Monat: Dezember 2016

15. Türchen:

7. “Ich würde ihnen gerne die Vorschriften zitieren, aber ich weiß, Sie werden das alles ignorieren.“ -Star Trek XI/ Teil 4

Der Mann stützte sich mittlerweile mit seinen Händen im Rahmen ab. So weit ich es erahnen konnte sah mein Gegenüber nicht wirklich gesund aus, selbst für die Verhältnisse die hier herrschten. Sein Gesicht war arg eingefallen und die Zähne gelb verfärbt, fast wie Zitronen. Vermutlich rauchte er, das würde auch seine gräuliche Haut erklären. „Oh. Das heißt ich habe hier mein Vorstellungsgespräch?“ ich hoffte dass meine Maske den sarkastischem Unterton überdecken würde. Was war hier los? „Falls sie mit jedem ihrer Bewerber ihr Gespräch vom Fenster aus geführt haben würde ich diese Tradition gerne brechen…“ fuhr ich leicht wütend fort. Meine Laune war endgültig am Ende mir war kalt, ich hatte Bärenhunger und als I-Tüpfelchen sagte mir das Blinken eines blauen Streifens in meinem Display, dass sich Regen ankündigte und da es bereits ungefähr minus fünf Grad hatte würde aus Regen Schnee werden, gelber Schnee. Gefahr im Anflug und wenn ich so den aufkommenden Wind einschätze – verdammt schnell. Wer diese Defahr überlebte, dem sah man dass an und dann war es aus mit der versteckten Identität. Dann stand selbst für die Dümmsten fest, derjenige war ein Drag und für den Abschuss freigegeben. „Warten Sie kurz“, hörte ich gerade noch. Dann verschwand der Unbekannte nach Innen und aus meinem

Sichtfeld. Vorsorglich positionierte ich mich unter den kleinen Sims. Zumindest war der besser als gar nicht. Für die ersten Flocken würden es geradeso reichen…

Was mich wohl drinnen erwartete? Der Kerl meinte er hätte schon mehrere Bewerber gehabt oder waren bereits mehrere Menschen eingestellt? Erst jetzt realisierte ich erst wirklich wie wenig ich über diesen Menschen oder dieses Wesen wusste. Nur wie viel er oder es über mich wusste, dass war beängstigend. Ich hatte weder einen Schulabschluss noch sonst irgendwelche Referenzen außer dass ich einen Pokal besessen hatte, der besagte, dass ich mit 8 Jahren das Kind mit dem meisten Wissen, zumindest im Genre der Kunstgeschichte gewesen war und dem Geheimnis, dass ich zu der Gattung der Drags sowie der Undertaker gehörte. Nun negativ und negativ ergab positiv.  anscheinend nicht für mich, leider. Wie unvernünftig… Hätte ich nicht doch eine Sicherheitsbrücke mehr schließen sollen? Waren all die geduldeten Zellengenossen Spione gewesen? War zusammen gegen den Feind verbündet nicht die Tagesregel gewesen? Warum hatte er mich auserwählt? Wegen der Affinität zu Binärcodes und elektronischen Einbrüchen? Lilith finde den Fehler…

Ungeduldig lugte ich nach oben. Rauchte er erst einmal ein ganzes Pack Zigaretten um sich von dem Schock zu erholen oder hatte er mich vergessen? Ich vermutete letzteres mal wieder.

Dann wie gerufen vernahm ich Schritte. Noch fern, doch kamen sie rasch näher, sehr rasch, zu rasch für rein menschliche Beine und ich musste es wissen. Mein erster Gedanke gehörte dem merkwürdigen Kauz, der zweite gehörte wiederum einer Falle. Noch einmal hörte ich genau hin. Eine Person, das Wiederhallen von bloß zwei Beinen. Das bedeutete derjenige besaß lediglich die Fähigkeit der übermenschlichen Schnelligkeit. Schnelligkeit war leider relativ neutral, sie sagte nichts über das Individuum aus. Oft war sie nur eine Begleiterscheinung des wahren Kerns. Gut oder Böse, dass war hier die Frage. So schnell wie die Schallwellen näher kamen musste diese Frage entweder sofort gelöst werden oder ich brauchte einen verdammt guten Plan B.

Ein großartiges Versteck bot dieser Hinterhof nicht. Der Container stand an einer Wand und die beiden Seitenwände waren leicht einsehbar. Wäre die Bedrohung nicht blind würde sie mich sofort entdecken. Die einzige Möglichkeit bestünde darin mich neben dem Tor an die Wand zu pressen und zu hoffen, dass es mich nicht bemerken würde. Diese Sekunde könnte ich ausnutzen um entweder anzugreifen oder zu flüchten. Fight or Flight wie der Sympathikus es betiteln würde.

Gedacht getan, so gut es auch nur irgendwie ging, presste ich mich gegen die Mauer, Atmung verlangsamen, den aufkommenden Wind und Schnee ignorierend. Mit der Schnelligkeit wäre das Problem schnell behoben. Je schneller dieser jemand war desto schneller konnte ich wieder unter den schützenden Sims. Kleinste Auffälligkeiten konnten mich verraten. Genau in dem Moment in dem ich sogar meinen Atem anhielt um das Rauschen des Filters zu unterdrücken, zischte etwas an mir vorbei. Etwas Helles. Der Größe nach zu urteilen konnte es kein wirklich Erwachsener sein.  Allerdings bedeutete es nich außer Gefahr zu sein. Die Regierung züchtete auch Kinder, um uns dranzukriegen, darüber hinaus gab es auch kleine Erwachsene…

Nur war dieser Person meine Wendigkeit anscheinend gleichgültig, denn statt sich umzudrehen und mich anzugreifen sprang es einbeinig aller Kängurumanier vom Boden ab in die Luft und flog anschließend durch das geöffnete Fenster.

Diese ganze Szene hatte laut meiner eingebauten Stoppuhr noch nicht einmal Sekunden gedauert. Wahrgenommen konnte sie kaum ein anderer. Selbst für meine geübten Augen war dies schon arg schnell gewesen… Bemerkenswert. Jetzt waren es schon zwei Unbekannte in einer Jobgleichung, die jetzt gelöst werden musste, sofern ich nicht bis ans Lebensende entstellt würde sein wollen. Meine Neugier war geweckt, nicht nur meine Neugier auch mein Forscherdrang, mein Adrenalin und den Argwohn, dass sich so die Regierung nicht verhalten würde. Wenn es eine Situation gab, in der man uns Undertaker oder Drags beseitigen könnte hätten sie es sofort getan, leise und effizient.

Wenn ihnen so viel an mir lag konnten sie auch ruhig ihren Arsch hier runter bewegen. „Hier wartete jemand auf sein Vorstellungsgespräch!“. Den stärker werdenden Schneefall verschwieg ich lieber. Sollten sie ja nicht denken, dass ich hier draußen verkümmern würde. Schnell trat ich erneut unter den Sims, die ersten Flocken begannen zu fallen und ich bemerkte nach einigen Minuten wie die Freerider leise anfingen zu zischen. Scheiße, sobald der Wind wieder einsetze wäre ich nicht mehr sicher.

Damit trat ich gegen den Müllcontainer. Der Container hielt stand, mein Knöchel weniger. Verflucht! Wenn die Idioten halt nicht raus kommen wollten, musste ich zu ihnen. Auch ohne Wohnungstür. Das Ding von eben hatte es ja auch geschafft, wenn auch sehr viel akrobatischer als ich es je schaffen würde. Ich stemmte mich mit einem Fuss gegen den Boden und warf mich auf den riesigen schwarzen Kasten – mit mäßigem Erfolg. Er bewegte sich zwar ein Stück Richtung Fenster, aber war noch weit davon entfernt. Um den Containern weiter bewegen zu können musste ich mich vom Sims entfernen. Wobei – ich musste so oder so hier weg und die Wahrscheinlichkeit drinnen sicher zu sein war größer als die Wahrscheinlichkeit heil zurück zur Metrostation zu schaffen. So warf ich mich ein zweites Mal gegen den Containern, dann ein drittes und viertes. Ich spürte bereits ein gewisses Pitzeln in den Fasern des Pullovers und ein Ziehen auf meiner Haut. Der Stoff war durch, die Kacke am dampfen und ich endlich mit einem halb zerstörtem Knöchel endlich am scheiß Fenster.

Durchnässt, schlecht gelaunt, hungrig, durchgefroren und zittrig waren keine Ausdrücke meines Zustandes, als ich begleitet von purem Ächzen und Stöhnen durchs Fenster fiel, geradewegs in die nächste Gefahr. Doch statt Kolonnen von Wachen oder auch nur einem Gegner lag ich in einer Art großem Lager in dem sich ein riesiges Sammelsurium an Schrauben, Muttern, Metallstreifen, Spulen, Kabeln, Platinen und Leuchten befanden. Jeweils alles ganz ordentlich beschriftet und mit einem Schild versehen. Von jeder Schraube gab es ungefähr Hundert verschiedene Variationen und von den Muttern, kam es mir so vor, mindestens doppelt so viele. Ich legte den Kopf in den Nacken und schaute zur Decke. An ihr hingen weitere Regale. Doch was dort gelagert wurde konnte ich nicht erkennen. Sie waren zu weit entfernt….

14. Türchen:

7. “Ich würde ihnen gerne die Vorschriften zitieren, aber ich weiß, Sie werden das alles ignorieren.“ -Star Trek XI/ Teil 3

Wäre die Wahrscheinlichkeit nicht so hoch gewesen nach dem ersten Jahr einsam, allein und völlig zerfressen von ein dutzend Geschlechtskrankheiten im Dreck zu sterben, ich hätte diesen Berufszweig durchaus für mich nutzen können. Fetische für Hyperschnelligkeit waren durchaus eine Marktlücke, aber die Aussicht von einem viel zu neureichen ausgebrannten Jungunternehmer als Gesprächspartnerin missbraucht zu werden hatte mich endgültig und sprichwörtlich sexuell ernüchtert. Gehorchte man denen nämlich nicht, dann starb man sehr viel schneller genauso einsam und allein nur statt mit Pilzen – einer Nadel oder Kugel im Körper. Ein solches Schicksal teilten viele junge Frauen. Wir nannten sie im Fachjargon Defectors, eine Art störender Parasit in unserer namenlosen Vereinigung. Bei dem bloßen Gedanken an diese verzogenen schlechteren Hälften unsererseits begann ich missmutig meine Kapuze über meinen grauen Pullover zu zerren. Sie war trotz beachtlicher Größe zu klein für meine Maske. Was hätte ich jetzt für einen warmen Maisfilzoverall gegeben, die besaßen nicht nur ein bereits eingearbeitetes Sichtfeld nein, auch hielten sie den gefürchteten gelben Schnee ab. Nur hätte ich mit diesem Luxusgut keine Nase lang überlebt.

