13. Türchen:

7. “Ich würde ihnen gerne die Vorschriften zitieren, aber ich weiß, Sie werden das alles ignorieren.“ -Star Trek XI/ Teil 2

Wahrnehmen ist in dieser Welt übrigens das Stichwort, zumindest seit der Jahrtausendwende. Seit dem Unfall des Gen-Konzerns Phyton gab es so einiges was man zwar nicht sehen oder hören konnte, dafür aber wahrnehmen, durch die unterschiedlichsten siebten Sinnen oder Auswüchse. Giftgasexplosionen mit anschließender Flucht von künstlich hochgezüchteten humanoiden Wesen war nicht zu unterschätzen. Zumal sich humanoide Wesen gerne mit Homo sapiens paarten. Heraus kamen Hybriden, die sich von ihren Sapiens Verwandten äußerlich kaum unterschieden, außer durch ihre hin und wieder auftretenden minimalen Besonderheiten. Von voll und ganz ausgenutzter Hirnkapazität bis hin zu Menschen mit fledermausähnlichen Ultraschallfähigkeiten war vermutlich alles dabei. So genau konnte das allerdings niemand beweisen, weder Konzerne noch die Regierung… Eine genaue Beweisführung existiert bis heute nicht, weshalb die Betroffenen entweder verjagt wurden, in jungen oder weniger jungen Jahren in der Verbrennungsanlage zur Stromerzeugung endeten oder zur Gattung gehörten, die begann gegen das bestehende  System Widerstand zu leisten. Zu dieser Gattung gehöre ich übrigens auch. Kleiner Prozentsatz mit großem Potential.

Denn nachdem der Skandal der gesamten Nation bewusst wurde rüsteten sie nach und zwar mit denelben humanoiden Wesen wie unsere Elternteile es gewesen waren, nur mit dem Unterschied, dass diese komplett auf die Bedürfnisse sowie Wünsche der Zivilbevölkerung geeicht waren. Bloße Sklaven ohne jeglichen Charakter. Zugeben einen Vorteil hatte ihre Daseinsform, sie bekamen all dies was ich niemals bekommen hatte. Aufmerksamkeit, Bildung, Geborgenheit, ein Dach über dem Kopf, eben all diese süßen Versuchungen. Gut, das Dach hatte zwar existiert nur war es eher weniger dicht gewesen und sobald der Frühjahrsregen einsetze musste ich nachts zusehen, dass ich nicht im Schlaf ertrank.

Sie sollten sogar so etwas wie Privatsphäre besitzen, ich dagegen ließ mich zwar gerne hin und wieder beschatten aber dieses „gläsern“ sein sobald man irgendwie in die Gesellschaft eintrat war mir schon immer gehörig gegen die Schuppen gegangen. Zumindest gab es etwas Abhilfe, besonders mit speziellen Algorithmen wurde ich sehr schnell, sehr unsichtbar. Was das ganze perfekt abrundet ist, sich kein „Handheld“ anzueignen… Diese kleinen TouchPads waren nicht nur dein bester Freund wie von der Werbung suggeriert sondern ebenfalls Freund der Regierung. Dieses Ding zeichnete alles auf was man ihm bewusst oder unbewusst zu fressen gab: Kaufverhalten, sämtliche physische sowie psychische Daten über dich und beim Benutzen der Kamera deine Einrichtung. Innerhalb seines Lebens bekam man eigens eine extra Akte nur für sich angelegt. Von dem Moment des Erstkontakt des „Handheld“ bis zum letzen Atemzug, denn schließlich konnte dieses kleine Wunderwerk der Technik im Alter als Schrittmacher dienen. Ob diese Menschen dann freiwillig ins Gras gebissen haben kann ich bis heute leider nicht nachweisen. Die Spuren werden nach Ableben sofort unwiderruflich verschlüsselt, gesichert und verstreut. Selbst ich mit meinen recht flinken Fingern kam diesem Mechanismus nicht mehr hinterher.

Im Moment kam ich kaum auch nur irgendetwas hinterher. Erst recht nicht meiner herrlichen, glorreich miefenden Zukunft. Doch hatte ich schon immer Paradoxien geliebt, weshalb ich überhaupt auf diesen sicheren Weg gestoßen war. Schließlich braucht ein Undertaker wie ich neben überleben eben eine Freizeitbeschäftigung, die ähnlich die der normalen Bewohner dieses Landes vergleichbar wäre. Zweckmäßig durchforstete ich deshalb regelmäßig die Arbeitsanzeigen in unseren lokalen Datenträgern. Denen, die ich jetzt folgte war besonders kryptisch gewesen.

