanne in den Arm zu drücken, begleitet wurde es mit einem gleichzeitigen fast erdrückenden Knuff. „Musst du dich immer wie ein Oger anziehen? Der Vorhang existiert doch schon seit Jahren nicht mehr…“ maulte sie, als sie sich von mir los machte um mich ein letztes Mal zu betrachten. Ich legte den Kopf schief – mein Zeichen für keineswegs existierende Lust um eine kreative Diskussion anzufangen. Gleichzeitig nuschelte ich wieder irgendetwas von „bis später“ und kaute den Rest meines Frühstücks zu Ende, erwiderte schnell den Knuff und verschwand dann eiligst mit der heißen Kanne und meinem Rucksack hinter der nächsten Ecke. Plötzlich bekam ich irgendwie das Gefühl, dass ich etwas vergessen hatte. Merkwürdig, dabei hatte ich doch alles. Vermutlich die bereits beginnende Paranoia. Der Blumenstrauß konnte es nicht sein, der war mir einerlei. Nein, es war etwas anderes, etwas viel essentielleres… Doch schon bald überdeckte die Bezeichnung Oger meine Sorgen und ich grunzte empört. Ich und ein Oger. Oger waren unhygienisch, dumm und äußerst launisch. Keines der drei Attribute traf auf mich zu, nur weil mein Wintermantel eben der meines Großvaters gewesen war, der musste eben als inoffizieller Grenzsoldat arbeiten. Das war eben kein  Massanzug, wozu auch. Er sollte lediglich warm halten ein Yamamoto tat dies eben nicht. Darüber hinaus war dieser Kinderfilm außerordentlich unlogisch gewesen. Mitten drin paarten sich ein Esel mit einem Drachen…

Nicht nur, dass es zwei völlig unterschiedliche Arten waren ,nein die Kinder der beiden waren auch noch lebensfähig… und vor allem besaßen sie alle dieselbe heterozygotischen Merkmale, was ehrlich gesagt quasi unmöglich war. Dagegen war der Film mit den Löwen realistischer. Obwohl der auch einige Lücken aufwies. Der kleine Löwe hätte nie Alphamännchen werden können… Schon gar nicht sein Vater. Denn Löwinnen standen für gewöhnlich auf Löwen mit einer dunklen Mähne… Der Löwe aber mit der dunklen Mähne war verstoßen worden.

Inzwischen war die namenlose Bergkette in Sicht gekommen ein Zeichen dafür, dass Mareks Haus hier in der Nähe lag. Jahrelang hatten mein bester Freund und ich versucht einen passenden Namen für die recht lustig anzuschauenden einsamen Bergriesen ausdenken, aber ohne Erfolg. Keiner wollte so genau passen, dass er prägnant in unseren pubertären, löchrigen Cerebrum verweilen wollte. Auf die Frage, warum der Berg namenlos wäre  antwortete damals mein Erdkundelehrer, dass es sehr unhöflich wäre ihn  zu unterbrechen. Darüber hinaus gebe es keinen der diesem Monstrum an Felsen Namen hätte geben können, selbst wenn er gewollt hätte. Das warum ließ er wie immer offen….