Wer wusste schon wer wann das letze Mal hier etwas zu essen bekommen hatte oder zu trinken? So ein schöner sauber leuchtender Anzug war quasi das Signal für die Einwohner dich auseinander zu pflücken, wie eines der Gänseblümchen aus den Gärten der Bewohner des ersten Sektors. Wobei ich bezweifelte dass diejenigen hier noch nicht einmal wussten wie genau ein Gänseblümchen aussah. Bildungskanäle wurden überbewertet schließlich stahlen sie einem die Zeit, die man auch im Müll verbringen konnte. Wenn mein Mund und meine Nase nicht von der Gasmaske überdeckt worden wären, wäre ich vermutlich bereits erstickt. Erstickt an zu viel Geruch. Ob der Verkäufer auch Kiemen besaß, die für ihn die Luft filterten? Wahrscheinlich wäre es, nicht alle Drags waren so auffällige Echsenmenschen, wie der Weltrat den Ärmeren suggerieren wollte. Während meiner Auszeit durfte ich erfahren, dass ich sowie wohl 99% meiner Art eben humanoid aussahen. Nur hier und da manchmal vier Ohren, ein versteckter dritter Arm oder zu große Eckzähne gaben ein Hinweis auf die sonst noch verborgenen Fähigkeiten der Träger. Einige waren mehr verstörend, andere bei Spezialisierung sogar sehr praktisch. Eine Mutation am Prothrombingen brachte dem einen Typen eine immens schnelle Blutgerinnung. Selbstheilung garantiert, hatte er damals lachend gemeint – bis ihn jemand eines Tages erwürgt hatte. Schnell gerinnendes Blut half anscheinend nicht gegen Sauerstoffmangel. Das war der erste Tag an dem ich froh gewesen war mal kein Bestattungsdienst gehabt zu haben. Normalerweise liebte ich es mit den jeweiligen Leichen zu reden, sie anzumalen mit ihnen zu tanzen aber ihn hatte ich fast schon gern gehabt. Als Konsequenz des spontan Verabschiedung war für ganze fünf Tage der Westflügel gesperrt worden… damals hieß es dann den zwanzigminütigen längeren Umweg laufen… Durch den Nordflügel und der war bei weitem nicht so zivilisiert wie unser Heim. Glich unser Bereich mehr einer alten normgerechten Haftanstalt -herrschten im Nordflügel ganz andere Regeln, nämlich gar keine. Selbst die Wachen schleuderten die Körper der jeweilig Verurteilen lediglich hinter die Sicherheitstüren und machten sich wieder aus dem Staub.

Ganz anders als damals hätte ich nun noch 20 Meter laufen müssen. Sichtweite. Nur war das hier wie in der öffentlichen Stellenanzeige kein blaues Haus sondern ein kleiner Hinterhof und selbst dieses Fleckchen abseits der großen Straßen war kein Hinterhof wie die der urbanen Höfe in denen die Reichen und Schönen wohnten oder einkauften. Es war auch keiner dieser süßen, kleinen Hinterhöfe, die man in der Nähe von irgendwelchen Nischencafés fand, in denen man Weinreben, Klettertrompeten, Spalierobst oder hochgezüchteten genmanipulierten Strelizien und Lianen seinen vier Euro teuren extra von Wega importierten Jiaogulancuracao Tee süffeln durfte. Nein, dieser Hinterhof hatte definitiv schon bessere Tage gesehen, die große schwarze Gittertür lehnte nur halb geschlossen an der anderen, und neben einem riesigen grünen Müllcontainer standen mehrere halbaufgelöste Deltas herum. Reine Geldverschwendung solche Schätze verkommen zu lassen. Ein Unterstand hätte ja schon gereicht um diese Freerider vor dem Schnee zu schützen zumal dieser eigentlich nur in einer dreimonatigen Zeitspanne fiel.

Was ebenso merkwürdig erschien, war die fehlende Tür… Aber das konnte nicht sein, ich war mir ganz sicher gewesen dass ich sie richtig notiert hatte. Schließlich hatte ich dreimal nachgefragt. Beziehungsweise dreimal unterschiedliche Sicherheitscodes verwendet. Denn diesen Straßennamen hatte ich noch nie zu vor gehört und dass war sehr ungewöhnlich. Ich drehte mich noch einmal unentschlossen um mich selbst. Aber ich sah immer noch keine Tür. Verdammt, war die Stellenanzeige vielleicht doch nur eine Art Lockvogel gewesen, ein Lockvogel der Regierung? Mir war das gleich so merkwürdig vorgekommen. Warum sollte jemand es sich so einfach machen, lediglich zwei Ebenen für einen gut dotierten Job zu erstellen? Jetzt hatte ich meinen Vormittag umsonst verschwendet. Womöglich sogar meine gesamte Zukunft, denn schließlich wollen Bewerbungshelfer selbst, wenn sie lediglich elektronischer Natur sind, regelmäßig erfolgreiche Fakten zu futtern bekommen. Sonst würden nicht nur ihre Schaltkreise durchknallen sondern ebenso meine 191 Identitäten, was dieses mal fatal wäre, denn ich hatte keine Möglichkeit für eine 192zigste. Sämtliche Kontakte hatte ich über die Jahre verloren oder noch schlimmer sie waren  aufgeflogen. Das durfte doch nicht wahr sein! Ich hatte meine gesamte Monatsration an Zigaretten eintauschen müssen gegen diesen neuen Sweater und gegen gereinigtes Wasser. Wenn ich den Kerl jemals zu fassen bekäme… Selbst wenn es irgendein halbgararer Spion wäre oder ein zäher schon seit Jahrhunderten geräucherter, ich würde ihre eigene Hau abziehen. In mir duplizierte sich die schlechte Laune. Was sollte dass denn? Gerade wollte ich wutentbrannt den Rückweg antreten, da öffnete sich ein Fenster und ein Mann mittleren Alters streckte sich zu mir hinaus. Schließlich hörte ich wie aus weiter Ferne mehrere gurgelnde Laute. „Li..lit-h Zel-ler?“

Ich schwieg und wog meine Möglichkeiten ab, entweder ich spielte falsch oder richtig mit oder ganz anders. Ich nahm die dritte Möglichkeit. Wortwörtlich im Hyperraum zu verschwinden. Dank meines Sichtfeldes sah ich wie der Mann die Augenbrauen hoch zog. Ich dagegen zog die Augenbrauen zusammen. Lilith… fang nicht an zu krampfen, du musst ganz gelassen bleiben. Sobald du auch nur ein wenig Angstschweiß produzierst fliegst du auf. Bleib Cool. Von Angesicht zu Angesicht ist nichts anderes als von Screen zu Screen.

Ein tiefer Atemzug folgte, dann ein zweiter und schließlich starrte ich durch meine gelblich schimmernde Scheibe zurück und schnarrte mit Stimmenverzerrer: „Woher wissen sie meinen Namen. Ich wüsste nicht dass ich sie kenne.“ Der Mann zuckte mit den Achseln „Sie haben meine Anzeige gehackt, als einzige. Übrigens sie sind pünktlich, dass hat von meinen Anwärtern bis jetzt niemand geschafft. Viele musste ich sogar persönlich an ihre Zukunft erinnern, natürlich auf kryptischem Wege“ Meine Alarmglocken begannen zu schreien. Dieser Herr kannte nicht nur meinen Namen sondern, wie ich vermutet, hatte er nur für mich diese Anzeige doppelschichtig gestaltet. Das hieß, er hatte gewusst dass ich den Datenträger lesen würde… er musste meine Routine kennen, er hatte mich ausspionieren lassen ohne dass ich es bemerkt hatte. In diesem Moment wusste ich nicht ob ich erleichtert sein sollte, zur Regierung konnte dieser Mann nicht gehören. Selbst die geschicktesten Undertaker der Regierung fielen auf wie Nacktkatzen in einem Wolfsrudel. Konnte es sein, dass ich vielleicht nun doch meine „rechtmäßige“ Stelle antrat nur aus dem Grund, dass er nicht von der Regierung kam…

13. Türchen:

7. “Ich würde ihnen gerne die Vorschriften zitieren, aber ich weiß, Sie werden das alles ignorieren.“ -Star Trek XI/ Teil 2

Wahrnehmen ist in dieser Welt übrigens das Stichwort, zumindest seit der Jahrtausendwende. Seit dem Unfall des Gen-Konzerns Phyton gab es so einiges was man zwar nicht sehen oder hören konnte, dafür aber wahrnehmen, durch die unterschiedlichsten siebten Sinnen oder Auswüchse. Giftgasexplosionen mit anschließender Flucht von künstlich hochgezüchteten humanoiden Wesen war nicht zu unterschätzen. Zumal sich humanoide Wesen gerne mit Homo sapiens paarten. Heraus kamen Hybriden, die sich von ihren Sapiens Verwandten äußerlich kaum unterschieden, außer durch ihre hin und wieder auftretenden minimalen Besonderheiten. Von voll und ganz ausgenutzter Hirnkapazität bis hin zu Menschen mit fledermausähnlichen Ultraschallfähigkeiten war vermutlich alles dabei. So genau konnte das allerdings niemand beweisen, weder Konzerne noch die Regierung… Eine genaue Beweisführung existiert bis heute nicht, weshalb die Betroffenen entweder verjagt wurden, in jungen oder weniger jungen Jahren in der Verbrennungsanlage zur Stromerzeugung endeten oder zur Gattung gehörten, die begann gegen das bestehende  System Widerstand zu leisten. Zu dieser Gattung gehöre ich übrigens auch. Kleiner Prozentsatz mit großem Potential.

Denn nachdem der Skandal der gesamten Nation bewusst wurde rüsteten sie nach und zwar mit denelben humanoiden Wesen wie unsere Elternteile es gewesen waren, nur mit dem Unterschied, dass diese komplett auf die Bedürfnisse sowie Wünsche der Zivilbevölkerung geeicht waren. Bloße Sklaven ohne jeglichen Charakter. Zugeben einen Vorteil hatte ihre Daseinsform, sie bekamen all dies was ich niemals bekommen hatte. Aufmerksamkeit, Bildung, Geborgenheit, ein Dach über dem Kopf, eben all diese süßen Versuchungen. Gut, das Dach hatte zwar existiert nur war es eher weniger dicht gewesen und sobald der Frühjahrsregen einsetze musste ich nachts zusehen, dass ich nicht im Schlaf ertrank.

