12. Türchen:

7. “Ich würde ihnen gerne die Vorschriften zitieren, aber ich weiß, Sie werden das alles ignorieren.“ -Star Trek XI/ Teil 1

Angespannt trat ich in die grelle Außenwelt hinaus. Hinaus aus dem Schutz des Untergrundes und hinein in die urbane Hässlichkeit des dritten Ringes. Freiheit hin oder her, warum musste meine letzte Chance ausgerechnet sinnbildlich an der Endstation des sozialen Gefüges liegen? Eindeutiger konnte das verfluchte Leben einem auch nicht in den Hintern treten. Aber ich würde meinen Stolz nicht verlieren, selbst hier nicht; in einem Meer aus Müll, alten Leuchtreklamen deren blitzende Kabel in die Gegend stachen und unglaublich viel zersplittertem Glas. Woher das stammte blieb mir ein Rätsel, selbst durch die extra geschliffenen Gläser meiner Maske war es mir nicht möglich irgendwelche Fenster oder Gebäude in Reichweite auszumachen… Das Einzige was vor mir lag war ein sich schier endlos erstreckender Sektorenplatz, der nach römischen Vorbild erbaut worden war. Nun ein römisches Meer aus Müll. Wie lautete noch gleich das Sprichwort mare nostrum? Was wohl „unser Müll“ auf Latein hieß… Die reale Deponie lag zumindest nach offiziellem Plan auf der gegenüberliegenden Seite des Ringes. „Offiziell“ war heutzutage allerdings zu einem sehr dehnbaren Begriff geworden, ebenso wie „legal“ oder „Freundschaft“. Gewundert hätte es mich jedenfalls nicht, wenn unsere Regierung sich spontan dazu entschieden hätte, der Deponie einen kleinen Außenposten zukommen zu lassen, als Präsent für was-auch-immer. Der Vorteil in dieser Region war zumindest, dass es niemanden ernsthaft störte. Viel mehr begrüßten es wohl manche Einwohner, denn neben möglichen erst halb vergammelten Rationen existierten ebenso vielleicht noch nicht vollkommen zerstörte Ausrüstungsgegenstände. Eine Reparatur war meist langwieriger als ein Neukauf, doch sparte es erhebliche finanzielle Belastungen und wie bereits erwähnt legal war mittlerweile relativ. Um ehrlich zu sein schuldete selbst ich solchen Bergen den einen oder anderen Dank, besonders in der nahen Vergangenheit, nach meiner Entlassung um genauer zu werden, waren sie meine Hauptanlaufspunkte gewesen. Durch sie war es mir überhaupt erst möglich mich wieder halbwegs auszurüsten. Man würde meinen, dass staatliche Haftanstalten sich vor Bürokratie kaum retten konnten nur war das wohl in einem anderen Jahrhundert gewesen, denn all meine Sachen waren innerhalb meiner Bedenkzeit entweder eiskalt verschlampt oder geklaut worden. Schadensersatz war übrigens ein Wort, dass quasi auf der roten-Liste der heimischen Linguistik stand. Zwar bekamst du als recht gutbetuchter Bewohner des oberen zweiten Ringes Versicherungen für solche Fälle vorgezeigt, nur deckten die nur ein Bruchteil des Gesamten ab. Wirklichen Schadenersatz bekamst du nur indem du deinem Schädiger ein Auge ausstachst oder ihm etwas anderes klautest. Mittlerweile gab es sogar gewisse feige Menschen, die andere Menschen damit beauftragten für sie selbst diese Drecksarbeit zu erledigen. Solche Menschen waren für mich ein einziges Rätsel. Beauftragten andere Menschen mit Ihren Problemen und gingen darüber hinaus sogar noch das Risiko ein dabei erwischt zu werden. Schlaue Menschen oder Auftragnehmer machten regelmäßige Backups der Kunden, denn solche Informationen lassen sich hervorragend als Kreditkarte für den zweiten Bankautomaten nutzen. Kritisch wird es dann allerdings wenn man zu viel wusste… Zumal ich mir nichts vormachen sollte, im zweiten Ring war ich selten gewesen, Höchstens um meine damaligen schon stinkreichen Mitschüler zu ähm.. nennen wir es von ihrem überflüssigen Kram zu befreien. Unter uns, sie stanken wirklich und zwar anders als wir, statt Müll und Brackwasser nach künstlich-chemischen Himbeeren oder noch schlimmer nach Zuckerwatte. Das Zeug bekamst du selbst mit dem guten Kaffeesatz nicht mehr aus deiner Nase.

