10. Türchen:

55. “Die Heimat liegt nun hinter euch- vor euch die Welt.“ -Der Hobbit/ Teil 6

Zögernd drehte ich mich in Richtung Jack, der kniete mittlerweile fast aufrecht sich auf einen Arm stützend. Der Rest allerdings sah ziemlich ungesund aus. Ganz langsam machte ich einen Schritt in seine Richtung, sollte ich ihm helfen? Wobei… Auf halbem Weg entschied ich mich anders und folgte statt dessen meiner schon fast verschwunden Schwester. Wenn er wollte würde er uns finden. Wie immer…

Sie einzuholen war ein hartes Stück Arbeit wie ich schnell feststellen musste. Ich hoffte sie kannte den Weg, denn so schnell wie sie voran lief würden wir einige Meter aufholen müssen, falls ihr ein Irrtum unterlaufen würde. Warum war sie allerdings sauer auf mich? Hatte ich ihr irgendetwas getan? Nein, sie war die Einzige gewesen, die offenbar sogar noch einigermaßen weich gelandet war. Der Sprung war doch glatter Selbstmord gewesen und hätte sich Jack nicht verletzt hätte er unsere Landung garantiert dazu genutzt um uns auszurauben. Wenn man vom Teufel sprach, wo steckte er überhaupt? Langsam drehte ich meinen Kopf, mit dem Ergebnis das der Schmerz nachließ. Bei Jack sah es wohl anders aus, er befand sich zwar gerade mal mehrere Meter hinter mir nur war mein Zustand wohl nicht vergleichbar mit seinem.  Wobei ich wohl das Ass gezogen hatte und er die Arschkarte. Stark humpelnd, den Arm in einer Schlinge, gebaut aus seinem Mantel sowie den Kopf zum Boden gerichtet, bahnte er sich seinen Weg. „Geh einfach weiter, brauchst keine Rücksicht nehmen“, zischte er im Vorbeigehen.

Entnervt schaute ich ihm eine Weile zu, ihn zu überholen würde mich vielleicht einige Sekunden kosten. Das war die Rache für alles, war er im Zug getan hatte. Normalerweise glaubte ich nicht an Karma, aber es gab wohl doch so etwas ähnliches. Auf Abstand erpicht schlich ich durch das niedrige Unterholz hinter ihm her. Sollte er mir doch eine Schneise bauen. Ich würde mich garantiert nicht abrackern, schon gar nicht für ihn. In weiteren Gedanken versunken setzte ich meinen Weg durch den Wald fort. Dummerweise bemerkte ich den stehen gebliebenen Jack zu spät, denn ich rannte geradewegs in ihn hinein. Das allein war schon schlimm genug nur war er anscheinend so geschwächt dass er nach vorne fiel und markerschütternd aufschrie. Jetzt erschrak ich, was hatte ich getan. Wehe ich müsste ihm helfen. Hilfesuchend schaute ich nach vorne gerade noch so sah ich den Rucksack meiner Schwester hinter einer Gruppe von Bäumen verschwinden…