Sie sollten sogar so etwas wie Privatsphäre besitzen, ich dagegen ließ mich zwar gerne hin und wieder beschatten aber dieses „gläsern“ sein sobald man irgendwie in die Gesellschaft eintrat war mir schon immer gehörig gegen die Schuppen gegangen. Zumindest gab es etwas Abhilfe, besonders mit speziellen Algorithmen wurde ich sehr schnell, sehr unsichtbar. Was das ganze perfekt abrundet ist, sich kein „Handheld“ anzueignen… Diese kleinen TouchPads waren nicht nur dein bester Freund wie von der Werbung suggeriert sondern ebenfalls Freund der Regierung. Dieses Ding zeichnete alles auf was man ihm bewusst oder unbewusst zu fressen gab: Kaufverhalten, sämtliche physische sowie psychische Daten über dich und beim Benutzen der Kamera deine Einrichtung. Innerhalb seines Lebens bekam man eigens eine extra Akte nur für sich angelegt. Von dem Moment des Erstkontakt des „Handheld“ bis zum letzen Atemzug, denn schließlich konnte dieses kleine Wunderwerk der Technik im Alter als Schrittmacher dienen. Ob diese Menschen dann freiwillig ins Gras gebissen haben kann ich bis heute leider nicht nachweisen. Die Spuren werden nach Ableben sofort unwiderruflich verschlüsselt, gesichert und verstreut. Selbst ich mit meinen recht flinken Fingern kam diesem Mechanismus nicht mehr hinterher.

Im Moment kam ich kaum auch nur irgendetwas hinterher. Erst recht nicht meiner herrlichen, glorreich miefenden Zukunft. Doch hatte ich schon immer Paradoxien geliebt, weshalb ich überhaupt auf diesen sicheren Weg gestoßen war. Schließlich braucht ein Undertaker wie ich neben überleben eben eine Freizeitbeschäftigung, die ähnlich die der normalen Bewohner dieses Landes vergleichbar wäre. Zweckmäßig durchforstete ich deshalb regelmäßig die Arbeitsanzeigen in unseren lokalen Datenträgern. Denen, die ich jetzt folgte war besonders kryptisch gewesen.

Auf den ersten Blick hatte es wie eine Anzeige für die Beschäftigung einer Mechatronikerin eines Robotorsekretärs ausgesehen, doch für ein Wesen mit solch geübten Augen wie mich hatte dieses Inserat einige Schwächen wie beispielsweise diese Doppelschicht… Dieses Angebot hatte zwei übereinander liegende Ebenen. Mir war es nur durch eine winzige Unregelmäßigkeit im Quellcode aufgefallen. Einmal die original Datenmenge ausgegraben, sah es mit der Arbeitsstelle schon ganz anders aus: Kost und Logie frei, Sperrstundenausweis dazu 500 Bitcoins Taschengeld pro Monat. Als Gegenleistung sollte man lediglich einige Datentransfere betreuen. Selbstverständlich rund um die Uhr. Fast schon zu rosig sah die gesamte Sache aus. Nur war ich im Moment nicht wirklich in der Situation irgendwelche Ansprüche zu erheben. Darüber hinaus, falls es eine Falle der Regierung sein würde, könnte ich mich immer noch wimpernklimpernd als kleines Mädchen mitten in der Reifezeit ausgeben. Datentransfere waren in unserer heutigen Zeit doch völlig der Norm entsprechend… und dieses rund um die Uhr ebenso, Server konnten schließlich jeder Zeit zusammenbrechen unter solcher Last. Die Doppelschicht könnte ich ja durch wildes Herumklicken umgangen haben oder durch eine über die Tastatur laufende Ratte.

Den verschieden farbigen Linien folgend bestritt ich jetzt schon die zehnte Route in meinem neuen  nun folgendem Lotterleben. Die letzen neun waren eine Gleichung gen null gewesen. Zu eigensinnig, zu primitiv, zu eigenbrötlerisch war ich betitelt worden… Dies hieß in meiner Sprache: zu vorbestraft.

Schon in einem von 198 Slums als Drag eingestuft zu werden sahen nicht viele gern. Wobei ihre Datenbank mein restliches Leben gar nicht kannte. Niemand außer mir selbst wusste wer ich wirklich war und selbst ich hatte schon einige Probleme mit der Identitätenzuordnung gehabt, was zeitweilig zu einigen Komplikationen geführt hatte. Meine unfreiwillige Auszeit war nur eine der damaligen Konsequenz gewesen. 190 Identitäten zu verwalten war eben kein Zuckerschlecken. Erst dann nicht, wenn zwischen diesen über tausende von Ecken, Sicherheitsmaßnahmen und Mittelsmänner lagen. Ich war sozusagen eine Art moderne Puppenspielerin. Es wurde Zeit, dass nach all den Jahren eine neue Lebensweise ans Tageslicht gelangte. Adé Agneta Kinnon – willkommen Lilith Zeller. Mein bescheidenes Ich-selbst, zumindest mein 5- jähriges Ich-Selbst in der Zeit in dem Computer oder Spyware noch Fremdwörter für mich darstellten. Vielleicht bewirkte die Unkreativität meinerseits etwas in den Gehirnzellen meines Gesprächspartners… Wieso nicht einmal mit etwas offeneren Karten spielen? Ich konnte es mir zwar nicht leisten zu verlieren, doch half die 191ste Identität nicht gerade dabei. Jedes Mal einen neuen Pass zu beantragen hieß erneut lügen, bestechen sowie alte Beziehungen aufwärmen und für all dies außer fürs Lügen fehlte mir schlichtweg das Geld und die Nerven. Man könnte meinen das staatliche Kapital für Resozialisierte könnte saftig ausfallen, aber 800 Bit-Coins zeigen eher das Gegenteil. Zudem war ich es leid jedesmal ein anderes zuckersüßes Püppchen zu spielen, welches stumm ertrug wie blöde Säcke sich an ihrem Arsch nicht satt sehen konnten. Prostitution war in den meisten Slums seit Jahren verboten worden, aber wie es die biochemische Zusammensetzung des Menschen so wollte waren die Verbote eher ein netter Ratschlag. Zwar versuchte der Rat mit regelmäßigen Datenkriegen dem ein Ende zu setzen, nur waren die Attacken machtlos. Zumindest jenseits des zweiten Sektors und unter uns, für so manches Entgeld ließ man sich auch gerne ins Zentrum der Reichen und Schönen schmuggeln…

12. Türchen:

7. “Ich würde ihnen gerne die Vorschriften zitieren, aber ich weiß, Sie werden das alles ignorieren.“ -Star Trek XI/ Teil 1

Angespannt trat ich in die grelle Außenwelt hinaus. Hinaus aus dem Schutz des Untergrundes und hinein in die urbane Hässlichkeit des dritten Ringes. Freiheit hin oder her, warum musste meine letzte Chance ausgerechnet sinnbildlich an der Endstation des sozialen Gefüges liegen? Eindeutiger konnte das verfluchte Leben einem auch nicht in den Hintern treten. Aber ich würde meinen Stolz nicht verlieren, selbst hier nicht; in einem Meer aus Müll, alten Leuchtreklamen deren blitzende Kabel in die Gegend stachen und unglaublich viel zersplittertem Glas. Woher das stammte blieb mir ein Rätsel, selbst durch die extra geschliffenen Gläser meiner Maske war es mir nicht möglich irgendwelche Fenster oder Gebäude in Reichweite auszumachen… Das Einzige was vor mir lag war ein sich schier endlos erstreckender Sektorenplatz, der nach römischen Vorbild erbaut worden war. Nun ein römisches Meer aus Müll. Wie lautete noch gleich das Sprichwort mare nostrum? Was wohl „unser Müll“ auf Latein hieß… Die reale Deponie lag zumindest nach offiziellem Plan auf der gegenüberliegenden Seite des Ringes. „Offiziell“ war heutzutage allerdings zu einem sehr dehnbaren Begriff geworden, ebenso wie „legal“ oder „Freundschaft“. Gewundert hätte es mich jedenfalls nicht, wenn unsere Regierung sich spontan dazu entschieden hätte, der Deponie einen kleinen Außenposten zukommen zu lassen, als Präsent für was-auch-immer. Der Vorteil in dieser Region war zumindest, dass es niemanden ernsthaft störte. Viel mehr begrüßten es wohl manche Einwohner, denn neben möglichen erst halb vergammelten Rationen existierten ebenso vielleicht noch nicht vollkommen zerstörte Ausrüstungsgegenstände. Eine Reparatur war meist langwieriger als ein Neukauf, doch sparte es erhebliche finanzielle Belastungen und wie bereits erwähnt legal war mittlerweile relativ. Um ehrlich zu sein schuldete selbst ich solchen Bergen den einen oder anderen Dank, besonders in der nahen Vergangenheit, nach meiner Entlassung um genauer zu werden, waren sie meine Hauptanlaufspunkte gewesen. Durch sie war es mir überhaupt erst möglich mich wieder halbwegs auszurüsten. Man würde meinen, dass staatliche Haftanstalten sich vor Bürokratie kaum retten konnten nur war das wohl in einem anderen Jahrhundert gewesen, denn all meine Sachen waren innerhalb meiner Bedenkzeit entweder eiskalt verschlampt oder geklaut worden. Schadensersatz war übrigens ein Wort, dass quasi auf der roten-Liste der heimischen Linguistik stand. Zwar bekamst du als recht gutbetuchter Bewohner des oberen zweiten Ringes Versicherungen für solche Fälle vorgezeigt, nur deckten die nur ein Bruchteil des Gesamten ab. Wirklichen Schadenersatz bekamst du nur indem du deinem Schädiger ein Auge ausstachst oder ihm etwas anderes klautest. Mittlerweile gab es sogar gewisse feige Menschen, die andere Menschen damit beauftragten für sie selbst diese Drecksarbeit zu erledigen. Solche Menschen waren für mich ein einziges Rätsel. Beauftragten andere Menschen mit Ihren Problemen und gingen darüber hinaus sogar noch das Risiko ein dabei erwischt zu werden. Schlaue Menschen oder Auftragnehmer machten regelmäßige Backups der Kunden, denn solche Informationen lassen sich hervorragend als Kreditkarte für den zweiten Bankautomaten nutzen. Kritisch wird es dann allerdings wenn man zu viel wusste… Zumal ich mir nichts vormachen sollte, im zweiten Ring war ich selten gewesen, Höchstens um meine damaligen schon stinkreichen Mitschüler zu ähm.. nennen wir es von ihrem überflüssigen Kram zu befreien. Unter uns, sie stanken wirklich und zwar anders als wir, statt Müll und Brackwasser nach künstlich-chemischen Himbeeren oder noch schlimmer nach Zuckerwatte. Das Zeug bekamst du selbst mit dem guten Kaffeesatz nicht mehr aus deiner Nase.