Missmutig werdend von den eigens ins Bewusstsein zurückgerufenen Erinnerungen durchwühlte meine Hand abwesend die abgegriffene Patchwork-Leder-Imitation. Ich glaubte zumindest, dass es Leder imitieren sollte, möglicherweise war es sogar „echtes“ Leder. Das würde die fehlenden madenähnlichen Würmer erklären, die sonst an allem halb verbrauchten hingen und schmatzen, alles zersetzten was sich nicht mit Feuer und Haaren retten konnte. Diese konnte man, hatten sie sich erst einmal in etwas verbissen, nicht wie normale Maden abzupfen, auch vielen sie nicht wie Egel herunter. Nein, um sie loszuwerden musste man sie ausbrennen, am besten funktionierten Zigaretten, schön gefüllt mit beißendem japanischen Tabak. Radioaktivität bewirkte Wunder. Nur war ihre Abstinenz damals ein Zeichen für mich gewesen. Wie auch immer, damals unbezahlbar -heute kaum noch einen Cent wert. Wenn man eben zuviel wusste würde man in Zukunft dazu gezwungen werden eben auf solche Müllversammlungen zurück zu greifen. Schließlich konnten selbst zwei Kreditkarten überzogen werden oder gesperrt – für immer und ewig. Glücklicherweise fanden gewisse Dinge sich von ganz allein ohne dass ich etwas großartiges tun musste, außer ein wenig nachhelfen. Eben dieses Nachhelfen hatte mich wohl in die verflixte Kreditkartensituation gebracht. Heute nun, einige Jahre später rettete es mir mein Leben. Ich hatte nicht nur die noch halb funktionierende Gasmaske aus einem vollständig abgefackelten Herd herausgezogen sondern auch noch genießbare Essensrationen sowie meinen von dort an treusten Weggefährten –  meinen völlig analogen Stadtplan.

Zugegeben am Anfang war es recht knifflig mit diesem unhandlichen Fetzen Papier zu gehen und dabei nicht aufzufallen, aber nach einigen Stunden wurde das Einordnen diverser Punkt für mich wesentlich leichter als vorher. Grün stand für einwandfreie Schlafplätze, gelb für mögliche Schlafplätze die allerdings nur mit großer Vorsicht zu genießen waren. Lilafarbene Markierungen standen für verschiedene Versorgungstellen wie Müllberge oder Container und blau war mein heutiger Weg. So neu und rein, das es fast schon wieder stank… natürlich nach Brackwasser und nicht nach Zuckerwatte. Das einzig Positive bis jetzt.

Hier draußen scherte es offensichtlich niemanden. In Anbetracht dessen, dass niemand hier war erschien mir dies als eine relativ einfache Tatsache. Hatte ich gesagt niemand? Nachdem ich die dritte Ecke passiert hatte bemerkte ich eine Art zusammengesetzter Unterschlupf aus unterschiedlichsten Materialen was zur Folge hatte, dass dieses Gebilde mehr nach einem Fliegenpilz als nach einem Heim aussah. Beim Passieren im gebührenden Abstand stellte ich allerdings fest, dass offenbar niemand dieses Bretter-Metall Kunstwerk zu bewohnen schien, laut nun lesbarem Aushang war dies offensichtlich ein Laden, der die wundervollsten Dinge anpries. Durch die bunt anmutenden Flecken neugierig geworden, signalisierte ich per Pupillenbewegung, dass sich mein Sichtfeld doch bitte so vergrößern sollte, dass die Beschriftungen zu erkennen waren: Mohrenköple, Stangeneier, Adukibohnen sowie Fensterblätter wobei ich mir sicher war, dass keine dieser Lebensmittel tatsächlich unter seiner Theke lauerten. Vielmehr waren es entweder Riegel mit den jeweiligen Zusatzstoffen oder passend bemalte Heimware. Original organische Lebensmittel zu finden, insbesondere hier draußen, war schlichtweg unmöglich und damit meine ich wirklich unmöglich. Selbst für den gerissensten aller Jäger war es hier draußen aussichtslos. Was hier regierte waren Rationen und selbst dann nur in toten Briefkästen oder im Inneren von unappetitlichem. Neben dem Eingangstor entdeckte ich nun auch noch eine abgelegte Maske, aber mit eingerissenem Riemen, also nutzlos… Für den Besitzer wohl ebenso. Entweder er hatte bereits eine neue oder ihm waren Kiemen gewachsen mit denen er die Luft filtern konnte. Ich hoffte auf letzteres, denn ohne Maske konnte er mich nicht war genommen haben und Unauffälligkeit war hier trotz offensichtlicher Menschenleere ratsam… Menschen waren nicht die vertretene Hauptrasse…

Advertisements

3 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s