Die gesammelten Schätze des Monats der Ausnahmezustände

Was für ein Monat. Ich weiß ich schreibe das seit Oktober irgendwie jeden Monat, aber warum muss auch soviel passieren. Ich meine, auf der einen Seite ist es natürlich schön auf der anderen Seite muss ich dann so viel aufschreiben. Ich bemerke auch gerade erst jetzt, dass ich nur noch fünf Wochen habe. Ob das gut oder schlecht ist, weiß ich allerdings noch nicht. Wer mich auf Twitter verfolgt oder ich ihn zwangsweise ungefragt bombardiere weiß, dass dieser Monat recht explosive Phasen hatte. Lag schlichtweg daran, dass unser Museum zwecks Ausstellungswechsel zwei Wochen lang geschlossen war und wir eine Woche lang hardcore renoviert haben und die andere Woche die Ausstellungsstücke aufbauen durften. Nicht sonderlich witzig kann ich euch sagen, aber fangen wir langsam an. Der Monat begann erst einmal mit einem Besuch in dem Museumsarchiv, welches am anderen Ende der Innenstadt liegt. Da ich immer noch scharf auf kostenlose Bustickets war und die Fahrkarten zum Archiv vom Museum gesponsert werden nehme ich mir jedes Mal fest vor dort hin zu laufen. Es ist machbar, aber laufen nennt sich das nicht mehr. Es ist vielmehr eine Wanderung, weshalb zeigt mein Navigationsgerät eigentlich keine Höhenmeter an? Es fängt perfiderweise mit einem sehr langen Stück bergabwärts an, da ich ebenfalls auf einem Hügel wohne und steigt dann aber um so steiler an. Was das ganze dann jedoch ein wenig abgemildert hat war, dass ich auf dem Weg durch eine Art Wald/ Nationalpark wandern durfte. Sehr schön, sehr einsam (wenn man die Gärtner nicht mitrechnet) und sehr überraschend. Dort wachsen nicht nur Laubbäume, nein auch gibt es dort einen kleinen Trail für die ansässigen Islandpferde sowie einen riesigen Stausee.

Das Archiv ist an sich nicht wirklich erwähnenswert. Es steht jede Menge abgefahrenes Zeug herum, was noch abgefahrener wäre, wenn es nicht in Noppenfolie stecken würde. Was nicht gerade zu groß für die Kartons, Regale oder Schubladen ist wird dort drin verstaut. Das Herumstöbern macht Spaß als Archivfotografin tauge ich allerdings weniger. Nicht weil ich nicht fotografieren könnte, nein ich bin meist schlichtweg zu klein für die monströsen Poster oder Modelle, welche die Künstler so fabriziert haben. Da helfen weder Stuhl noch anderes Mobiliar. Wobei ich schon arg schlucken musste, als mir die Archivarin mal eben ihre Kamera in die Hand drückte. Einer dieser herrlichen Spiegelreflex-Kameras mit tausend Optionen… Wie gut, dass der Autofokus an war. Ob die Fotos allerdings wirklich etwas geworden sind werde ich wohl nie erfahren. Zu Gesicht bekommen habe ich sie nämlich nicht mehr. Eines noch, weshalb benutzt man Seidenpapier zum Verpacken von Dingen? Einmal eingepackt, kann man die doch nicht mehr entpacken?! Ich habe schlicht weg über zwei Stunden damit verbracht, das Seidenpapier nicht zu beschädigen. Letztendlich habe ich einfach aufgegeben, weil es mir nicht möglich war. Das Einpacken dafür war die Hölle. Wer braucht schon Texttafeln in einer Größe von 1×2 Metern, die natürlich auf keinen Fall dreckig werden dürfen?!

