14. Türchen:

7. “Ich würde ihnen gerne die Vorschriften zitieren, aber ich weiß, Sie werden das alles ignorieren.“ -Star Trek XI/ Teil 3

Wäre die Wahrscheinlichkeit nicht so hoch gewesen nach dem ersten Jahr einsam, allein und völlig zerfressen von ein dutzend Geschlechtskrankheiten im Dreck zu sterben, ich hätte diesen Berufszweig durchaus für mich nutzen können. Fetische für Hyperschnelligkeit waren durchaus eine Marktlücke, aber die Aussicht von einem viel zu neureichen ausgebrannten Jungunternehmer als Gesprächspartnerin missbraucht zu werden hatte mich endgültig und sprichwörtlich sexuell ernüchtert. Gehorchte man denen nämlich nicht, dann starb man sehr viel schneller genauso einsam und allein nur statt mit Pilzen – einer Nadel oder Kugel im Körper. Ein solches Schicksal teilten viele junge Frauen. Wir nannten sie im Fachjargon Defectors, eine Art störender Parasit in unserer namenlosen Vereinigung. Bei dem bloßen Gedanken an diese verzogenen schlechteren Hälften unsererseits begann ich missmutig meine Kapuze über meinen grauen Pullover zu zerren. Sie war trotz beachtlicher Größe zu klein für meine Maske. Was hätte ich jetzt für einen warmen Maisfilzoverall gegeben, die besaßen nicht nur ein bereits eingearbeitetes Sichtfeld nein, auch hielten sie den gefürchteten gelben Schnee ab. Nur hätte ich mit diesem Luxusgut keine Nase lang überlebt.

Wer wusste schon wer wann das letze Mal hier etwas zu essen bekommen hatte oder zu trinken? So ein schöner sauber leuchtender Anzug war quasi das Signal für die Einwohner dich auseinander zu pflücken, wie eines der Gänseblümchen aus den Gärten der Bewohner des ersten Sektors. Wobei ich bezweifelte dass diejenigen hier noch nicht einmal wussten wie genau ein Gänseblümchen aussah. Bildungskanäle wurden überbewertet schließlich stahlen sie einem die Zeit, die man auch im Müll verbringen konnte. Wenn mein Mund und meine Nase nicht von der Gasmaske überdeckt worden wären, wäre ich vermutlich bereits erstickt. Erstickt an zu viel Geruch. Ob der Verkäufer auch Kiemen besaß, die für ihn die Luft filterten? Wahrscheinlich wäre es, nicht alle Drags waren so auffällige Echsenmenschen, wie der Weltrat den Ärmeren suggerieren wollte. Während meiner Auszeit durfte ich erfahren, dass ich sowie wohl 99% meiner Art eben humanoid aussahen. Nur hier und da manchmal vier Ohren, ein versteckter dritter Arm oder zu große Eckzähne gaben ein Hinweis auf die sonst noch verborgenen Fähigkeiten der Träger. Einige waren mehr verstörend, andere bei Spezialisierung sogar sehr praktisch. Eine Mutation am Prothrombingen brachte dem einen Typen eine immens schnelle Blutgerinnung. Selbstheilung garantiert, hatte er damals lachend gemeint – bis ihn jemand eines Tages erwürgt hatte. Schnell gerinnendes Blut half anscheinend nicht gegen Sauerstoffmangel. Das war der erste Tag an dem ich froh gewesen war mal kein Bestattungsdienst gehabt zu haben. Normalerweise liebte ich es mit den jeweiligen Leichen zu reden, sie anzumalen mit ihnen zu tanzen aber ihn hatte ich fast schon gern gehabt. Als Konsequenz des spontan Verabschiedung war für ganze fünf Tage der Westflügel gesperrt worden… damals hieß es dann den zwanzigminütigen längeren Umweg laufen… Durch den Nordflügel und der war bei weitem nicht so zivilisiert wie unser Heim. Glich unser Bereich mehr einer alten normgerechten Haftanstalt -herrschten im Nordflügel ganz andere Regeln, nämlich gar keine. Selbst die Wachen schleuderten die Körper der jeweilig Verurteilen lediglich hinter die Sicherheitstüren und machten sich wieder aus dem Staub.

Ganz anders als damals hätte ich nun noch 20 Meter laufen müssen. Sichtweite. Nur war das hier wie in der öffentlichen Stellenanzeige kein blaues Haus sondern ein kleiner Hinterhof und selbst dieses Fleckchen abseits der großen Straßen war kein Hinterhof wie die der urbanen Höfe in denen die Reichen und Schönen wohnten oder einkauften. Es war auch keiner dieser süßen, kleinen Hinterhöfe, die man in der Nähe von irgendwelchen Nischencafés fand, in denen man Weinreben, Klettertrompeten, Spalierobst oder hochgezüchteten genmanipulierten Strelizien und Lianen seinen vier Euro teuren extra von Wega importierten Jiaogulancuracao Tee süffeln durfte. Nein, dieser Hinterhof hatte definitiv schon bessere Tage gesehen, die große schwarze Gittertür lehnte nur halb geschlossen an der anderen, und neben einem riesigen grünen Müllcontainer standen mehrere halbaufgelöste Deltas herum. Reine Geldverschwendung solche Schätze verkommen zu lassen. Ein Unterstand hätte ja schon gereicht um diese Freerider vor dem Schnee zu schützen zumal dieser eigentlich nur in einer dreimonatigen Zeitspanne fiel.