Missmutig werdend von den eigens ins Bewusstsein zurückgerufenen Erinnerungen durchwühlte meine Hand abwesend die abgegriffene Patchwork-Leder-Imitation. Ich glaubte zumindest, dass es Leder imitieren sollte, möglicherweise war es sogar „echtes“ Leder. Das würde die fehlenden madenähnlichen Würmer erklären, die sonst an allem halb verbrauchten hingen und schmatzen, alles zersetzten was sich nicht mit Feuer und Haaren retten konnte. Diese konnte man, hatten sie sich erst einmal in etwas verbissen, nicht wie normale Maden abzupfen, auch vielen sie nicht wie Egel herunter. Nein, um sie loszuwerden musste man sie ausbrennen, am besten funktionierten Zigaretten, schön gefüllt mit beißendem japanischen Tabak. Radioaktivität bewirkte Wunder. Nur war ihre Abstinenz damals ein Zeichen für mich gewesen. Wie auch immer, damals unbezahlbar -heute kaum noch einen Cent wert. Wenn man eben zuviel wusste würde man in Zukunft dazu gezwungen werden eben auf solche Müllversammlungen zurück zu greifen. Schließlich konnten selbst zwei Kreditkarten überzogen werden oder gesperrt – für immer und ewig. Glücklicherweise fanden gewisse Dinge sich von ganz allein ohne dass ich etwas großartiges tun musste, außer ein wenig nachhelfen. Eben dieses Nachhelfen hatte mich wohl in die verflixte Kreditkartensituation gebracht. Heute nun, einige Jahre später rettete es mir mein Leben. Ich hatte nicht nur die noch halb funktionierende Gasmaske aus einem vollständig abgefackelten Herd herausgezogen sondern auch noch genießbare Essensrationen sowie meinen von dort an treusten Weggefährten –  meinen völlig analogen Stadtplan.

Zugegeben am Anfang war es recht knifflig mit diesem unhandlichen Fetzen Papier zu gehen und dabei nicht aufzufallen, aber nach einigen Stunden wurde das Einordnen diverser Punkt für mich wesentlich leichter als vorher. Grün stand für einwandfreie Schlafplätze, gelb für mögliche Schlafplätze die allerdings nur mit großer Vorsicht zu genießen waren. Lilafarbene Markierungen standen für verschiedene Versorgungstellen wie Müllberge oder Container und blau war mein heutiger Weg. So neu und rein, das es fast schon wieder stank… natürlich nach Brackwasser und nicht nach Zuckerwatte. Das einzig Positive bis jetzt.

Hier draußen scherte es offensichtlich niemanden. In Anbetracht dessen, dass niemand hier war erschien mir dies als eine relativ einfache Tatsache. Hatte ich gesagt niemand? Nachdem ich die dritte Ecke passiert hatte bemerkte ich eine Art zusammengesetzter Unterschlupf aus unterschiedlichsten Materialen was zur Folge hatte, dass dieses Gebilde mehr nach einem Fliegenpilz als nach einem Heim aussah. Beim Passieren im gebührenden Abstand stellte ich allerdings fest, dass offenbar niemand dieses Bretter-Metall Kunstwerk zu bewohnen schien, laut nun lesbarem Aushang war dies offensichtlich ein Laden, der die wundervollsten Dinge anpries. Durch die bunt anmutenden Flecken neugierig geworden, signalisierte ich per Pupillenbewegung, dass sich mein Sichtfeld doch bitte so vergrößern sollte, dass die Beschriftungen zu erkennen waren: Mohrenköple, Stangeneier, Adukibohnen sowie Fensterblätter wobei ich mir sicher war, dass keine dieser Lebensmittel tatsächlich unter seiner Theke lauerten. Vielmehr waren es entweder Riegel mit den jeweiligen Zusatzstoffen oder passend bemalte Heimware. Original organische Lebensmittel zu finden, insbesondere hier draußen, war schlichtweg unmöglich und damit meine ich wirklich unmöglich. Selbst für den gerissensten aller Jäger war es hier draußen aussichtslos. Was hier regierte waren Rationen und selbst dann nur in toten Briefkästen oder im Inneren von unappetitlichem. Neben dem Eingangstor entdeckte ich nun auch noch eine abgelegte Maske, aber mit eingerissenem Riemen, also nutzlos… Für den Besitzer wohl ebenso. Entweder er hatte bereits eine neue oder ihm waren Kiemen gewachsen mit denen er die Luft filtern konnte. Ich hoffte auf letzteres, denn ohne Maske konnte er mich nicht war genommen haben und Unauffälligkeit war hier trotz offensichtlicher Menschenleere ratsam… Menschen waren nicht die vertretene Hauptrasse…

11. Türchen:

55. “Die Heimat liegt nun hinter euch- vor euch die Welt.“ -Der Hobbit/ Teil 7

Ich trat einen Schritt zurück dann noch einen. „Dann… Danke“ hörte ich meine Schwester sagen. Jack nickte ihr zu, irgendwie sah er jetzt verdammt alt aus. Fast hätte ich Mitleid bekommen, aber nur fast. „Das mit deinem Auge tut mir übrigens Leid“, setzte sie nach. Gespannt beobachtete ich ihn, auf seine angespannten Kiefer nach zu urteilen wollte er wohl etwas sagen beließ es aber beim Schweigen. Nur die Mundwinkel verzogen sich…

Dann wandte er sich zu mir und starrte mich an. „Pass auf… sie auf…“, war das Einzige was er herausbrachte. Als Antwort nickte ich knapp, irgendetwas sagte mir dass das noch lange nicht alles gewesen war nur war nachfragen quasi vergeblich, dass hatte ich inzwischen gelernt. Auf einen weiteren Streit war ich nach dem Sprung ebenfalls nicht aus. Diese Erfahrung saß mir noch zu tief in den Knochen. „Lass uns gehen“, meinte ich mich beim wegdrehen und lief in Richtung wohin der schwarze Pfeil zeigte. Zu erst zögerte meine Schwester, doch dann hörte ich ihre eiligen Schritte hinter mir. „Du bist echt verdammt ungehobelt“, bemerkte sie spitz. „Sagte die, die regelmäßig die Wärter beschimpfte. „Dass ist etwas völlig anderes“, beschwerte sie sich lautstark und schaute mich gespielt beleidigt an. Wir lachten beide, dass erste Mal seit Wochen wenn nicht sogar Jahren. So genau wusste ich es nicht, letztendlich war es sogar einerlei. Unbeschwertheit war wohl das Gefühl was wir gerade erfuhren. Zugeben nicht der schlechteste Teil vom Brot.

Wir beide waren auf dem Weg in eine zwar ungewisse aber definitiv besser Zukunft. Plötzlich viel mir abermals die Aufschrift des Schildes ein: “Die Heimat liegt nun hinter euch- vor euch die Welt.“ so ganz passte es nicht zu uns. Vielmehr lag die Welt hinter uns, eine schreckliche Welt voller Hass und Ungerechtigkeit und vor uns, vor uns lag die hoffentlich goldene Heimat. Irgendwie verdammt kitschig. Freiheit war unbezahlbar. Vielleicht gab es deshalb solche Menschen wie Jack… Apropos meine Schwester stupste mich an und sah ernst zu mir hoch. „Es gibt hier in Deutschland nicht wirklich einen Milchmann oder?“. Ihr Stimme sagte mir, dass sie die Antwort bereits kannte. Es nützte also nichts ihr irgendetwas vorzuspielen. Langsam schüttelte ich den Kopf. „Nein, gibt es nicht. Tu mir Leid.“ Sie nickte ernst, dann lächelte sie gequält. „Man muss nicht immer alles verstehen…“, murmelte ich dazu und dann „Mach dir keine Sorgen es ist eine Hauptstraße es wird schon jemand kommen…“

Sie schien nicht wirklich erfreut, es war aber auch ein schwacher Trost für sie, das musste ich zugeben. Eine Weile schwiegen wir, dann wie aus dem Nichts rief sie: „Wer als erstes an der Post ist hat gewonnen!“ und sprintete sich zu mir umdrehend davon.

Ende

10. Türchen:

55. “Die Heimat liegt nun hinter euch- vor euch die Welt.“ -Der Hobbit/ Teil 6

Zögernd drehte ich mich in Richtung Jack, der kniete mittlerweile fast aufrecht sich auf einen Arm stützend. Der Rest allerdings sah ziemlich ungesund aus. Ganz langsam machte ich einen Schritt in seine Richtung, sollte ich ihm helfen? Wobei… Auf halbem Weg entschied ich mich anders und folgte statt dessen meiner schon fast verschwunden Schwester. Wenn er wollte würde er uns finden. Wie immer…

Sie einzuholen war ein hartes Stück Arbeit wie ich schnell feststellen musste. Ich hoffte sie kannte den Weg, denn so schnell wie sie voran lief würden wir einige Meter aufholen müssen, falls ihr ein Irrtum unterlaufen würde. Warum war sie allerdings sauer auf mich? Hatte ich ihr irgendetwas getan? Nein, sie war die Einzige gewesen, die offenbar sogar noch einigermaßen weich gelandet war. Der Sprung war doch glatter Selbstmord gewesen und hätte sich Jack nicht verletzt hätte er unsere Landung garantiert dazu genutzt um uns auszurauben. Wenn man vom Teufel sprach, wo steckte er überhaupt? Langsam drehte ich meinen Kopf, mit dem Ergebnis das der Schmerz nachließ. Bei Jack sah es wohl anders aus, er befand sich zwar gerade mal mehrere Meter hinter mir nur war mein Zustand wohl nicht vergleichbar mit seinem.  Wobei ich wohl das Ass gezogen hatte und er die Arschkarte. Stark humpelnd, den Arm in einer Schlinge, gebaut aus seinem Mantel sowie den Kopf zum Boden gerichtet, bahnte er sich seinen Weg. „Geh einfach weiter, brauchst keine Rücksicht nehmen“, zischte er im Vorbeigehen.

Entnervt schaute ich ihm eine Weile zu, ihn zu überholen würde mich vielleicht einige Sekunden kosten. Das war die Rache für alles, war er im Zug getan hatte. Normalerweise glaubte ich nicht an Karma, aber es gab wohl doch so etwas ähnliches. Auf Abstand erpicht schlich ich durch das niedrige Unterholz hinter ihm her. Sollte er mir doch eine Schneise bauen. Ich würde mich garantiert nicht abrackern, schon gar nicht für ihn. In weiteren Gedanken versunken setzte ich meinen Weg durch den Wald fort. Dummerweise bemerkte ich den stehen gebliebenen Jack zu spät, denn ich rannte geradewegs in ihn hinein. Das allein war schon schlimm genug nur war er anscheinend so geschwächt dass er nach vorne fiel und markerschütternd aufschrie. Jetzt erschrak ich, was hatte ich getan. Wehe ich müsste ihm helfen. Hilfesuchend schaute ich nach vorne gerade noch so sah ich den Rucksack meiner Schwester hinter einer Gruppe von Bäumen verschwinden…