Hatte ich schon erwähnt, dass ich tierische Kopfschmerzen von Archivluft bekomme? Oder dieser typisch staubtrockenen Luft in Shopping-Malls? Ich sehe gerade, ich benutze zu viele Fragezeichen. Zurück zu einfachen Aussagesätzen wie: Ich habe endlich einen polnischen Supermarkt gefunden. Der liegt nämlich gleich neben meinem zweiten Arbeitsplatz. Es mag ein wenig verrückt klingen, aber ich habe mich ein wenig heimisch gefühlt. Zumindest habe ich dort endlich mal etwas verstanden, und ich konnte die Produkte auseinanderhalten. Was Auslandsabenteuer so alles mit einem anstellen. Was mir dagegen ein bisschen Sorge bereitet ist, dass meine Unterwäsche so langsam den Geist aufgibt. Stoff hält eben auch nicht ewig, und dass was ich so dabei habe ist eben seit knapp acht Monaten im Dauereinsatz. Shoppen gehen möchte ich hier jedenfalls nicht, schon gar nicht Unterwäsche. Wenn ich mir die Frauenabteilung so anschaue, kann ich mir nämlich das Einkaufen auch sparen. Ich will Unterwäsche verdammt noch mal nicht „Nichts“ tragen… Vielleicht gibt es etwas anständiges in der Kinderabteilung. Hobbit sein hat auch seine Vorteile. Wenn wir gerade bei Geldausgeben sind, müsste ich mich auch noch um das Problem mit dem Übergepäck kümmern. Ich bräuchte definitiv einen zweiten Rucksack oder einen großen Beutel. Am liebsten hätte ich ja einen mit Universums-Print, nur wo bekomme ich den her? Ich sehe schon, ich werde Pokern müssen. Drückt mir mal die Daumen, dass es ein Royal Flash wird.

Da wir gerade bei Gewinner-Chancen sind Dublin war mit seinen teilweise streunenden Katzen, Füchsen sowie (Madern?) ein wenig abenteuerlich Reykjavik ist allerdings noch mal ein wenig besser. Hier ist zwar kein Eisbärengucken im Vorgarten angesagt, aber es gibt noch viel mehr Katzen. Der geniale Pluspunkt dabei ist, dass nicht alle scheu wie Rehe sind. Weshalb ich mittlerweile einen Stundenplan habe, wann die Nachbarskatzen draußen sind. Die kann ich nämlich gefahrlos streicheln und bespaßen. Freut beide Parteien und ich habe angenehme Beschäftigungs- sowie Flaumtheraphie. Weil wir gerade bei Katzen sind, ich bin immer wieder erstaunt wo sich alles in der Welt Amseln und Meisen ansiedeln können. Gibt es auch einen Ort, an dem es diese kleinen Piepmätze nicht gibt? Es ist zwar schön, dass hier morgens so viel Leben herrscht aber sie sind laut. Nicht so laut wie die nervige Müllabfuhr, aber die kann ich mittlerweile recht großräumig umgehen. Was tatsächlich noch lauter ist als das ohrenbetäubende Rattern des orangenen Monsters ist das Geschrei der hier ansässigen Nebelkrähen. Offiziell gehören sie anscheinend zu den Singvögeln. Das ich nicht lache. Wenn deren Babygeschrei als Gesang tituliert werden kann, weshalb habe ich damals in Musik keine eins mit Sternchen bekommen? Ich frage mich gerade ob Reykjavik eigentlich einen Zoo hat… Besuchen würde ich ihn zwar nicht, wäre aber mal interessant zu wissen oder zumindest ein Aquarium. Ein aquares-Feeling bekomme ich immer öfters gratis. Es liegt nicht immer am Regen, der ist mehr oder weniger kein Problem. Ich rede ihr von den Meeresbewohnern. Eines schätze ich an meinem Heimathafen mittlerweile besonders. Die Fischabfertigungshalle sofern sie überhaupt eine haben liegt nicht unbedingt im Einzugsgebiet. Hier dagegen schon, genauer gesagt direkt neben meinem Arbeitsplatz, was für mich bedeutet regelmäßig dezentes Fisch Horsd’œuvre genießen zu dürfen. Zu Deutsch: Es stinkt teilweise erbärmlich nach nicht mehr ganz so frischem Fisch. Besonders schön ist es, wenn von den Transportern der ein oder andere Fischrest auf den Boden fällt. Der wiederum bleibt dort erst einmal liegen im Zweifelsfall auch gerne mal länger. Wenn schwere Sturmböen aufkommen dann wehen die euch entgegen und ihr dürft morgens um kurz vor halb elf erst einmal Fischköpfe umarmen. Entgegenkommender Straßensand ist dagegen wirklich angenehm.

