Ein Dutzend Dinge, die ich während meines „Auslandsjahr“ gelernt habe

Seit gut drei Wochen bin ich mittlerweile wieder im Lande und bin einigermaßen angekommen. Deshalb bin ich auch erst jetzt dazu gekommen mir so wirklich Gedanken um die letzten neun Monate zu machen. Hier sind ein Paar meiner Einsichten, die ich mal aufgeschrieben habe. Villeicht wird zu dem Thema noch mehr kommen nur ist in-sich-hinein-gehen ein relativ anstrengender Prozess und ich bin mal wieder überall und nirgendwo unterwegs….

Own your Shit

Die wichtigste Sache, die ich wohl während meiner neun Monate Ausland gelernt habe wäre: Own your Shit. Gerade in Beziehungen zu Partner(n), Freundin, Arbeitgeber, Kollegen oder wen auch immer. Lerne dich deiner selbst Bewusst zu sein. Lerne dich selbst zu hinterfragen und beseitige Probleme wie Eifersucht, schlechte Laune, Streitereien oder Ansprüche. Denn ganz oft ist es nicht die Kleinigkeit die jemand erwähnt hat, die uns durch die Decke gehen lässt. Meist ist es etwas ganz anderes, etwas was viel tiefer sitzt. Die eigene Unsicherheit sollte nicht die Ursache dafür sein, dass ihr jeden zweiten Tag jemanden mit verbalen Molotowcocktails bewerft. Ich bin ein Paradebeispiel dafür, ich habe konsequenterweise jeden Boten erschossen. Jetzt weiß ich, ich muss nicht an der Person arbeiten, der mir den Boten geschickt hat. Nein, ich muss an mir arbeiten. Zwischenstand: Es klappt in vielen Fällen schon besser. Zynisch werde ich wohl immer bleiben.

 

Abgrenzen

Der obige Punkt aus einer anderen Perspektive. Denn auch ich war des öfteren schon in meinem Leben ein Bote oder in irgendwelche größeren/ kleineren Konflikte involviert. Immer habe ich mir den Schuh angezogen, dass ich Schuld hätte. Egal bei was: Zwei meiner Freunde streiten sich? Ich war Schuld. Der Lehrer flippte aus? Ich war Schuld. Mein Haustier ist gestorben, weil es einen Tumor hatte? Ich war Schuld. Ist auf Dauer dezent ungesund und anstrengend.

Für das Leben anderer bin ich in der Regel nicht verantwortlich. Ich kann Hilfe anbieten, mehr aber auch nicht. Wenn die Hilfe nicht erwünscht wird, dann lasse ich es. Nur weil jemand unglücklich ist, muss ich automatisch mit unglücklich sein. Nein, nein, nein… und es heißt auch darüber reflektieren zu können, ob man nun wirklich Mist gebaut hat oder ob die andere Person einen gerne als Sündenbock hinstellen würde, weil er/sie sich nicht eingestehen kann dass er/sie Mist gebaut hat.

 

Kommunikation ist alles

Gehört mit in diesen riesigen Korb namens Own your Shit. Denn wenn du dich deines Selbst bewusst bist, dann rede drüber. Rede über deine Gefühle, deine Ängste, Erwartungen, Wünsche was auch immer. Es macht ein Leben ein wenig leichter und sei es nur ein: Entschuldigung ich bin gerade nicht ansprechbar, weil ich tierisch Hunger habe und erst einmal was Essen muss ansonsten gehe ich gleich an die Decke. Es ist eine Ansage, können die meisten Menschen nachvollziehen und man hat für 20 Minuten seine Ruhe. Viele Streitereien entstehen aus Missverständnissen, weil man nie drüber geredet hat oder sich dachte was der andere denken würde bzw. könnte. Wie gesagt nicht denken, sondern reden und zwar miteinander.