mehr als „Hilfe“ bracht ich nicht heraus. Inzwischen bewegte sich Jack nicht mehr. Widerwillig stupste ich ihn mit meinem Fuß an. Beweg dich, komm schon… dachte ich nur. Nichts. „Sehe ich so aus als könnte ich irgendwie aufstehen…?“ kam die prompte Antwort. Ich schluckte. „Was hast du angestellt?“ Ich zuckte erschrocken zusammen, Schwesterlein war so leise zurück gekommen das ich sie nicht bemerkt hatte. „Dein Bruderherz will mich umbringen..“ scherzte er eher halbherzig. Nur merkte man dass selbst reden ihm schwer fiel. „Scheiße!“, stieß meine Schwester lediglich aus. „Helfen wolltest du ihm anscheinend nicht?!“, fauchte mich meine Schwester an. „Ich wusste nicht wie“…, gestand ich aufrichtig. Alleine hätte ich ihn nicht heben können. „Du auf die eine Seite ich auf die andere. Auf drei“, ordnete sie an. „Ähm warte- “ setzte ich an, doch da stemmte sie ihn bereits hoch und machte mir mit einer Kopfbewegung klipp und klar zu verstehen, dass ich jetzt nicht widersprechen wollte. Wortlos folgte ich ihrem Beispiel. Mit einem Ächtzen unsererseits und einem kurzen Knurren Jack´s hievten wir ihn wieder auf seine zwei Füße. Nun gestaltete sich das nächste Problem. So wie er zitterte konnte er nicht lange so weiter gehen. „Wie weit ist es eigentlich noch?“, fragte ich hoffnungsvoll… „Vi-le Kilo-meter“ , stieß Jack zwischen Atemstößen hervor. „Na dann los, je schneller wir dort sind desto schneller kann man dir helfen.“ Er zog die Nase kraus, ähnlich tat ich es. Freude sah anders aus. „Und je schneller seid ihr euch los. Also reißt euch zusammen.“, ergänzte sie. Zähneknirschend setzte ich mich in Bewegung. An ihrer Argumentation war etwas dran, dass konnte ich nicht widerlegen. Der Rest des Weges schwiegen wir, weder ich noch Jack murrten. Ich trug ihn mit der Zeit immer mehr allein da meine Schwester derweil uns den Weg bahnte und er selbst versuchte so wenig meine Hilfe zu beanspruchen wie es ihm möglich war. Ich merkte wie es ihn wurmte doch ging ich nicht drauf ein… Zu erschöpft war ich von den letzen Stunden gewesen. Mein Körper schmerzte immer noch und meine Laune war nicht mehr vorhanden. Ich kam mir vor wie ein Zombie. Für mich stand folgendes fest. Ich würde alles dafür tun nicht so zu enden. „Du hattest recht“, meinte ich nur. “Dein Leben ist beschießen, ich will ins Bett oder sterben. Jetzt “ Letzteres war eher sarkastisch gewesen, nur lachte keiner von uns beiden. Mein Schwester bemerkte es wohl nicht oder ignorierte es gekonnt. „Erfrieren…. ist nicht der schlech-teste Tod… Hättest mi-ch auch dort lie-gen lassen kön…nen“ nuschelte er zurück. „Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?“ ,verärgert stoppten meine Beine. Was tat ich hier eigentlich? Ich unterhielt mich mit dem größten Schwachkopf der Welt während ich ihn mittlerweile trug, fast wie einen Kartoffelsack über der Schulter. Schmerz verband wohl, denn nach den ersten Kilometern war mir alles gleichgültig. „Und?“, mittlerweile musste ich zugeben irgendwie interessierte mich die Antwort. Bloßes Schulterzucken. „Ungestraft… kom-mst du mir nicht… davon…“, murmelt er wieder. An seiner Reaktion bemerkte ich, dass es wohl höchste Eisenbahn war. Eiliger als vorher setzte ich meinen Gang fort. In welche Stadt hatte uns Jack wohl gebracht. Wahrscheinlich in eine ebenso kleine wie unsere Heimat. Erst jetzt bemerkte ich, dass sich so langsam die Bäume lichteten. So kam nicht nur mein Familienmitglied ins Blickfeld sondern ebenso ein sehr großes und unübersehbares Straßenschild. Ich kniff die Augen zusammen, der Schweiß der letzen Stunden hatten meine Wimpern komplett verklebt. Nur was ich definitiv erkannte war das fetteste Grinsen meiner Schwester, was ich je gesehen hatte. Die letzten Meter fing ich an zu rennen, Jack auf dem Rücken war mir egal, außerdem erfolgte keinen Widerstand von ihm, sodass ich die letzen Schritte quasi sprintete. Widerstand leistete er zumindest nicht. Jetzt wollte ich es erst recht wissen. Sobald ich die Schrift einigermaßen entziffern konnte verlangsamte ich meinen Tritt und erstarrte: Rahnsdorf- Berlin.

„Berlin?!“ völlig außer Atmen sowie fassungslos, blieb ich stehen und ließ Jack los.  Wir waren in Berlin?! Berlin? Das hieß: wir hatten Polen in gut einem Tag durchquert und wir waren in Deutschland. Ich konnte es kaum fassen. „Bist du verrückt geworden?“, konstatiert drehte ich mich um und schaute zu Boden. Jack lag noch genauso da wie wohl gefallen, aber er lachte. Der Typ lachte mich an. „Wir können noch nicht einmal Deutsch!“, stieß ich weiter aus.

Wie sollten wir hier leben? „Berlin“, flüsterte ich immer noch fassungslos. Mindestens fünf einmal hintereinander. Das war unglaublich. Nur dann gefror mir das Blut in den Adern. „Äh… was ist mit unseren Papieren?“  „Liegen bei der Post…“, kam die Information von hinten. „Hinterlegt auf eure Namen…“ „Unseren echten?“, fragte ich misstrauisch nach. Jacks Stimme gewann wieder an Festigkeit „Nein, auf Weihnachtsmann und Elfe“, er verdrehte die Augen.

„Und was ist mit dir?“, hakte meine Schwester nach. „Er meinte wir könnten ihn hier liegen lassen, eigentlich hätten wir dass schon im Wald tun sollen.“, meinte ich mehr sarkastisch. Doch Jack schien die Idee wohl gar nicht so schlecht zu finden. „Ich sollte euch in die Stadt bringen, dass habe ich hiermit getan. Ab jetzt seid ihr auf euch allein gestellt.“, warf Jack ein.

„Dein Ernst?! Das können wir nicht machen…“, hielt meine Schwester dagegen. „Du kannst kaum laufen!“ Bei den Worten lachte Jack. „Der Milchmann dreht abends hier seine Runden, in zwei Stunden sammelt er mich auf…. Es wäre auch für euch nicht förderlich mit mir gesehen zu werden.“ „Dann setzt dich zumindest an den Rand“, forderte meine Schwester mit hochgezogener Braue – wirklich glauben wollte sie ihm nicht… Schnaubend drehte sich Jack auf den Rücken. Anschließend schob er sich mit dem einen Bein nach hinten gen Straßenschild und lehnte sich dagegen. „Genehm? Jetzt verwindet.“, leicht entnervt schaute er uns zwei an. Ich völlig durchgefroren sowie verschwitzt und verdreckt mit Erde oder Essensresten. Meine Schwester voller Laub und klitschnassen Hosenbeinen durch den durchgeweichten Boden.

9. Türchen:

55. “Die Heimat liegt nun hinter euch- vor euch die Welt.“ -Der Hobbit/ Teil 5

So nah hatte ich ihn ungern, denn anscheinend hatte Herr Grisgram die Dunkelheit satt und saß uns nun gegenüber in voll aufgedrehtem Lichtkegel. „Eine gute Erziehung hätte dir vielleicht auch ganz gut getan“, setze ich hinzu und merkte sofort, dass ich mich mal wieder im Ton vergriffen hatte. Dieses Mal allerdings nicht an Jacks Reaktion sondern an dem Gefühl des starren Blicks meiner Schwester. Nur noch der Blick des Oberwachtmeisters war schlimmer. Wobei mir dort eher vor den Folgen gegraut hatte. Nicht vor ihm selbst. Er selbst war bloß ein griesgrämiges, kleinwüchsiges, viel zu dickes Wichtlein gewesen. Eine weitere Marionette des hierarchischen Systems der Regierung.

Ich sah wieder hoch und diesmal ihm fest in die Augen und starrte, er starrte zurück. Seine Augen waren fast schwarz, aber dass lag vermutlich eher an seiner Kapuze als an seinen.… Zigaretten.

Plötzlich wandte er sich ab, stand ruckartig auf riss uns das Blech aus der Hand und packte die leeren Dosen zurück in die Kiste. Weshalb er die leeren Konserven wieder dorthin zurück packte verstand ich nicht. Sie würden den Unterschied sowie so beim Ausladen bemerken. Anschließend machte er sich am Schloss zu schaffen, ähnlich wie meine Schwester bis vor einigen Stunden. Dann mit einem Ruck schob er die Tür zur Seite und in der Sekunde pfiff uns der Fahrtwind um die Ohren und ein ohrenbetäubendes Kreischen der drehenden Räder über den Schienen erklang. „Alé hopp raus mit euch!“, rief Jack und machte den Spalt noch größer. Mein einziges Familienmitglied regte sich als erstes und kroch auf allen vieren auf die Tür zu. „Wenn der Zug anfängt zu bremsen“, erwiderte sie und streckte misstrauisch den Kopf nach vorn sodass sie kurz vor Wagonkante nach draußen spähen konnte. Ich krabbelte ebenso lächerlich auf ihre Höhe. Sich hinzustellen ohne Hilfe wäre aber unmöglich. „Willst du uns Tod sehen?“, für ihn wäre es das reinste Fest. Essen, Trinken, Kleider alles im Rucksack mit dabei. Nebenbei die Leichen zweier entlaufender Kinder interessierte die Gesellschaft reichlich wenig.

„Da vorne kommt ein kurzer Acker, dort abspringen“, rief Jack über den Fahrtwind weg. Ich schob den Kiefer vor, nein nicht mit mir ich würde nicht springen. Garantiert nicht, ich war doch nicht völlig dumm. Meine Schwester sah das wohl anders, denn sie grinste wie ein Honigkuchenpferd. Furchtlos war ihr zweiter Vorname. Sprichwörtlich.

Auf einmal fiel mir die nächtliche Begegnung mit dem Schild ein, wenn ich schon gemeuchelt werden sollte wollte ich zumindest Gewissheit haben mich nicht getäuscht zu haben. Doch nun im Tageslicht sah ich nichts, gar nichts. Nichts außer Kisten und leere Holzwände. Gruselig, ich erschauderte. Offenbar war ich wohl gestern etwas neben mir gewesen. Stichwort: Zigarette.