Das Gefühl bei fliegenden Fischen relativiert sich übrigens wieder als ich krank wurde. Nicht wirklich richtig krank sondern eher das Level von Männergrippe. Ergo ich war fit genug um zur Arbeit zu schleichen und zu Arbeiten, aber der Rest viel eben flach. Das waren die ersten zwei Wochen des Monats, weshalb ich in dieser Zeit kaum etwas vorproduzieren konnte. Mein Tagesplan sah nichts anderes vor außer Bett und Arbeit… Zumal es sich mit Kopfschmerzen des Todes wirklich schlecht schreiben ließ ebenso wie mit Halsschmerzen schlecht reden. In dieser Zeit vielen auch relativ viele Sprachnachrichten flach, was meinen Frust weiter anwachsen ließ. Genauso wie zwei Wochen ohne Sport… Es klingt lächerlich, aber wenn dir das einzig probate Mittel genommen wird sich selbst auszulasten dann wird das ganze Leben ein wenig schwieriger. Weshalb die zwei Wochen recht schlecht gelaunt durchlebt wurden, wenn ich es vorsichtig ausdrücken darf. Was es am Ende war? Keine Ahnung, in Deutschland grassierte zu der Zeit der Influenza B Virus, ob der zur selben Zeit auch hier in Island angekommen war? Ich bezweifle es.

Was nach meinem Kranksein kam, war allerdings um einiges Schlimmer. Wir sollten für das Museum beziehungsweise für die Galerie die neue Ausstellung aufbauen. Wir müssen es selbst machen, da die Administration zu wenig Geld von der Stadt bekommt wie gefühlt jede kulturelle Institution. Voller Vorfreude sah ich den zwei Wochen entgegen und schon am ersten Tag merkte ich: Sechseinhalb Stunden Tapete von der Wand abzukratzen, die Wand zu waschen und fürs Streichen vorzubereiten ist eine Hausnummer. Die nächsten Tage wurden nicht besser… Wir strichen, putzen, strichen, verputzen Löcher, schliffen Wände ab und putzen erneut. In Anbetracht dessen, dass wir trotz Anweisung unserer Chefin die falsche Farbe benutzt hatten begann alles wieder von vorn. Eine Woche lang hieß es Putzen, Staubsaugen, Steine schleppen, Streichen und wieder Putzen.

Renovieren ist eine Sache, das örtliche Putzkommando zu sein eine ganz andere. Man wird automatisch zum Untermenschen degradiert, von so ziemlich jedem. Egal ob es Rang und Namen hat oder es nur denkt zu haben. Für alle Touristen ihr ein kleiner Disclaimer: Isländer sind unheimlich freundlich zu Touristen, sobald sie denken du seist einheimisch macht euch auf etwas gefasst. Besonders in Reykjavik sind die Einwohner oft noch unfreundlicher als ein Berliner Verkehrskontrolleur vor acht Uhr morgens. Ich kann damit umgehen, Augen zu und durch ich werde diese Menschen hoffentlich nie wieder zu Gesicht bekommen. Wer mich schon weit eher nervt ist diese eine Chefin. Ich habe ja berichtet, dass alle drei Vorgesetzten ganz nett seien. Dachte ich. Sie ist einer der gemeinsten Personen, die ich jemals in meinem Leben getroffen habe. Selbst ich bin/ war nie so gemein als Teenager. Konkrete Punkte lassen sich feststellen. Sie kann sich nicht bedanken. Es gibt weder ein Takk, Thank you oder Thanks zu hören. Sie nickt noch nicht einmal mit dem Kopf oder hält den Daumen hoch. Ich und meine Mitpraktikantin sowie eine weitere Vorgesetzte arbeiteten uns das wehrte Hinterteil ab, gerne sieben Stunden pro Tag. Was macht sie? Sie saß vor ihrem Laptop und schrieb entweder E-Mails oder guckt Musikvideos. Wenn ihr Freund Zeit hatte, dann wurde auch gerne mal geskypt. Arbeiten oder gar mal helfen? Wer wäre sie denn?! Wie gesagt jetzt wisst ihr weshalb hier so wenig kam. Ich bin morgens kurz vor der Arbeit aufgestanden und abends tot müde ins Bett gefallen. Teilweise bin ich noch zum Sport was sich leider böse gerächt hat, aber diese Aggressionen die diese Chefin bei mir ausgelöst hat mussten irgendwo abgebaut werden.