 

Kill them with kindness

Mein persönlicher Grad an passiver Aggressivität ist (wenn ich sauer bin) nicht zu übertreffen. Wenn andere verbale Molotowcocktails schmeißen komme ich gut und gerne mal mit einer Panzerfaust vorbei oder gleich mit einer Wasserstoffbombe. Ich sage euch, damit kommt man nicht weit. Man macht zwar seinem Ärger Luft, aber dann kommt der Gegenwind. Trotzreaktionen von anderen Menschen sollte man nicht unterschätzen und dann stehen sich zwei Sturköpfe gegenüber und man hat sich ineinander so verkeilt wie Deutschland und Frankreich 1916 in Verdun. Für das Erreichen eines bestimmten Ziels weniger Vorteilhaft. Erst recht, wenn man von der Person auf die man sauer ist abhängig ist und sich damit so einiges einhandeln würde. Eine Regel, die ich dann selbst lernen musste und immer noch muss: (die Macht der Panzerfaust bleibt eben extrem Stark) bleibe freundlich. Egal was passiert: lächel und winke. Damit entwaffnest du deinen Gegenüber im Zweifel, denn er kann nichts tun. Wenn seine Wut abprallt, dann verraucht sie ins nichts und er ist gezwungen sich auf einen Lösungsweg einzulassen.

Sei ehrlich zu dir selbst

Entscheidungen zu treffen sind zweitweise nicht meine Stärke. Vor allem wenn es Entscheidungen sind, deren Einfluss größere Konsequenzen haben könnten. Wie: welchen Nebenjob fange ich an? oder Was sollte ich studieren?! Die Entscheidung zu treffen kann erdrückend wirken, aber letztendlich weiß man es schon irgendwo ganz tief in sich selbst. Mein Trick entweder eine Münze werfen oder jemanden anderes Fragen. Wenn die Person für mich entscheidet, bin ich entweder zufrieden oder bemerke dass ich eigentlich die andere Option viel besser finden würde.

Alles in allem gilt: Hauptsache ihr entscheidet euch. Zurückrudern kann man immer.

 

Heimweh

Bevor ich weggefahren bin dachte ich ich würde Deutschland nicht vermissen, niemals. Meine Mitbewohner würde ich per grünem Messenger sehen können und meine wirklich guten Freunde sah/ sehe ich eh nur sehr, sehr selten weil sie allesamt nun nicht mehr in meiner Heimatstadt wohnen oder gewohnt haben.

Dieser Vorsatz hielt genau sechs Wochen. Von da an war es eine Berg- und Talfahrt. Mal vermisste ich niemanden, einen Tag später war ich kurz davor alles hinzuschmeißen und nach Hause zu fliegen. Das Sprichwort: Wie sehr man jemanden oder eine Sache geliebt hat fällt einem erst auf wenn er/sie/ es nicht mehr da ist stimmt absolut. Kurz um, ich vermisste mein Zimmer, mein Bett, meine Farben, meine Freunde und meine Mitbewohner. Manchmal vermisste ich auch die heimische Straße, Nachbarn, Gefühle, Gerüche, Essen oder Angewohnheiten… Natürlich gibt es teilweise bessere Optionen, manchmal Übergangslösungen, aber alles in allem ist die eigene Heimat doch irgendwie noch am Schönsten.

 

Podcasts sind genial

Bevor ich losgefahren bin habe recht wenige Podcasts gehört. Entweder es stimmten die Themen nicht oder ich habe sich schlicht weg nicht verstanden. Irgendwann habe ich dann eine Liste mit deutschsprachigen Podcasts gefunden und siehe da, eine Welt hatte sich eröffnet. Je länger ich in Dublin wohnte desto besser Verstand ich Englisch und mittlerweile kann ich auch englische Podcasts ohne größere Probleme verstehen. Langweilige Arbeitstage oder Nachhausewege wurden plötzlich wieder interessant und viel gelernt habe ich auch… Ich denke ich bastel dazu auch mal eine Blogbeitragsreihe.

 

Erwartungen sind schlimm

Erwarte nichts, dann kannst du auch nicht enttäuscht werden. Ein recht trauriger Satz, in dem aber auch sehr viel Wahrheit steckt. Viele Erwartungen werden nicht übertroffen oder gar nicht erst erfüllt, demnach wird man schnell enttäuscht. Ich beobachte, dass immer gerne bei Paaren oft basiert deren Beziehung auf Ich erwarte von dir, dass… Dieses erwarten, wird jedoch erwartet ohne jemals darüber gesprochen zu haben. Das ist eine ganz schlechte Voraussetzung und auch ich habe mir dieses erwartete Erwarten gewissermaßen Angewöhnt. Ich habe erwartet, dass mich andere Menschen glücklich machen, dass andere Menschen von sich aus auf mich zugehen und ich habe erwartet, dass mich ständig jemand bestätigt, sich bei mir entschuldigt oder fragt wie es mir geht. Gewartet habe ich darauf übrigens extrem lange. Besser ist es über bestimmte Dinge zu Reden und sich tatsächlich erst einmal um sich selbst zu kümmern.