Gerade als ich meine Bedenken gegenüber meiner Schwester diesbezüglich meiner Falltheorie unterbreiten konnte rauschte das Ende des Geröllhanges an uns vorbei und die dahinsausenden braunen Schlieren des Ackers erschienen unter uns. Dann bevor ich meiner Schwester am Arm festhalten konnte sprang sie auf ihre Füße und dann nach vorn. Sobald sie den Wagon verlassen hatte verschwand sie aus meinem Blickfeld und ward nie mehr gesehen. „Junge spring!“, schrie Jack. „Vergiss es“, schrie ich zurück. Lieber ließ ich mich verhaften oder rannte abermals drei wenn nötig sieben Kilometer vor der Bahnhofswache weg als bei gefühlten 100km/h aus dem Zug zu springen. Eiskalt, wich ich mehrere Schritt zurück, immer noch auf allen vieren. „Du Vollpfosten, jetzt spring!“, fluchte Jack noch lauter. „Spring du doch zuerst“ brüllte ich zurück. „Spring doch einfach du Dummkopf!“ keifte er jetzr. Ich schaute nach vorn aus dem Wagon heraus. Dort vorne endete der Acker und die Steine setzten sich weiter fort, wenn ich es bis dorthin durchhielt ihm stand zu halten könnte ich mich retten. Schade um meine Schwester…. Wütend über ihre Naivität seiner Abgebrühtheit wich ich noch einen weiteren Schritt ins Innere zurück und schüttelte energischst den Kopf. Ich sah gerade noch wie er aufstöhnte, dann ging alles ganz schnell er schnellte zu mir packte mich an der Schulter und riss mich von den Füßen um mich dann verdammt grob nach vorn zu stoßen. Völlig überrascht sah ich den Wagon an mir vorüber ziehen und dann wie in Zeitlupe den immer näher kommenden Boden. Was hatte Jack getan?! Mir wurde bewusst egal wie sehr ich mich versuchte abzufangen, die Zeitspanne bis zum Aufprall wäre zu kurz und damit kam der Schmerz und die Schwärze.

Nur blieb der Schmerz nicht am Hinterkopf sondern konzentrierte sich hauptsächlich auf meine linke Gesichtshälfte insbesondere Wange. „Du Schwachkopf“, drang es zu mir hindurch und der Schmerz potenzierte sich. Reflexartig rissen sich meine Augen quasi von selbst auf und sahen geradewegs in ein anderes nur hasserfüllteres Paar Augen.. „Hör auf, er ist wach!“, hörte ich eine drohende Stimme vor mir. Dann folgte nochmal ein Schmerz, schlimmer als beide Male zuvor. Erneutes aufschreien meinerseits. Meine Wange war kurz vorm explodieren. „Ich sagte stopp“, kam es wieder von weiter weg. Erfolglos versuchte ich den Kopf zu drehen, mehr als wackeln war im Moment noch nicht drin. Was war, wenn ich nun gelähmt war? Nein, dass konnte nicht sein. Nicht mit den Ganzkörperschmerzen. Dann, ohne großartig etwas getan zu haben, erklang ein weiterer Schmerzensschrei nur war es diesmal nicht meiner. Bei dem Gedanken das es Jack getroffen haben musste verzogen sich meine Mundwinkel. Ob wir wohl nah genug am Bahnhof waren, dass uns sämtliche Einwohner hörten. Vermutlich dachten sie ein paar Wilde würden sich gegenseitig abstechen. Zu neugierig um still zu halten presste ich ganz fest die Zähne aufeinander und drehte den Kopf. Nach den ersten Sekunden verging der Schmerz. Glück gehabt, zumindest schien nichts gebrochen. Glücklicherweise barg der Acker keinen einzigen Grashalm und so sah ich gerade noch wie meine Schwester die Hand zurück zog und Jack zu Boden stürzt und liegen blieb. Stöhnend. Irgendwie sah das Bild schon skurril aus ein schwarzer Hüne am Boden und ein kleines Mädchen sich über ihn beugend und böse anstarrend. „Ich sagte nur bis er wach ist! Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen. Dann sprang sie über ihn hin und marschierte geradewegs auf mich zu, amüsiert sah sie allerdings nicht aus. Ihre Schritte dröhnten in meinen Ohren. „Aua…“, jammerte ich. Mir tat nun nicht mehr alles weh sondern langsam gefroren mir meine Beine. Der Ackerboden war eiskalt.  „Und du,“ meine Schwester zeigte direkt zwischen meine Augen und stand direkt über meinem Kopf. „…bist wirklich der dümmste Mensch auf Erden. Sei froh, dass Jack überlebt hat sonst hätten wir jetzt eine Leiche am Start, Bruderherz. Er wusste was er tat. Er will uns helfen okay?!“ „Du hast mir gar nichts zu sagen…“ zischte ich ihr entgegen und drehte beleidigt den Kopf in die andere Richtung. Hätte ich das bloß nicht getan, ein abermaliger Schmerz durchzuckte meinen Nacken. Erst dann viel mir auf wie nah ich eigentlich am Geröllhang lag. Innerlich seufzte ich erleichtert auf, dass nannte ich gutes Timing. Nur… für mich war noch genug Platz gewesen für Jack war es wohl knapp gewesen oder zu knapp. Automatisch schielte ich wieder nach links. Meine Schwester stand immer noch in derselben Position wie eben und starrte mich ebenso steinern an.

„So, jetzt reißt du dich gefälligst zusammen und stehst auf. Ich weiß nämlich nicht wie du das siehst, aber ich will noch vor Abend in der Stadt sein“, mit diesen Worten stieg sie achtlos über mich hinweg verpasste mir wohl versehentlich noch einen Tritt in die Seite und stapfte gen Horizont. „Hey“, rief ich ihr hinterher, aber sie stapfte knallhart weiter. Ächzend richtete ich mich auf, mein Körper brannte noch immer überall. Vor allem meine linke Gesichtshälfte…

8. Türchen:

55. “Die Heimat liegt nun hinter euch- vor euch die Welt.“ -Der Hobbit/ Teil 4

Ich starrte geradewegs ins schwarze. „Halt die Fresse“, entgegnete ich und rechnete mir noch mal aus wie viel Mühe es mich kosten würde ihn dieses mal zu überrumpeln. Aber ich vermutete wir beide wussten, dass ich außer fluchen heute wohl kaum noch etwas schaffen würde. Plötzlich merkte ich einen Lufthauch und bevor ich ausweichen konnte traf mich etwas schweres an der Brust, erschrocken zog ich die Luft ein. Das Glühen begann auf und ab zu hüpfen. Etwas sagte mir, dass sich dort jemand gerade köstlich amüsierte. „Idiot“ und pfefferte das Geschoß sofort zurück. Dank der Form wusste ich, dass es eine dieser Konservendosen aus der Kiste war.

„Iss was, dein Magenknurren hält ja keiner aus.“ kam es als Antwort und dieses Mal kam etwas angegrollt und stieß an meine Fuß.

Ich bewegte mich keinen Zentimeter vorwärts. Statt dessen begann ich zu husten. Und dieser begann langsam aber merklich sich auszubreiten. „Du willst uns wirklich umbringen“, hustete ich gerade heraus. „Genau und deshalb geb’ ich mir die Mühe was anderes zu beschaffen als das Zeug hier…“ damit deutete er mit dem Restglühen der Zigarette in Richtung Kiste.  Beschwer dich nicht und iss.“ „Komm schon, ist nicht giftig, macht satt, ist auch kein Fleisch…“ „Gebackene Fliegenpilze oder was?“ entgegnete ich in die Dunkelheit. „So in etwa.“ und damit begleitetet von einem erneuten aufflammen. Ich murrte, aber meine Magenschmerzen waren zu groß und ich griff nach dem runden etwas und riss sie auf. Etwas schwappte über den Rand und ergoß sich übe meinen Ärmel und Teil meins Hosenbeins. „Verdammt“, fluchte ich leise, gleichzeitig sah ich das Glühen wippen. Dabei blieb es allerdings und ich machte mich still und leise über den Inhalt her, der sich als kalte Ravioli herausstellte. Besser als nichts und um Längen deliziöser besser als Spam. Sehr viel magenfreundlicher. Nach kurzer Zeit war die Dose ratzeputz leer und wenn Licht geschienen hätte hätte man sie als Nagel neu ausgeben können.

„Genau deshalb wäre ich geblieben…“ , kam es erstaunt aus der Stille. Das glühen war erloschen, sodass ich mittlerweile überhaupt keinen optischen Anhaltspunkt mehr hatte. Er allerdings auch nicht, wenn ich ganz leise wäre könnte ich vielleicht vorgeben zu schlafen. „Wenn es nicht klappt sitzt ihr auf der Straße… kam es weiter. Verärgert stöhnte ich auf, konnte er nicht einfach mal seine Klappe halten?!

„So wie du?“ ich kniff die Lippen zusammen, Mist wie war das mit dem schlafen stellen. aber ich war neugierig geworden. Worauf wollte er hinaus. Ja genau, wie ich sag ja: Essen, Trinken und ein warmes Dach über dem Kopf. „Nach drei Tagen Freiluftschlafen wimmert ihr nur so danach….  Die Welt dort draußen schütz leider keinen mehr vor Seife. Passiert leider sogar mehr Menschen als man denkt“, fügte er hinzu und dann schwieg er. In mir zog sich wieder etwas zusammen, war ja klar, dass er jetzt darauf herumreiten würde. Wenn da noch etwas kommen würde war ich bereit ihm die Dose gegen den Kopf zu knallen, doch Pustekuchen. Nur ein kleiner roter Lichtschein glomm auf ungeachtet dessen tat sich immer noch nichts und nach einigen Minuten signalisierten mir meine Geruchszellen, dass es dieses Mal keine normale Zigarette war.

Die Unterhaltung war damit offensichtlich beendet und ich eingeräuchert. Erleichtert lehnte ich mich zurück, jetzt hieß es hoffentlich nur noch warten. Die einschläfernden Geräusche wie das Rattern und das leichte Schaukeln erreichten auch bei mir ihre Wirkung und ich dämmerte langsam weg, Kurz bevor ich endgültig weg war erkannte ich durch den schmalen Spalt meiner Wimpern ein schief hängendes Schild. Merkwürdig, es war doch dunkel. Schlief ich etwa schon? Ich schloss die Augen weiter bis sich auf dem Schild mehrere Wörter begannen zu formen. “Die Heimat liegt nun hinter euch- vor euch die Welt.“ Was sollte dass denn heißen? Mit dieser Frage im Kopf glitt ich hinweg.

Ich träumte ich stünde auf einer riesigen Kreuzung inmitten von monumentalen Häuserschluchten. Um mich herum eilten die Menschenmassen hin und her wie Bienen in ihrem Stock. Keiner beachtete den anderen, jeder schien in seiner eigenen Welt gefangen zu sein. Meine Schwester oder Jack waren dagegen nirgends zu sehen.  Ich erblickte einen riesigen, gräulichen Turm. Ein so hohes Bauwerk hatte ich noch nie gesehen. Dass er nicht schon zusammen gebrochen war erstaunte mich. Er schien förmlich an den Wolken zu kratzen… Die durchstochene Kugel an der Spitzte des Turmes glitzerte im Sonnenlicht.