Am schlimmsten war der Donnerstag der eigentlich im Archiv verbracht werden sollte. Ergo lediglich einen halben Tag arbeiten. Was haben wir zwei uns gefreut, endlich mal ein wenig Pause vom Projekt zu haben und etwas anderes sehen zu können. Kurz vor Torschluss kam dann die nette Chefin, lud diverse Kataloge im Archiv ab und sammelte uns letztendlich ein um uns ins Museum zurück zu fahren: Wir würden benötigt. Davon merkten wir bei der Ankunft erst einmal nichts. Bis uns eröffnet wurde, dass wir die zwei Kisten übrig gebliebener Backsteine in das Auto des Künstlerinnensohnes tragen sollten verging eine gute Stunde. Nur war der Sohn plötzlich unauffindbar was daran lag, dass er erst einmal seinen Vater nach Hause bringen musste. Am helligten Tag, mitten in der Arbeitszeit einfach so. Wir waren bedient jetzt hieß es erneut warten. Zumindest wurden wir nun dazu beordert beim Aufhängen von Metallplatten zu helfen. Wir standen demnach in Tai-Chi reifen Posen an der Wand und mussten solange verharren bis sich Museumsadministration und Künstlerin einig geworden waren wie wo was nun hängen sollte. Tiefenmuskulaturtraining vom feinsten und niemand bedankte sich. Mal wieder.

Beim Aufhängen wurde mir dann mitgeteilt, dass ich doch bitte die Metallplatte fest an die Wand drücken sollte. Wenn das nicht helfen würde, einfach über die Platte drüber streichen… Dumm nur, dass beim drüber Streichen die Silberlegierung ein wenig verschwand. Mit ein wenig meine ich sehr viel, ich war unschuldig hatte ich ja nur Anweisungen von der fiesen Chefin befolgt. Die durfte den Unfall dann mit der Künstlerin ausdiskutieren. Rache ist Blutwurst. Die Rache kam dann natürlich volle Kanne zurück, nicht von ihr sondern von meinem Darm. In Anbetracht dessen, dass ich nichts wirklich großes zum Mittagessen dabei hatte knurrte mir bereits der Magen als ich ins Auto meiner Chefin stieg. Dumm nur, dass mir mittlerweile in Bussen sowie Autos schlecht wird. Insbesondere in Modellen zweier Automarken. Fragt mich nicht weshalb genau diese, aber natürlich besaß meine Chefin ein Auto von einer dieser beiden. Ich sage euch bereits nach drei Minuten Fahrzeit war ich damit beschäftigt meine Galle drin zu behalten. Ihr erinnert euch, das Archiv liegt auf einem Berg. Es ging in wunderbaren serpentinartigen Straßenverläufen hinunter.

Deshalb war bei der Ankunft des Museums erst einmal nicht an Essen zu denken und danach war ich zur Arbeit beordert worden. Nachdem Metallplatenzwischenfall gab es dann etwas zu Essen und mein Darm als er anfing zu verdauen fand das überhaupt nicht witzig. Ich dann auch nicht mehr, weil ich selbst mit drei Schmerztabletten kaum mehr gerade stehen konnte. Die Archivarin kam dann irgendwann auf mich zu und fragte ob etwas nicht okay war… Menschen auf Englisch zu erklären was Reizdarm ist, ist ja immer mein Liebstes. Am Ende landen alle bei Morbus Crohn und ich belasse es schließlich dabei. Die Symptome sind ähnlich und mehr als dass ich extreme Bauchschmerzen hatte müssen sie nicht wissen. Den Rest des Tages durfte ich Holzaufhänger zusammenkleben, die kaputtgegangen waren. Der Sohn der Künstlerin tauchte übrigens auch wieder auf. Seine Steine mussten wir dann auch noch einladen, allerdings hatten wir vorher auf eine Sackkarre bestanden weshalb es nicht allzu zeitaufwendig wurde. Zumal er auch das endgültige Einladen übernahm. An dem Abend war ich endgültig erledigt und ich war froh, dass keiner meiner Mitbewohner zu Hause war. Ein Smalltalkgespräch wäre das letzte gewesen, was ich an diesem Abend noch gebraucht hätte.

Falls ihr euch fragt weshalb wir Backsteine aus Lava schleppen mussten… Sagen wir mal so wir durften vier Statuen aufbauen. Sie sollten sowohl parallel zu den hauseigenen Säulen stehen als  auch jeweils zu einander. Dumm nur, dass weder die Säulen alle gleich breit waren noch wirklich parallel zu einander. Ein bisschen Schwund ist wohl immer, selbst auf Island. Einfacher machte es die ganze Aktion nicht, schon gar nicht als Miss grausame Chefin uns auch noch die falschen Maße sagte. Bis war den Fakt herausfanden verging einige Zeit und einige Krisensitzungen inklusive viel Gefluche. Für die vier Statue brauchten wir ungefähr etwas mehr als vier Stunden. Die letzte musste ich mit der Archivarin aufbauen. Die hatte absolut gar keine Ahnung von dem Thema, weshalb ich es eher alleine hinbiegen musste. Stein nach Stein nach Stein… Wie gut, dass es die Sackkarre gab.

