Anorexie

Herzenkramen, Klappe die Zehnte: Lebens-Mittel

So, nachdem WordPress aus unerfindlichen Gründen meine Einleitung bereits zweimal eiskalt ins Datennirvana geschickt hat, schreibe ich sie nun ein drittes Mal. Falls der liebe Datengott mir damit mitteilen wollte, dass ich diese noch einmal überdenken sollte: Da hast du dich geschnitten Freundchen, ich schreibe sie genauso so. Wort für Wort, weil ich es kann und weil ich sie gut finde. Nur damit du es weißt! Wir steuern auf die Zielgerade zu, dies ist der vorletzte Beitrag von RandomRandomsens Serie Herzenskramen. Dieses Mal mit dem Titel Lebens-Mittel. Weshalb Lebens-Mittel? Ganz einfach, es ist ein schlechter Wortwitz. Ein zugegebener schlechter Wortwitz mit einer Prise Tragik. Lebensmittel wie ihr sie kennt dienen zur Nahrungsaufnahme und die Nahrungsaufnahme ist dafür da, dass ihr weiter lustig und fröhlich durch die Welt springen könnt, ohne Angst haben zu müssen jeden Moment umzukippen. Das Ganze geht jedoch auch anders. Nehmen wir mal an es gab lange Zeit keine Lebensmittel und ihr seid gerade umgekippt beziehungsweise kurz davor auf ewig umzukippen, dann bedarft ihr Hilfe. Nicht nur Versorgungstechnisch, sondern wie in meinem damaligen Fall auch psychische Hilfe. So gut die Versorgung auch sein kann, wenn ihr euch plötzlich für die Nahrungsaufnahme hasst sieht das Problem schon ganz anders aus. Auf gut Deutsch gesagt, ich bin tatsächlich bekloppt. Herzlichen Glückwunsch ich habe gerade dir, dir und vor allem genau dir gerade gebeichtet, dass ich eine Essstörung hatte/ habe. Beichten deshalb, weil viele Betroffene sich tatsächlich dafür schämen. Zum einen weil sie eben nicht so normal funktionieren wie Andere, zum anderen weil die Gesellschaft immer noch wunderbar mit dem Zeigefinder auf sie zeigt. Freiwillig hungern, wenn andere verhungern. Willkommen in dem Paradox schlechthin. Für alle: Eine Essstörung ist kein Spaß, sie ist nicht schön, aber man muss sich auf keinen Fall dafür schämen. Genauso wie bei anderen psychischen Krankheiten. Um es kurz zu machen, nach meinem damaligen Krankenhausaufenthalt hatte ich nicht nur die Diagnose Reizdarm, nein auch Anorexia Nervosa (Magersucht) stand dort. Schwarz auf Weiß, ganz unschuldig wie sie eben gekommen war. (Es würde mich an dieser Stelle mal übrigens sehr interessieren, wer von euch vorher Hobbypsychologe gespielt hat und es bereits vermutet hat) So unschuldig wie sie gekommen war, sich gemütlich eingenistet hatte so schwer wollte sie auch wieder gehen. Die Alarmlampen der allgemeinen Ärzte, des Kardiologen und natürlich die meiner Mitbewohner liefen auf Hochtouren, da um die Weihnachtszeit wenig Hilfe angeboten wurde. Weshalb ich bis Mitte Januar mir mehr oder weniger selbstüberlassen wurde. Dieser Beitrag handelt über Dinge, die mich damals am Leben gehalten haben. Ihr dürft gespannt sein…

 

  1. Mein Stolz

Die größte Motivation war tatsächlich nicht zu den 10-15% Todgeweihten zu gehören. Dass mag nun merkwürdig erscheinen und ein wenig scher zu erklären, aber ich wollte immer in allem die Beste sein. Dass dies nicht funktioniert, ist mir klar, war mir auch damals klar „aber alle anderen können es doch auch“ also weshalb nicht versuchen. Was mir später bewusst wurde, wie viel eigentlich 10-15% sind. Diese Personen haben schlichtweg zu lange gewartet gesund zu werden oder hatten nicht den Willen dazu. Denn aus einer Essstörung kann man sich nur selbst befreien, es gibt weder Medikamente noch eine Anleitung dafür. Die Erkrankten folgen solange der inneren Stimme bis sie eben über den Jordan gehen oder eben auf die innere Stimme scheißen. Das wohl Wichtigste was ich im Kampfsport gelernt habe ist: Stay strong, don’t give up, keep going. Mehr nicht… Weshalb sollte ich nun nach 16 Jahren Lebenszeit einfach so aufgeben? Es waren 16 Jahre harte Arbeit, 16 Jahre Erinnerungen, Spaß, Trauer, Wut etc. Wieso sollte ich jetzt aufgeben ich hatte noch so viel zu tun, so viel vor mir und ich würde garantiert nicht mein Erspartes auf der Bank verkommen lassen oder gar die Schule quittieren, wo ich doch so haarscharf vor dem Abitur stand. Wozu sitzt man sich denn 10 Jahre den Hintern platt?! Ihr seht aufgeben stand nicht wirklich auf dem Plan, das Einzige worin ich wirklich gut bin ist zäh sein. Weshalb nicht dem eigenen Gehirn mal zeigen wer der wirkliche Chef ist. Besiegt von einer einfachen Psychose, dass kam nicht in die Tüte! Deshalb gilt bis heute: Fall seven times, stand up eight. Also hieß es sprichwörtlich ran an den Tofu bzw. Kuchen.