 

Vergleiche dich nicht

Mein täglich Brot gib mir heute. Kurz um, Vergleiche enden ähnlich wie Erwartungen eher in einer Katastrophe. Es wird sich nämlich nichts ändern, zumindest von heut auf morgen nicht. Vergleichen kann man sich in jedem Bereich des Lebens und meist zieht man dabei den Kürzeren. Was eigentlich schade ist, denn es gibt keinen perfekten Menschen. Es gibt auch keinen 100% moralisch einwandfrei handelnden Menschen, selbst Mutter Theresa war nicht perfekt oder ganz und gar „gut“. Was des anderen Stärke ist mag zwar deine Schwäche sein, aber dafür kann der Andere beispielsweise nicht so gut kochen oder wird extrem schnell Eifersüchtig. Der beste Vergleich ist immer noch die eigene Entwicklung in einem bestimmten Zeitraum. Dazu gibt es übrigens ein sehr hübsches Gleichnis:

Fünf Menschen starten jeweils in einem eigenen Brunnen und müssen dort irgendwie hinauskommen. Nun hat die erste Person eine Strickleiter bei sich, die zweite Person Eispickel, die dritte ein Seil etc. Sie schaffen es alle früher oder später aus dem Brunnen heraus, aber wir sehen nicht ihren Aufwand der für sie damit verbunden war. Wir sehen nur das Ergebnis.

 

Planen bringt nichts, denn es kommt erstens immer anders und zweitens als man denkt

Meine Vorstellungen über meine Zeit im Ausland war rückblickend niedlich naiv. Ihr wisst schon: ein paar Schwierigkeiten würden aufkommen, aber die würden unglaublich leicht zu meistern sein. Ich würde mich mit jedem verstehen, total leicht neue Menschen kennen lernen und Freunde fürs Leben finden und der Mond ist in Wirklichkeit ein orangefarbenes Wollknäuel. Es fing zwar ganz nett an, aber in den neun Monaten passierte irgendwie so ziemlich alles was einem so passieren kann und ich fühlte mich wie in einer Achterbahn. In einer der fiesen, die im Dunkeln stattfinden und man absolut keine Ahnung hat was in jedem Moment kommt. Was im Leben hilft ist jede Menge Spontanität und Flexibilität. Es wäre auch gelogen wenn ich sagen würde, dass ich nie spontan wunderbare Dinge erleben würde, aber müssen sie denn wirklich so spontan sein? Spontan ist immer ohne Vorwarnung, es kommt so überraschend und ich hasse Überraschungen. Trotzdem ein wenig mehr Spontanität würde mir oft sehr viel Stress ersparen. Ihr seht ein kleiner Teufelskreis.

 

Lost in this world

Hmh, noch so ein Thema bei dem meine Erwartungen eindeutig über das Ziel hinaus geschossen sind. Ich dachte nach meinem Auslandsjahr wäre ich erleuchtet und hätte während dessen oder danach die Idee meines Lebens und alle Lösungen auf meine Fragen. Großer Fehler, es läuft nicht wie in sämtlichen Hollywood oder Independent Filmen, es gibt keinen Selbstfindungstrip, es gibt keine inspirierenden Fremden oder wunderbaren Roadtrips. Sicherlich ich habe vielleicht viel über mich selbst gelernt, dass löst nur noch lange nicht meine Probleme. Ich bin (fast) so schlau wie vorher und irgendwie finde ich das mittlerweile gar nicht mehr so schlimm. Schließlich bin ich noch jung, werde hoffentlich noch in einem gesunden Zustand alt und wer will schon fünfzig Jahre lang arbeiten, selbst dreizig Jahre sind noch genug. Deshalb sollte ich mir da noch keinen Stress machen. So lange die Finanzen noch stimmen und man nicht hungern muss, alles im Grünen Bereich. Ich meine welche Person hat ihr Leben schon völlig im Griff?