Zwischen Statue zwei und drei sind ich und meine Mitpraktikantin übrigens dazu übergegangen Icelandic’s next stone model zu spielen. Die Künstlerin hatte darauf bestanden, dass die schönen Steine nach außen und die hässlichen nach innen kommen sollten. Wir kamen zum Schluss, dass die Schönheit von Innen kommen sollte und teilten die Steine deshalb in emotionale Stimmungen ein.

In der zweiten Woche wurde das Programm zwar mäßiger jedoch nicht weniger. Es wurde noch mehr geputzt, noch mehr gewartet und letztendlich wurden uns Aufgaben zugetragen die absolut nichts mit dem Aufbauen der Ausstellung zu tun hatten. Wie Beispielsweise einmal das gesamte Lager zu sortieren und aufzuräumen oder die Küche umzuräumen oder den Miniaturbuchladen auf Vordermann zu bringen. Das äußerte sich in dem wir vier Regale abmontieren mussten um ein neues anzubringen und die alten vier wieder darum herum arrangieren sollten. Der anschließende Satz gehört ja immer zu meinen liebsten: Mach hübsch… Diese Aussage wäre unter Umständen kein Problem gewesen jedoch kam sie von Miss Grausam und die soll mir erst einmal eine Definition von hübsch liefern bevor ich einen Finger krumm mache. Diese Tatsache fand sie wiederum nicht prickelnd weshalb sie am Ende alles selbstmachte und ich abermals zum Saugen abkommandiert wurde sowie Lampen zusammenkleben und verstauen.

Wie ihr seht inklusive Kranksein ein vierwöchiger Höllentrip. Der war übrigens am Freitag noch lange nicht zu Ende, denn es wurde vorausgesetzt, dass wir am Samstag arbeiten würden. Schließlich sollten wir um Punkt 16Uhr dort stehen, um den Künstlern ihr kalt gestelltes Bier auszuschenken oder zu geben. Je nach dem was geordert wurde. Oder wer keine Lust aufs Ausschenken hatte musste Muscheln hüten. Was Ausstellungsstücke nicht so alles mit sich bringen. Ich war nicht amüsiert, auf keinen Fall erst recht nicht als ich erfuhr, dass es gerne gesehen würde wenn ich zum gemeinsamen Abendessen bleiben würde. Warum war mir schleierhaft, denn unter uns die Künstlerin sprach nicht sonderlich gut Englisch. Der Rest der Künstler ähnlich wie die Belegschaft auch nicht. Hieß ich würde mich mit niemandem unterhalten können, den gesamten Abend lang nicht. Denkt mal ja nicht, dass Isländer stets respektvoll englisch reden nur, weil ihr ihre Sprache nicht sprecht. Da muss ich euch gleich enttäuschen.

Unter drei Tage langem, stummen Gezeter lief ich dort trotzdem am Samstag um 15 Uhr geschniegelt und gestriegelt auf. Der unhöfliche Ton in dem die Anweisungen erfolgten nahmen mit der Zeit zu und kurz vor Ausstellungsbeginn wäre ich fast eskaliert. Die Rettung beziehungsweise die Felswand in der Brandung war die Anwesenheit diverser auf wichtigtuender Funktionäre von Odin-weiß-woher. Mit dem Öffnen der Türen hieß es dann auf die Muscheln aufpassen. Je mehr sich der Raum füllte, desto besser konnte ich auch die Besucher beobachten. Lustiges Völkchen, zumal sich gleich ein Dutzend auf das Bier stürzte. Unser Rekordhalter trank sechs und gab nicht ein einziges Mal eine Spende, irgendwann wurde im sowie allen anderen Gästen der Ausschank verwehrt. Geiz ist eben nicht geil… Was mich dann doch ein wenig überrumpelte war der Umstand, dass mir plötzlich eine Kamera in die Hand gedrückt wurde mit den Worten: Mach mal.

Foto schießen ist eine Sache, sich ganz professionell mit der Technik auszukennen eine ganz andere. So wurde weiter beobachtet und mehr oder weniger wahllos auf den Auslöser gedrückt.