„Hey, aufwachen Träumer!“, hörte ich jemanden rufen. Steine Stimme klang dumpf wie durch eine dicke Glasscheibe „Wir sind bald da, Faulpelz“, ertönte eine andere und damit wurde ich mit einem Ruck auf die Füße geholt. Noch ganz benommen blinzelte ich, nur gab es nicht all zu viel weg= zublinzeln, denn in dem Wagon herrschte immer noch dasselbe Schummerlicht wie vorher. Dennoch erkannte ich meine Schwester, die mir gegenüber auf den Kisten saß und offenbar frühstückte. Denn es roch abermals stark nach Dosenobst. Ich grummelte, ich fühlte mich wie überfahren kurz gestreckt und mein Kreuz knackte wie trockenes Holz. Hätte ich beim Recken und Strecken nicht die Augen geschlossen, hätte ich die anfliegende Dose sicherlich noch rechtzeitig bemerken können nur war mir mein Schicksal wohl auch heute nicht froh gesonnen und so erwischte es mich mit einer gewaltigen Ladung Kopfschmerzen. „Seid ihr noch ganz bei Verstand“ schrie ich reflexartig auf und hielt mir den Kopf. Zumindest fühlte ich kein Blut. Glück gehabt. „Wer fangen kann ist klar im Vorteil“ ertönte es aus der Dunkelheit womit klar war, dass der Werfer nicht meine Schwester gewesen sein konnte.

„Ach ja, und falls der junge Prinz Besteck einfordert muss er sich leider mit seinen Händen begnügen, das ist nämlich aus“. Mit diesen Worten hörte ich eine weitere Dose klacken und es dämmerte mir, wer die letzte geschmuggelte Gabel bekommen hatte. Zwar immer noch beleidigt wegen gestern, aber nicht allzu erpicht auf weitere Angriffe vom morgendlichen Miesepeter wechselte ich die Seite und schlich zu meiner Schwester. „Meine Gabel kriegste aber nicht, erst wenn ich fertig bin..“, murrte sie. „Scheiß auf die Gabel, ich bin froh wenn ich hier lebend rauskomme“, flüsterte ich zurück.  „Das stimmt, er ist ein wenig gereizt…“, schmatze sie mit vollem Mund zwischen zwei Bissen. „Ein bisschen?!“, erwiderte ich kaum hörbar. „Was ist denn passiert?“, fragte ich weiter. Als Antwort bekam ich lediglich Schulterzucken, „Der ist so aufgewacht …“ Dann konzentrierte sie sich wieder auf ein besonders widerspenstiges Stück Dosenananas, was immer wieder trotz Gabel in die Dose zurückfiel und dabei alles mit entsprechender Flüssigkeit vollspritze. „Muss, dass sein?“, maulte ich. Auch ohne großartiges Tageslicht ahnte ich, dass mein ehemals sauberer Pullover kaum mehr ansehnlich war.

Hatte ich gestern Abend womöglich einen wunden Punkt bei ihm getroffen? Hatte er so etwas wie Gefühle? War er doch nicht so rau und abgebrüht wie er tat? Was wäre wenn… automatisch schüttelte ich den Kopf, an sich wollte ich es gar nicht wissen. Er war und blieb ein Arsch. Wie auch immer, erstmal musste ich etwas essen, schnell riss ich meiner Schwester die Gabel aus der Hand und begann zu löffeln. „Hey“, brachte sie noch heraus aber ich schnitt ihr das Wort ab „Du warst doch eh fertig.“

„Na hat’s dem Prinzen auch gemundet oder würde er gerne einen Nachtisch haben?!“, feixte Jacks Stimme kurz nachdem ich die Dose restlos ausgekratzt hatte. Ich stockte und blickte ganz langsam nach oben. „Nein Danke“ antwortete ich bestimmt und spannte gleichzeitig alle Muskeln an.

7. Türchen:

55. “Die Heimat liegt nun hinter euch- vor euch die Welt.“ -Der Hobbit/ Teil 3

Dass musste meine Schwester wohl nun auch erfahren, denn ein dumpfes Geräusch verriet mir, dass sie sich samt Rucksack einfach auf die gefüllten Jutesäcke weiter hinten im Wagon fallen gelassen hatte.

„Warum wollt ihr überhaupt weg?“ fragte Jack plötzlich. „Warum willst du das wissen?“ fragte ich misstrauisch.

Jack verzog wieder sein Gesucht. „Nun ja, ich bringe mich in Lebensgefahr nur wegen zwei… sagen wir anderthalb Spaßten, da kommt man schon ins Grübeln“

Ich zuckte mit den Schultern. „Warum sitzt man seit sechs Jahren in einem Knast? Garantiert nicht weil man Mamas Liebling ist.“ Das musste vorerst als Begründung reichen, nicht weil ich nicht mehr wusste sondern weil ich kein Bedürfnis verspürte ihm Dinge anzuvertrauen die außer mir und meiner Schwester absolut nichts angingen. Nicht einmal unseren Eltern, denn de facto besaßen wir keine mehr. „Das hat meine Frage nicht beantwortet. Mir ist es scheiß egal warum ihr dort drinnen gelandet seid. Ich will wissen warum ihr dort raus wollt… Der schnellste bist du ja offenbar nicht.“

Im Dunkeln ballten sich meine Fäuste zusammen, wenn er weiter so mit mir reden würde… Darüber hinaus was bildete sich dieser Penner eigentlich ein über uns zu urteilen? „Ich habe dich sehr wohl verstanden…“ setzte ich an wurde aber auf halber Strecke unterbrochen „Ich steh nicht mehr auf die Horrortrips von unsauberem Zeug und der Herr hier…“ meine Schwester zeigte auf mich „hat genug vom Seife hoch aufheben.“ Ganz langsam drehte ich meinen Kopf zu meiner Schwester, dass hast du jetzt nicht gesagt. Flüsterte ich ganz leise… Ich wusste nicht wer im Moment heißer war der Motor des mittlerweile dahin rasenden Zuges oder ich. Ich kochte, ich spürte wie meine Adern zu pochen begannen, meine Fäuste sich erhoben und ich fast noch schneller als Jack aufsprang und meine Schwester mit voller Kraft eine langen wollte. Doch kurz bevor meine Handfläche ihr Gesicht erreichte, stoppte dieselbige. Ich zog und zerrte aber sie bewegte sich nicht vom Fleck. Nicht nach vorne, nicht zurück. Meine Schwester öffnete leicht verunsichert durch den ausbleibenden Schlag ihr eines Auge und starrte dann mich unsicher an, dann über mich hinweg. Dann spannte ich abrupt alle Muskeln an und schnellte dann nach vorne doch außer drei Zentimeter kam ich einfach nicht mehr voran. Noch wütender als vorher schnellte ich herum und verdrehte mir prompt den Arm, der immer noch fest gehalten wurde. Doch wozu hatte man einen anderen, der statt dessen nach vorne schnellte und quasi ins Leere hineinlangte. Ein harter Aufprall und ein unterdrücktes Knurren verieten mir, dass ich wohl irgendwas getroffen haben musste. Aber dass interessierte mich nicht wirklich. Der Griff hatte sich gelockert und ich ging vollends auf die Barrikaden. Meine beiden Arme schmerzten sehr: der eine vom missglückten Befreiungsversuch, der andere vom Treffer, dass nun meine Füße zum Einsatz kamen. Wild trat ich drauflos, unter mich –  gerade aus. Doch jedes mal schienen sie ins Leere zu treffen. Was mich noch wütender machte, denn inzwischen wusste ich wer mich aufgehalten haben musste. Es gab genau eine Person neben meiner Schwester und das war Jack –  und Jack sollte dafür bezahlen. Meine Schwester war das eine, aber sie hatte schon immer ihre Klappe nicht halten und von ihr hätte ich nichts anderes erwarten können. Aber er hatte gefragt. Warum hatte er das getan. um sich weiter über uns oder viel mehr über mich zu beschweren, nur um mich bloß zu stellen, zu beschimpfen?!

Dann plötzlich traf mein Fuß auf etwas, aber es konnte nichts menschliches sein denn es gab einen harten Widerstand. Nach der ersten Millisekunde immer noch keine Federung und mein Knöchel begann wie verrückt zu schmerzen und dann gab dass Ziel doch noch nach und mein Fuß rutschte quasi nach vorne. Ich verlor durch den plötzlich fehlenden Abstand das Gleichgewicht und viel nach vorne, direkt auf mein Ziel, was sich nun als definitive nicht menschlich herausstellte. Denn das Objekt war knallhart. Ich schrie auf.  Zuletzt brummte mein Schädel, dafür wurde die Welt um mich herum wieder schärfer und ich konnte wieder einigermaßen klar denken, mein Sichtfeld verschärfte sich wieder und ich erkannte eine riesige Holzkiste vor mir in der nun mein Fuß steckte.

Ganz vorsichtig drehte ich meine Gliedmassen und ließ es sofort wieder sein, denn noch einmal durchzuckte mich ein fieser Schmerz. Ich stöhnte noch einmal auf und drehte dann meine gesamte Hüfte ganz langsam und vorsichtig bugsierte ich mein Bein aus der Gefahrenzone heraus und schaute mich dann einbeinig stehend um. Aus dem Augenwinkel sah ich meine Schwester gerade wieder von einem großen Berg aus Säcken herunterklettern, mich argwöhnisch und sogar ein wenig verängstigt anstarrend und von Jack war weit und breit nichts zu sehen. Der Typ konnte sich nicht in Luft aufgelöst haben?! „Nicht schlecht für den Anfang.“ raunte es vor mir und damit kippte die Kiste zur Seite und Jack kam zum Vorschein. In der Hocke sitzend sich die Hüfte mit der rechten Hand haltend. Durch den Widerschein der wie durch ein Wunder verschonten Lampe, konnte ich etwas aufblitzen sehen. Offenbar grinste er oder biss die Zähne zusammen, denn seine Kronen blitzen im Halbschatten. Ich hoffte letzteres.

„Damit du es weiß…“, damit stemmte er sich hoch und schaute dann meine Schwester erstaunlicherweise böse an „so genau wollte ich es gar nicht wissen.“ Sie streckte ihm nur beleidigt die Zunge heraus und begann die durchgetretene Kiste zu begutachten. Enttäuscht, dass es sich offenbar nur um irgendwelche Dosen handelte drehte sie sich demonstrativ um schreitete in die letzte Ecke des Wagons und ließ sich mit einem immer noch stets beleidigten Kleinkindlaut neben ihren Rucksack fallen um ihr gebunkertes Abendessen zu verspeisen. Beim Anblick der gold roten Dose zog sich mein Magen zusammen. Engländern hatte ich noch nie etwas abgewinnen können, nur was noch viel schlimmer war, ich wusste von ihr würde ich heute kein Abendessen bekommen. Dazu war sie zu herrisch und diskutieren wollte ich nicht. Mein Arm und Fuß taten immer noch höllisch weh. Statt dessen lugte ich noch einmal in die Kiste und erhoffte mir etwas besseres als baked beans. Zumindest die Dosenform war anders. Das war allerdings auch schon der Pluspunkt denn die Dosen stellten sich als SPAM-Konserven heraus. Gepökeltes Schweinefleisch… kalt. Lecker. Lieber verhungerte ich, als diesen Fraß zu essen. Immer noch restgeladen und nun völlig erschöpft humpelte ich soweit ich konnte von meiner Schwester weg und ließ mich die Wagonwand heruntergleiten, mit dem rechten Fuß ausgestreckt zur Seite.