 

  1. Gronkh

Es gibt diverse Geschichten von ehemaligen psychisch Kranken oder Genies, die sich mit etwas ihr Leben zurückgeholt haben. Dieses Etwas hat sie damals entweder abgelenkt oder sie haben sich damit irgendwie selbst therapiert. Ich wünschte ich könnte dasselbe über mich sagen, jedoch sah es zu der akuten Zeit mit dem Malen und Zeichnen eher schlecht aus. Angst vor dem weißen Blatt, Angst nicht perfekt genug zu sein, Kreativitätsverlust etc. Hörbücher waren gerade aus oder zumindest nicht nach meinem Geschmack und ich verbot mir Geld dafür auszugeben, zumal gerade Weihnachten gewesen war und wer kauft sich nach Weihnachten noch selbst Geschenke? Lesen war ganz unmöglich, da es zu viel Konzentration erforderte. Hätte ich diesen Menschen nicht gehabt, ich hätte mich vermutlich tot gelegen.

Der Hintergrund: Ich sagte Ablenkung ist wichtig, mal keine Minute an das Essen, Nicht-Essen, Sport- Kein Sport zu denken ist… befreiend. Musikhören war damals noch nicht ganz so meins und was blieb war der schon ewig bestehende Wunsch nach Videospielen. Es war das Einzige, was meine Mutter nie verstanden hat und nie sonderlich als sinnvoll ansah. Deshalb gab es außer einem Nintendo nie wirklich Videospiele. Alleine deshalb, weil wir das völlige falsche Betriebssystem besaßen, aber man will ja doch seinen Willen und vor allem mitreden. Aufgrund der frühen Entdeckung (war wohl einer der ersten) konnte ich plötzlich Spiele ab 16 oder sogar ab 18 spielen ohne dafür Geld oder Finger zu bewegen. Ich schaue jemand anderem beim Spiele spielen zu… und dass ist bis heute wunderbar erheiternd, amüsieren, ablenkend, entspannend und je nach Spiel sogar sehr informativ und philosophisch. Imaginäre große Brüder sind eben ultra-praktisch. Besonders wenn sie dich vor dem endgültigen Wahnsinn retten.

 

3. LealovesLifiting

Ich entdeckte diese Dame durch Stöbern auf YouTube.  Ja, damals war dies noch möglich ohne den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Sie war damals sehr viel älter als ich, steckte ebenfalls in einer Essstörung und wollte ihren Weg daraus dokumentieren. Die Jahre gingen in die Lande und ihr könnt euch vorstellen, dass es einige Zeit gedauert hat bis sie sich alle ihre Zwänge eingestanden hat und es dauerte noch viel länger diese abzulegen. Neben diversen fragwürdigen What I eat in a day-Videos (in ihren Augen eine völlig normale Ernährungsweise) lud sie Kontext aus ihrem Studium hoch. Alles rund um Ernährung, Sportwissenschaften mit dem Nebenfach Psychologie tummelt sich bis heute auf ihrem Kanal und rette mir damit das Leben. Denn die Wissenschaft sieht diverse Dinge anders, als es uns Fitnessmagazin XY weiß machen will. So machen Kohlenhydrate nach 18 Uhr nicht dick, auch nicht nach 22 Uhr. Fette sowohl ungesättigt als auch gesättigt sind essentiel wichtig für den Körper. Aspartam ruft keinen Krebs hervor und es gibt auch keinen eingeschlafenen Stoffwechsel. Das kam mir gerade recht, denn mit der Zeit verlor ich die Angst vorm Essen und wusste welchen Bullshit ich nie wieder glauben wollte.

Zur ihr selbst kann ich nur sagen, man muss sie mögen zumindest ihre Art. Gerade in ihren alten Videos merkt man ihr die Essstörung noch deutlich an und auch das Gefühl alles besser zu wissen. Auch heute noch, nachdem sie wirklich eine große Portion Reife dazu gewonnen hat ist sie gerne mal unverschämt, provozierend und nicht gerade der höflichste Mensch auf Erden. Dadurch ist sie allerdings auch eine der Wenigen in der Fitness-Branche, die stets ehrlich und authentisch bleiben. Sie verkauft ihre Seele nicht an Firma XY, nur weil diese ihr die neuen Fettschmelzpillen gratis überlässt. Für Ehrlichkeit, Transparenz und wissenschaftlichen und kostenlosen Kontext muss man ihr eindeutig Pluspunkte geben.

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