Ein paar Portraits kamen dabei herum, und sehr viel mehr Schnappschüsse. Wenn Menschen sich nicht beobachtet fühlen gibt es die besten Bilder.

Das Ganze hätte noch mehr Spaß gemacht, wäre da eben nicht die Kameratechnik gewesen. Das verdammte Ding hatte entgegen meiner Annahme nämlich keinen Autofokus eingestellt. Das Ergebnis waren eher halbgare Bilder, die dann rettungschwimmerschnell gerettet werden mussten.

Die Chefinnen sollten die Bilder vorher jedenfalls nicht zu Gesicht bekommen, zum Glück bekam ich dabei ein wenig Hilfe von einer bzw. zwei Kiwis. Meine Versuche zumindest eine vernünftige Basis herzustellen, auf der ich später aufbauen könnte schlug grandios fehl. Zu meiner Rechtfertigung, ich habe eben kein super professionelles Bildbearbeitungsprogramm auf meinem Laptop. Ganz anders der Profi, am Ende des Tages präsentierte ich der Archivarin stolz das Ergebnis. Sie zuckte noch nicht einmal mit der Wimper und eröffnete mir gleich danach, dass ich im Archiv großen Mist gebaut hätte. Sie formulierte es etwas blumiger, aber man muss kein Sprachgenie sein um zu wissen, dass sie es definitiv direkter meinte. Grund war ein großes Missverständnis. Ich glaube zwar bis heute ganz fest daran, dass sie es mir so erklärt hat wie ich es in Erinnerung gehabt habe aber anscheinend ist sie auch nicht die, die einräumen kann Fehler gemacht zu haben. Ich war ausnahmslos die Schuldige. Zu dumm um Fotos zu benennen und um sie elektronisch ins System einzuspeisen. Kommt davon, wenn man mir Denkaufgaben gibt, bei denen man nicht wirklich denken muss. Insgesamt sind es etwa über 1110 Bilder die ich zu 60% erneut zuordnen darf. Die Praktikumsdiversität kann ich für den Rest der Zeit vergessen. So wie es sich momentan darstellt bleibe ich mindestens noch zwei Wochen an diesem Archiv hängen, wenn nicht sogar die vollen vier.

Dabei hatten mir meine Chefinnen bei einem Gespräch eigentlich etwa anderes Angeboten. Das kam nämlich noch hinzu. Nicht danke sagen können, aber sich um meine Gesundheit sorgen. Verstehe einer Arbeitgeber… Nette Chefin sowie Archivarin luden mich auf ein Gespräch im Museumsrestaurant ein. Ohne Getränke und ohne Heizung… Kurz gesagt wurde meine bisherige Praktikumszeit besprochen und die die noch kommen sollte. Darüber hinaus wurde ich gebeten meine eigenen Stärken und Schwächen, Wünsche und Erwartungen aufzuschreiben und ihnen das Papier dann zu geben. Sie würden es sich dann ansehen… Ich hasse Selbsteinschätzungen. Ich kreuze meistens alles so an, dass es zumindest am Schluss ein hübsches Muster ergibt. Das Auge ließt sowie isst bekanntlich mit. Besonders schön wurde es, als die beiden mir versuchten unterschwellig klar zu machen, dass ich doch gefälligst ein größeres Sozialleben haben sollte. Solche Menschen sind mir ja immer die liebsten, es ist nicht sodass ich nicht kann ich will einfach nur nicht. Mein Social-life besteht mittlerweile aus Katzen bespaßen im Morgengrauen, für mich völlig fein. Die sind sogar gesprächiger als so mancher Gesprächspartner den ich mal getroffen habe. Ich wurde jedenfalls mit einem fetten Programmheft weggeschickt, es ist eigentlich nur so dick da alle Artikel jeweils auf Englisch und aus Isländisch abgedruckt sind. Ansonsten fand noch nicht so viel statt oder eben mitten in der Nacht. Habe ich schon erwähnt, dass ich mitten in der Nacht lieber schlafe.

Des Weiteren wurde sich auch noch nach meinen Vermietern erkundigt, wie die denn so drauf seien. Nun ja, die Mutter meiner Vermieterin hat einen leichten Reinlichkeitswahn. Ich kann verstehen, dass sie besorgt ist um ihre Inneneinrichtung bei so vielem fremden Menschen, aber mich jedesmal aufs Schafott zu führen nur, weil ich das falsche Handtuch benutzt habe (ich wusste noch nicht einmal, dass es das falsche Handtuch ist!) macht mich dann doch ein wenig fertig. Zumal sie ständig impliziert ich hätte böse Absichten. Nein habe ich absolut nicht, ich bin einfach nur unheimlich müde, geistesabwesend oder beides zusammen. Entschuldigung, dass ich ein Mensch bin. Ich lebe auch gerade erst zum ersten Mal. Denkt mal ja nicht, dass ihre Kinder sich an ihre Regeln halten. Diese Regeln ändern sich auch gerne mal über Nacht.