Auf den ersten Blick hatte es wie eine Anzeige für die Beschäftigung einer Mechatronikerin eines Robotorsekretärs ausgesehen, doch für ein Wesen mit solch geübten Augen wie mich hatte dieses Inserat einige Schwächen wie beispielsweise diese Doppelschicht… Dieses Angebot hatte zwei übereinander liegende Ebenen. Mir war es nur durch eine winzige Unregelmäßigkeit im Quellcode aufgefallen. Einmal die original Datenmenge ausgegraben, sah es mit der Arbeitsstelle schon ganz anders aus: Kost und Logie frei, Sperrstundenausweis dazu 500 Bitcoins Taschengeld pro Monat. Als Gegenleistung sollte man lediglich einige Datentransfere betreuen. Selbstverständlich rund um die Uhr. Fast schon zu rosig sah die gesamte Sache aus. Nur war ich im Moment nicht wirklich in der Situation irgendwelche Ansprüche zu erheben. Darüber hinaus, falls es eine Falle der Regierung sein würde, könnte ich mich immer noch wimpernklimpernd als kleines Mädchen mitten in der Reifezeit ausgeben. Datentransfere waren in unserer heutigen Zeit doch völlig der Norm entsprechend… und dieses rund um die Uhr ebenso, Server konnten schließlich jeder Zeit zusammenbrechen unter solcher Last. Die Doppelschicht könnte ich ja durch wildes Herumklicken umgangen haben oder durch eine über die Tastatur laufende Ratte.

Den verschieden farbigen Linien folgend bestritt ich jetzt schon die zehnte Route in meinem neuen  nun folgendem Lotterleben. Die letzen neun waren eine Gleichung gen null gewesen. Zu eigensinnig, zu primitiv, zu eigenbrötlerisch war ich betitelt worden… Dies hieß in meiner Sprache: zu vorbestraft.

Schon in einem von 198 Slums als Drag eingestuft zu werden sahen nicht viele gern. Wobei ihre Datenbank mein restliches Leben gar nicht kannte. Niemand außer mir selbst wusste wer ich wirklich war und selbst ich hatte schon einige Probleme mit der Identitätenzuordnung gehabt, was zeitweilig zu einigen Komplikationen geführt hatte. Meine unfreiwillige Auszeit war nur eine der damaligen Konsequenz gewesen. 190 Identitäten zu verwalten war eben kein Zuckerschlecken. Erst dann nicht, wenn zwischen diesen über tausende von Ecken, Sicherheitsmaßnahmen und Mittelsmänner lagen. Ich war sozusagen eine Art moderne Puppenspielerin. Es wurde Zeit, dass nach all den Jahren eine neue Lebensweise ans Tageslicht gelangte. Adé Agneta Kinnon – willkommen Lilith Zeller. Mein bescheidenes Ich-selbst, zumindest mein 5- jähriges Ich-Selbst in der Zeit in dem Computer oder Spyware noch Fremdwörter für mich darstellten. Vielleicht bewirkte die Unkreativität meinerseits etwas in den Gehirnzellen meines Gesprächspartners… Wieso nicht einmal mit etwas offeneren Karten spielen? Ich konnte es mir zwar nicht leisten zu verlieren, doch half die 191ste Identität nicht gerade dabei. Jedes Mal einen neuen Pass zu beantragen hieß erneut lügen, bestechen sowie alte Beziehungen aufwärmen und für all dies außer fürs Lügen fehlte mir schlichtweg das Geld und die Nerven. Man könnte meinen das staatliche Kapital für Resozialisierte könnte saftig ausfallen, aber 800 Bit-Coins zeigen eher das Gegenteil. Zudem war ich es leid jedesmal ein anderes zuckersüßes Püppchen zu spielen, welches stumm ertrug wie blöde Säcke sich an ihrem Arsch nicht satt sehen konnten. Prostitution war in den meisten Slums seit Jahren verboten worden, aber wie es die biochemische Zusammensetzung des Menschen so wollte waren die Verbote eher ein netter Ratschlag. Zwar versuchte der Rat mit regelmäßigen Datenkriegen dem ein Ende zu setzen, nur waren die Attacken machtlos. Zumindest jenseits des zweiten Sektors und unter uns, für so manches Entgeld ließ man sich auch gerne ins Zentrum der Reichen und Schönen schmuggeln…

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