 

Du gewinnst Abstand

Ganz oberflächlich gesagt ist es ein nettes Synonym für: Du weißt absolut nicht mehr was in Deutschland so vor sich geht. Freunde sind in dem Falle auch keine Hilfe, wenn ich völlig ehrlich bin habe ich sie auch nie nach solchen Themen gefragt. Wenn wir mal geschrieben oder telefoniert haben dann war jedes Thema wichtiger als Politik oder Wirtschaft. Beispielsweise wie bescheiden meine Chefin mal wieder war oder das ganz bestimmte Sachen oder Menschen mich täglich völlig irritiert haben.

So erreichten mich Slogans wie „Der nord-koreanische Giftzwerg will den Dritten Weltkrieg“ (Ist ja nichts neues) oder „Groko formt neue Regierung“ (Politik vom allerfeinsten, wenn man vom Gammelfleisch mal absieht) erst Wochen später…  Manchmal war es tatsächlich ein Vorteil, denn ich habe keine Lust auf jeden Tag Weltuntergangsstimmung. Schon gar nicht, wenn man seine eigenen Sorgen versucht abzuarbeiten.

In Wirklichkeit sieht die Geschichte ein wenig anders aus, denn mit dem Abstand zu Heimat lernt man sie zu schätzen. Egal ob es das soziale Umfeld ist, das Essen, die heimischen Rituale oder den Tagesablauf oder, oder, oder. Andere Kulturen und Menschen kennen zu lernen ist zu 95% wundervoll, aber zu Hause ist es immer noch am schönsten.

Versucht Isländern und Iren mal zu erklären was genau Karneval ist oder frohen Leichnam oder dass es immer noch unterschiede zwischen Ost und West gibt und Deutschland kein verdammtes Schlaraffenland ist, wo jeder sorglos lebt. Apropos ich musste feststellen, dass recht viele Menschen die ich kennen lernen durfte Merkel mögen…

 

8 Kommentare

  1. Die eine aufgestellte Erkenntnis vom Selbstfindungstripp oder ob der evtl nicht stattgefunden hat widerspricht ein bisschen den anderen, denn es klingt eigentlich so, als ob du jede Menge dazu gelernt hättest ;) Vergleichen ist wirklich ein Grundübel … es hat bei mir eine ganze Weile gebraucht, bis ich gelernt habe, das man nicht vergleichen darf. Erstens wie in deinem Beispiel, weil man nicht sieht wieviel Blut und Schweiß Erfolge gekostet haben und es nach außen hin immer leicht aussieht. Aber auch, weil man eben nicht die Schattenseiten sind. Es gibt niemanden ohne irgendeinen Makel oder Zweifel … nur die anderen reden vielleicht nicht drüber.

    Das mit den Podcasts finde ich sehr spannend und freue mich schon auf deinen Bericht darüber ;) Bin seit etwas längerer Zeit großer Podcastfan, aber irgendwie gehen mir die gerade aus…

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    1. In Sachen Podcast kann ich jetzt schon aushelfen… einmal bitte hier klicken. Ansonsten schreibe ich dir auch noch gerne eine Twitter PN für weitere ;)
      wordbuzzz.wordpress.com/2018/06/09/was-ich-so-hoere-1/

      Ich merke übrigens tatsächlich im Nachhinein, dass ich mich schon verändert habe. Nicht bewusst jeden Tag, aber in so manchen Situationen. Ich bin ausgeglichener, noch sturer geworden und ich kann sehr viel mehr für mich selbst einstehen.

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  2. Ich hoffe ja, dass es bei mir nach der Ausbildung mit Auslandsshit klappt und ich schätze, ich werde dann nochmal auf dem Beitrag landen. <3

    Ich hoffe aber, dass du jetzt nicht zu zynisch und abgekühlt bist, um weitere Abenteuer in Angriff und wertschätzen zu können.

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  3. Ich hab heute mein Buch über die Zeit in Italien fertig gestellt und die letzten Monate so viel an „damals“ gedacht. Hätte es schon Blogs gegeben (oder besser – hätte mein Internet damals funktioniert, den so alt bin ich doch nicht), dann hätte mich der deine in so vielem bestätigt.

    Own your shit! Regel Nummer eins ;)
    Nicht nur im Ausland übrigens.

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