Was sie dafür umso mehr liebt und womit man sie meist wieder milde stimmen kann, ist Smalltalk. Da ich sozial auch so unglaublich bewandert bin, bin ich von diesem Sachverhalt natürlich total begeistert. Nicht. Bitte nicht… Es gibt nichts Grausameres. Ich sollte es lernen, aber auf der anderen Seite… Weshalb sollte ich mich mit Menschen unterhalten mit denen ich mich gar nicht unterhalten will? Wobei ihr Smalltalk auch nicht unbedingt unter die Norm fällt. Bei ihr geht’s gleich ans Eingemachte. So entstanden folgende Dialoge, ich habe mir die Freiheit genommen sie ins Deutsche zu übersetzen und nein sie sind nicht übertrieben oder untertrieben. Ich bleibe so gut es geht am Original…

Vorgeplänkel in der Küche, dann stellt sie wie aus dem Nichts diese Frage:

Sie: Willst du eigentlich Kinder?

Ich: Ich weiß nicht. Aber mit aller höchster Wahrscheinlichkeit nicht.

Sie: Warum denn nicht?

Ich: Ich finde um ein Kind großzuziehen sollte man einen gesicherten Lebensstandard besitzen.

Geregeltes Einkommen, geeigneten Partner etc. Als Freiberuflerin ohne Partner könnte, dass recht schwierig werden… Zumal die Welt jetzt nicht der beste Ort ist, um ein Kind groß zu ziehen.

Sie: Un der ideale Ort wäre?

Ich: *mit den Schultern zuck* Hier jedenfalls nicht. Es gibt zu viel Krieg und soziale Ungerechtigkeit.

Sie: Bist du denn nicht etwa glücklich?

Ich: *Pause… lange Pause* (Man muss ja nicht gleich jeden alles auf die Nase binden.)

Sie setzt wieder an: Die Welt war noch nie schön, und jeder ist mal unglücklich stimmt’s? Ist doch völlig normal.

Ich: *unbestimmten Laut von mir gebend*

Jetzt mal im Ernst. Europa bröckelt, unser Sozialstaat Deutschland baut sich ab, Merkel exportiert weiter lustig Waffen, der Nationalismus kommt wieder in Mode und das Schul- sowie Arbeitsleben wird immer wahnwitziger. Das Rentenalter wird Höher, die Leistungsfähigkeit des Menschen bleibt jedoch gleich…  Millionen von Menschen werden bombardiert, verhungern, erschossen, gefoltert, ausgeschlossen oder unterdrückt. Ja, die Welt ist wirklich ein super Ort zum Leben! Experten geben uns noch wie viele Jahre? 100? 50?

Manchmal glaube ich einfach, dass manche Menschen in einem Paralleluniversum leben. Das will ich auch können. Zumal ich definitiv noch zu jung bin, um mir  Gedanken über Kinder zu machen!

Ein anderes Beispiel:

Sie: Was machst du wenn du wieder zu Hause bist?

Ich: Ich weiß es noch nicht. Momentan bin ich ein wenig unentschieden. Vermutlich Kunst studieren.

Sie: Warum denn nicht?

Ich: Ich weiß einfach nicht ob es wirklich das Richtige für mich ist und ob ich es überhaupt schaffe. Bewerbung, Aufnahmeprüfungen, Abschluss, dann das spätere Berufsleben…

Sie: Künstlersein ist doch nicht schwierig, du musste einfach nur die Beste sein.

In diesem Moment hätte ich sie gerne an die Wand genagelt. Solche Phrasen rufen die absolute Beulenpest in mir hervor. Man sagt mir, dass ich doch einfach nur die Beste sein soll. Das habe ich 17 Jahre meines Lebens aktiv versucht und versuche es teilweise immer noch. Ich zerfleische mich innerlich manchmal, nur weil ich mal nicht die Beste bin oder in der Schule keine 15 Punkte hatte. Ich lag auch schon mal wegen meines irgendwann krankhaften Perfektionismus im Krankenhaus und kurz vorm Abtreten. Ich weiß, dass sie das nicht wissen kann. Trotzdem, ich war die nächsten fünfzehn Minuten damit beschäftigt nicht völlig abzudrehen. Soetwas ist st nicht unbedingt eine Beschäftigung für Werktags abends, wenn man am nächsten Tag wieder früh aufstehen will/ möchte/ muss.