Was ebenso merkwürdig erschien, war die fehlende Tür… Aber das konnte nicht sein, ich war mir ganz sicher gewesen dass ich sie richtig notiert hatte. Schließlich hatte ich dreimal nachgefragt. Beziehungsweise dreimal unterschiedliche Sicherheitscodes verwendet. Denn diesen Straßennamen hatte ich noch nie zu vor gehört und dass war sehr ungewöhnlich. Ich drehte mich noch einmal unentschlossen um mich selbst. Aber ich sah immer noch keine Tür. Verdammt, war die Stellenanzeige vielleicht doch nur eine Art Lockvogel gewesen, ein Lockvogel der Regierung? Mir war das gleich so merkwürdig vorgekommen. Warum sollte jemand es sich so einfach machen, lediglich zwei Ebenen für einen gut dotierten Job zu erstellen? Jetzt hatte ich meinen Vormittag umsonst verschwendet. Womöglich sogar meine gesamte Zukunft, denn schließlich wollen Bewerbungshelfer selbst, wenn sie lediglich elektronischer Natur sind, regelmäßig erfolgreiche Fakten zu futtern bekommen. Sonst würden nicht nur ihre Schaltkreise durchknallen sondern ebenso meine 191 Identitäten, was dieses mal fatal wäre, denn ich hatte keine Möglichkeit für eine 192zigste. Sämtliche Kontakte hatte ich über die Jahre verloren oder noch schlimmer sie waren  aufgeflogen. Das durfte doch nicht wahr sein! Ich hatte meine gesamte Monatsration an Zigaretten eintauschen müssen gegen diesen neuen Sweater und gegen gereinigtes Wasser. Wenn ich den Kerl jemals zu fassen bekäme… Selbst wenn es irgendein halbgararer Spion wäre oder ein zäher schon seit Jahrhunderten geräucherter, ich würde ihre eigene Hau abziehen. In mir duplizierte sich die schlechte Laune. Was sollte dass denn? Gerade wollte ich wutentbrannt den Rückweg antreten, da öffnete sich ein Fenster und ein Mann mittleren Alters streckte sich zu mir hinaus. Schließlich hörte ich wie aus weiter Ferne mehrere gurgelnde Laute. „Li..lit-h Zel-ler?“

Ich schwieg und wog meine Möglichkeiten ab, entweder ich spielte falsch oder richtig mit oder ganz anders. Ich nahm die dritte Möglichkeit. Wortwörtlich im Hyperraum zu verschwinden. Dank meines Sichtfeldes sah ich wie der Mann die Augenbrauen hoch zog. Ich dagegen zog die Augenbrauen zusammen. Lilith… fang nicht an zu krampfen, du musst ganz gelassen bleiben. Sobald du auch nur ein wenig Angstschweiß produzierst fliegst du auf. Bleib Cool. Von Angesicht zu Angesicht ist nichts anderes als von Screen zu Screen.

Ein tiefer Atemzug folgte, dann ein zweiter und schließlich starrte ich durch meine gelblich schimmernde Scheibe zurück und schnarrte mit Stimmenverzerrer: „Woher wissen sie meinen Namen. Ich wüsste nicht dass ich sie kenne.“ Der Mann zuckte mit den Achseln „Sie haben meine Anzeige gehackt, als einzige. Übrigens sie sind pünktlich, dass hat von meinen Anwärtern bis jetzt niemand geschafft. Viele musste ich sogar persönlich an ihre Zukunft erinnern, natürlich auf kryptischem Wege“ Meine Alarmglocken begannen zu schreien. Dieser Herr kannte nicht nur meinen Namen sondern, wie ich vermutet, hatte er nur für mich diese Anzeige doppelschichtig gestaltet. Das hieß, er hatte gewusst dass ich den Datenträger lesen würde… er musste meine Routine kennen, er hatte mich ausspionieren lassen ohne dass ich es bemerkt hatte. In diesem Moment wusste ich nicht ob ich erleichtert sein sollte, zur Regierung konnte dieser Mann nicht gehören. Selbst die geschicktesten Undertaker der Regierung fielen auf wie Nacktkatzen in einem Wolfsrudel. Konnte es sein, dass ich vielleicht nun doch meine „rechtmäßige“ Stelle antrat nur aus dem Grund, dass er nicht von der Regierung kam…

Advertisements

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s