„Wie im Kindergarten“ hörte ich nur als Kommentar ansonsten blieb es still. Meine Schwester war offenbar eingeschlafen. Auch die Öllampe nagte an ihren Reserven. Das Licht begann deutlich abzunehmen bis schließlich nur noch ein glühender Docht zentimeterweit den Wagon beschien.

Mein Magen knurrte und ich spürte deutlich wie er sich erneut zusammen zog. Ich wusste auch, dass kaltes Schweinepressfleisch nicht das war, was er sich erhoffte. Wozu hatte man schließlich Ärmel. Den Trick hatte ich in den letzen Jahren zur genüge geprobt und bis vor kurzen hatte er noch funktioniert. Warum also nicht aus dieses Mal und so begann ich geschützt in der Dunkelheit an meinem T-Shirt Ärmel herumzukauen. Ich kaute und kaute. Ich bemühte mich zwar meine Speichelproduktion bewusst klein zu halten, doch solche Dinge konnte ich leider nicht beeinflussen und die Feuchtigkeit stieg den Ärmel hoch. Gerade als ich begann mir zu überlegen ob ich den Ärmel nicht tauschen sollte oder zumindest mich des Pullovers entledigen sollte zischte in der Dunkelheit etwas und ich erstarrte. Wenn jetzt etwas mit der Öllampe nicht in Ordnung wäre dann… aber statt einer Explosion sah ich nur ein kleine Flamme in der Dunkelheit erscheinen und sie nach oben wandern. Ein aufflammen verriet mit, dass sch dort jemand eine Zigarette angesteckt hatte. „Willst du uns alle umbringen“, flüsterte ich entnervt. „Die schwule Nervensäge ist also doch noch wach… Schade und ich dachte ich könnt uns ganz im Stillen in die Luft sprengen“, das Glühen drehte sich in meine Richtung doch außer den Fingerkuppen konnte ich nichts erkennen.

6. Türchen:

55. “Die Heimat liegt nun hinter euch- vor euch die Welt.“ -Der Hobbit/ Teil 2

Bevor der Abhang mir die Sicht wieder versperrte sah ich wie in den rechten beiden Schlafsälen das Licht anging. Ich riss mich los und sprintete davon. Verdutzt blieb meine Schwester stehen was ist denn mit dir los „Licht, sie haben licht gemacht lauf“ schrie ich nun gar nicht mehr leise und wurde schneller.

Drei Kilometer noch vor uns. Verdammte – drei – Kilometer. An denen sollte es nicht scheitern. An mehr als wir rannten kann ich mich bis heute nicht erinnern. Ich weiß nur, dass ich wohl mehrere Male gestolpert sein muss, denn als ich am Zug ankam war meine Hose voller Löcher und meine Schienbeine bestanden aus blutigen Schrammen ähnlich wie meine Handballen. Schwesterchen erging es nicht besser auch wenn sie es nie zugeben hatte. Der Rucksack hätte uns fast den Kopf gekostet als sie beinah ins Eis eingebrochen wäre, da wir unter der dicken Laubschicht den kleinen Bach nicht gesehen hatten. Gott sei Dank war sie gerade noch so ans Ufer gesprungen. So hatten wir zwar beide klitschnasse Füße doch konnte die Jagd weiter gehen. Weit entfernt hörten wir das jaulen, das jaulen der Bloodhaunds. Der besten des Landes aber wir waren schneller. Schließlich sahen wir die ersten Häuser des Dorfes. Endlich dämmert mir auch was sie mit dem Dorf gemeint hatte. Es war die Häuseransammlung neben dem Rangierbahnhof, von dem aus die einzelnen Zugführer täglich zu ihren mobilen Maschinen entschwanden. Augenblicklich verlangsamten wir unser Tempo und auch wenn unsere Lungen brannten wollten wir keine Luft holen. Das Risiko erwisch zu werden war jetzt schon zu groß. Schließlich wusste jeder in diesem Landstrich was das Jaulen von Hunden zu bedeuteten hatte. Entweder Wölfe oder potenzielle Verbrecher. Beide galten als vogelfrei. Freiheit war wohl doch nicht so süß wie ich immer geträumt hatte.

„Habt euch Zeit gelassen, was?“ Jack stand seelenruhig am Zaun, in demselben schwarzen Mantel gekleidet wie meine Schwester. Seiner Stimme nach zu urteilen freute er sich höhnisch über das immer näher kommende Bellen. „Wir?! Naja der Träumer…“ prompt bekam ich einen freundlichen Schlag in die Milz. „Das Schloss hat auch länger als 30 Sekunden gedauert“, antwortete ich lediglich mit zusammengebissenen Zähnen. Mir war schlecht, der Schweiß rann an mir herunter, mein Puls drohte über mich hinaus zu wachsen und jenseits der 250 stehen zu bleiben. „Fürs Rechtfertigen habt ihr gleich genug Zeit, erst einmal muss ich euch hier rausschaffen…Sonst wird’s ekelig“ , bei den letzen drei Wörtern lachte er leise und bevor ich mich auch nur fragen konnte drehte er sich ein Stück in Richtung Zaun und ich sah gerade noch so etwas metallenes an seinem Gürtel aufblitzen. Der hatte doch wohl nicht…

Elegant und leise wie ein Panther erklomm er mit seinen schweren Stiefeln den Maschendrahtzaun, die Hunde völlig ignorierend. „Ich schätze auf drei Kilometer“, meinte er nur als er auf der anderen Seite ebenso lautlos auskam. Dann war ich an der Reihe zusammen mit meiner Schwester, nur war sie wesentlich eleganter oben als ich. Ich glich mehr einem behinderten Orang-Utan der sich mit allerletzer Kraft irgendwo hochzog damit er nicht von irgendwelchen Jagdhundmutanten zerfleischt würde. Oben angekommen ließ ich mich einfach nur fallen und landete hart. „Aua!“ entfuhr es mir laut, sofort zuckte ich zusammen und schaute um mich. Mein Knöchel schmerzte und Jack antworte mit „Vollidiot“ dann drehte er sich um und rannte los.

Noch ehe wir am Wagon ankommen konnten kam ein weiterer Zaun in Sicht. Mittlerweile dämmerte es und ich erkannte auch ohne Wald dass dieser Zaun ganz klar das Gefahrenschild für Explosivstoffe trug. „Ähh.. sind wir hier richtig“ „Klappe, knurrte Jack und schob einige Dielen zur Seite. Dahinter kam ein Loch zum Vorschein, eilends schob meine Schwester den Rucksack hindurch und sich gleich hinterher. Widerstrebend ließ ich mich auf die Knie nieder, ob ich da durch passte? Das Loch war doch relativ klein. „Musst schon kriechen“, murrte Jack. Widerwillig ließ ich much auf den Bauch fallen. Verdammt tat das weh. Meine Schienbeine hämmerten – ebenso meine Handballen. Normal waren wir wohl definitiv nicht. Jack schon gar nicht.

Mit diesen Gedanken und Fluchen auf eine gewisse Person schob ich mich durch die Lücke. Stück für Stück. Dann hieß es wieder aufstehen. Hoffnungsvoll klopfte ich mir den Dreck von den Resten meiner Hose. „Spar dir die Mühe, ihr werdet so oder so dreckig“, schnauzte mich Jack an. Er selbst hangelte sich abermals am Zaun hoch und sprang mit einem so kräftigen Satz nach oben, dass er es tatsächlich über den Stacheldraht schaffte. Spätestens jetzt stand für mich fest, dass Jack kein bloßer Landstreicher war, wie es meine Schwester mir immer erzählt hatte.

„Wo lang?“,murrte ich. Mir war klar, dass die zwei etwas vor mir verheimlichten und dass gefiel mir gar nicht.  Da ich nun wusste, dass er bewaffnet war und so ruhig wie er nach den Hunden lauschte vermute ich, besaß ernicht nur einen Revolver. Noch einen Kilometer, er sah sich um… dann wandte er sich nach schräg links und schlängelte sich zwischen diversen Gütern, Dampflokomotiven und Wagons hindurch. Wir folgten ihm leise. Mit der Dämmerung wurde die Wahrscheinlichkeit größer einem überpünktlichen Zugführer in die Arme zu laufen. Aber wir hatten Glück. Nach bereits drei Gleisen blieb Jack stehen und schob eine rostige Tür geräuschvoll auf. „Los, los, los rein da“… Erstaunt über das plötzliche Tempo folgte ich widerstandslos und saß prompt im Dunkeln, als Jack die Tür zuknallte. Sekunden später wusste ich auch weshalb er es so heilig gehabt hatte. nicht nur das sich der gesamte Untergrund plötzlich mit einem Ruck in Bewegung setzte, nein auch erklang plötzlich ein riesiger Knall und ich wurde in die Waagerechte katapultiert.

„Keine Angst, Stinkbombe. Verwischt lediglich Gerüche“… „und bricht Knochen“, witzelte ich trocken. Spätestens jetzt musste ihm klar sein, dass ich ihn trotz Fluchthilfe immer noch nicht mehr schätze als vor einem Jahr, an dem ihn meine Schwester aus der Scheune gerettet hatte.

Außer seinem Namen wusste ich nichts von ihm, selbst über diverse Gefängniswärter war mehr heraus zu bekommen als über ihn. Ihm zu vertrauen war mehr als dumm, aber was war uns übrig geblieben. Mit der Volljährigkeit in ein größeres Lager verlegt zu werden um weiter „verbessert“ zu werden oder aus dem gesamten Land zu verschwinden?

Meinem eben sehr gelungenen Witz wie ich fand, ignorierend, zündete er eine alte Bergarbeiterlampe an und ließ sich mit anmutiger Drehung auf dem Boden nieder direkt vor einem Haufen Holzkisten. Dann hob er den Kopf „Meine Dame“, er wandte sich meiner Schwester zu, die immer noch auf ihren Füßen stand den Rucksack in ihren Kniekehlen hängend, „und dem verehrten Herr „hier sehen sie ihre Mitfahrgelegenheit“ statt mich anzuschauen schwenkte er die Lampe in einem Halbkreis vor sich her, sodass kurz der gesamte Wagon zu erkennen war. „Eingestiegen seid ihr ja schon, jetzt heißt es nur noch Fresse halten und schlafen“. Damit drehte er das Blechstück der Lampe vor die Glühbirne so, dass ich angestrahlt wurde und sein Gesicht im Dunkeln befand. Reizend. Ich brummte und kniff geblendet die Augen zusammen sagte aber nichts. Auf eine weitere Diskussion hatte ich keine Lust, dafür war mein Körper und Geist definitiv zu ausgelaugt.