Aber all dies erzählte ich meinen Chefinnen natürlich nicht. Ich käme in Lokis Küche ich schwöre es euch. Die Einzige was da hilft ist lächeln und winken, lächeln und winken… mehr nicht. Mehr würde auch nicht in Frage kommen. In beiden Fällen hat es geholfen, irgendwie. Übrigens den einzigen Event, den ich freiwillig besucht habe war das Museum sowie ein paar Geschäfte in der Innenstadt im Rahmen eines Designermarktes. Designer, Grafiker oder Künstler stellten ihr Erschaffenes aus und man konnte mit ihnen reden wenn man wollte. Die Geschäfte waren alle nicht großartig interessant. Isländische Mode konnte man in einem modernen back to the root zusammenfassen. Ähnlich der Möbelstil. Die Grafiker waren da schon eher interessanter. Nichtsdestotrotz ein Festival sieht anders aus.

Am letzten Arbeitstag vor Ostern bekam ich zumindest zwei verschiedene Pflanzenmilchsorten  (Verzeihung Pflanzendrink) geschenkt sowie einen veganen Jogurt. Hip-Hip Hurray!

 

Auf einmal erscheinend mir meine Sprachnachrichten so sinnvoll:

Ich mache hier Aufnahmen, damit die intelligenten Wesen, die den iPod Millionen Lichtjahre entfernt eines Tages vielleicht finden werden, erfahren können, wie es auf der Erde so war.

S. 12- Hallo Leben, hörst du mich von Jack Cheng

 

Eher mein Gefühl nach der vierten Woche nach meiner Ankunft:

“Aber niemand kann mich sehen! Oder hören!” “Nein?” “Außer…” Das Mädchen sah ihn angestrengt an. “Du bist nicht zufällig auch tot, oder?” “Äh, nein, ich glaube nicht.”

S. 9- Jessicas Geist von Andrew Norris

 

Dann nehme ich mir meine eben: 

Diejenigen, die am dringendsten eine Chance benötigen, bekommen keine. (…)

S. 15- Nachtblumen von Carina Bartsch

 

Wenn ich mein Kopfkino mal wieder anschmeiße: 

»Du hast ihm sechsmal ins Gesicht geschossen.«

Der sterbende Killer lächelte. »Daran kann ich mich erinnern.”

»Sechsmal! Warum?«

(…)

»Ich hatte eben nur sechs Schuß.«

S. 172- Thursday Next, Der Fall Jane Eyre von Jasper Fforde

 

So läuft anscheinend das neue Spiel: 

(…) Erde war… ein Planet der verpackten Dinge. Nahrung in Folie. Körper in Kleidung. Verachtung in Lächeln.

S. 27- Ich und die Menschen von Matt Haig

 

Meine Mitbewohnerin, wenn ich mal wieder eine Spur zu ehrlich war:

»Verdammt.« Der Fremde rieb sich mit den Knöcheln übers Kinn. »Das war unklug.«

S. 26- Amani Rebellin des Sandes von Alwyn Hamilton

 

Für diese eine Kollegin, hier nur für dich: 

I will live to leave this place. I will walk out as a free man. If there is a hell, I will see these murderes burn in it.

S. 23- The Tattooist of Auschwitz von Heather Morris

6 Kommentare

  1. Dein Kopfweh im Archiv und den Shopping-Malls könnte aber auch vom Kunstlicht kommen. Jedenfalls geht es mir immer so in Räumen ohne Tageslicht. Interessanter Bericht über eine nicht besonders interessante Praktikantinnenzeit.

    Gefällt 1 Person

    1. Man kann Kopfschmerzen von Kunstlicht bekommen? Daswusste ich noch gar nicht, wieder was gelernt und werde ich definitiv mal beobachten. Danke für den Hinweis.

      Glaub mir, der April wurde noch wesentlich „interessanter“ :D Langweilig wird es nie.

      Gefällt mir

Wordpress wird deine Daten hinterlegen, solltest du damit nicht einverstanden sein dann kommentiere bitte nicht

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.