mehr als „Hilfe“ bracht ich nicht heraus. Inzwischen bewegte sich Jack nicht mehr. Widerwillig stupste ich ihn mit meinem Fuß an. Beweg dich, komm schon… dachte ich nur. Nichts. „Sehe ich so aus als könnte ich irgendwie aufstehen…?“ kam die prompte Antwort. Ich schluckte. „Was hast du angestellt?“ Ich zuckte erschrocken zusammen, Schwesterlein war so leise zurück gekommen das ich sie nicht bemerkt hatte. „Dein Bruderherz will mich umbringen..“ scherzte er eher halbherzig. Nur merkte man dass selbst reden ihm schwer fiel. „Scheiße!“, stieß meine Schwester lediglich aus. „Helfen wolltest du ihm anscheinend nicht?!“, fauchte mich meine Schwester an. „Ich wusste nicht wie“…, gestand ich aufrichtig. Alleine hätte ich ihn nicht heben können. „Du auf die eine Seite ich auf die andere. Auf drei“, ordnete sie an. „Ähm warte- “ setzte ich an, doch da stemmte sie ihn bereits hoch und machte mir mit einer Kopfbewegung klipp und klar zu verstehen, dass ich jetzt nicht widersprechen wollte. Wortlos folgte ich ihrem Beispiel. Mit einem Ächtzen unsererseits und einem kurzen Knurren Jack´s hievten wir ihn wieder auf seine zwei Füße. Nun gestaltete sich das nächste Problem. So wie er zitterte konnte er nicht lange so weiter gehen. „Wie weit ist es eigentlich noch?“, fragte ich hoffnungsvoll… „Vi-le Kilo-meter“ , stieß Jack zwischen Atemstößen hervor. „Na dann los, je schneller wir dort sind desto schneller kann man dir helfen.“ Er zog die Nase kraus, ähnlich tat ich es. Freude sah anders aus. „Und je schneller seid ihr euch los. Also reißt euch zusammen.“, ergänzte sie. Zähneknirschend setzte ich mich in Bewegung. An ihrer Argumentation war etwas dran, dass konnte ich nicht widerlegen. Der Rest des Weges schwiegen wir, weder ich noch Jack murrten. Ich trug ihn mit der Zeit immer mehr allein da meine Schwester derweil uns den Weg bahnte und er selbst versuchte so wenig meine Hilfe zu beanspruchen wie es ihm möglich war. Ich merkte wie es ihn wurmte doch ging ich nicht drauf ein… Zu erschöpft war ich von den letzen Stunden gewesen. Mein Körper schmerzte immer noch und meine Laune war nicht mehr vorhanden. Ich kam mir vor wie ein Zombie. Für mich stand folgendes fest. Ich würde alles dafür tun nicht so zu enden. „Du hattest recht“, meinte ich nur. “Dein Leben ist beschießen, ich will ins Bett oder sterben. Jetzt “ Letzteres war eher sarkastisch gewesen, nur lachte keiner von uns beiden. Mein Schwester bemerkte es wohl nicht oder ignorierte es gekonnt. „Erfrieren…. ist nicht der schlech-teste Tod… Hättest mi-ch auch dort lie-gen lassen kön…nen“ nuschelte er zurück. „Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?“ ,verärgert stoppten meine Beine. Was tat ich hier eigentlich? Ich unterhielt mich mit dem größten Schwachkopf der Welt während ich ihn mittlerweile trug, fast wie einen Kartoffelsack über der Schulter. Schmerz verband wohl, denn nach den ersten Kilometern war mir alles gleichgültig. „Und?“, mittlerweile musste ich zugeben irgendwie interessierte mich die Antwort. Bloßes Schulterzucken. „Ungestraft… kom-mst du mir nicht… davon…“, murmelt er wieder. An seiner Reaktion bemerkte ich, dass es wohl höchste Eisenbahn war. Eiliger als vorher setzte ich meinen Gang fort. In welche Stadt hatte uns Jack wohl gebracht. Wahrscheinlich in eine ebenso kleine wie unsere Heimat. Erst jetzt bemerkte ich, dass sich so langsam die Bäume lichteten. So kam nicht nur mein Familienmitglied ins Blickfeld sondern ebenso ein sehr großes und unübersehbares Straßenschild. Ich kniff die Augen zusammen, der Schweiß der letzen Stunden hatten meine Wimpern komplett verklebt. Nur was ich definitiv erkannte war das fetteste Grinsen meiner Schwester, was ich je gesehen hatte. Die letzten Meter fing ich an zu rennen, Jack auf dem Rücken war mir egal, außerdem erfolgte keinen Widerstand von ihm, sodass ich die letzen Schritte quasi sprintete. Widerstand leistete er zumindest nicht. Jetzt wollte ich es erst recht wissen. Sobald ich die Schrift einigermaßen entziffern konnte verlangsamte ich meinen Tritt und erstarrte: Rahnsdorf- Berlin.

„Berlin?!“ völlig außer Atmen sowie fassungslos, blieb ich stehen und ließ Jack los.  Wir waren in Berlin?! Berlin? Das hieß: wir hatten Polen in gut einem Tag durchquert und wir waren in Deutschland. Ich konnte es kaum fassen. „Bist du verrückt geworden?“, konstatiert drehte ich mich um und schaute zu Boden. Jack lag noch genauso da wie wohl gefallen, aber er lachte. Der Typ lachte mich an. „Wir können noch nicht einmal Deutsch!“, stieß ich weiter aus.

Wie sollten wir hier leben? „Berlin“, flüsterte ich immer noch fassungslos. Mindestens fünf einmal hintereinander. Das war unglaublich. Nur dann gefror mir das Blut in den Adern. „Äh… was ist mit unseren Papieren?“  „Liegen bei der Post…“, kam die Information von hinten. „Hinterlegt auf eure Namen…“ „Unseren echten?“, fragte ich misstrauisch nach. Jacks Stimme gewann wieder an Festigkeit „Nein, auf Weihnachtsmann und Elfe“, er verdrehte die Augen.

„Und was ist mit dir?“, hakte meine Schwester nach. „Er meinte wir könnten ihn hier liegen lassen, eigentlich hätten wir dass schon im Wald tun sollen.“, meinte ich mehr sarkastisch. Doch Jack schien die Idee wohl gar nicht so schlecht zu finden. „Ich sollte euch in die Stadt bringen, dass habe ich hiermit getan. Ab jetzt seid ihr auf euch allein gestellt.“, warf Jack ein.

„Dein Ernst?! Das können wir nicht machen…“, hielt meine Schwester dagegen. „Du kannst kaum laufen!“ Bei den Worten lachte Jack. „Der Milchmann dreht abends hier seine Runden, in zwei Stunden sammelt er mich auf…. Es wäre auch für euch nicht förderlich mit mir gesehen zu werden.“ „Dann setzt dich zumindest an den Rand“, forderte meine Schwester mit hochgezogener Braue – wirklich glauben wollte sie ihm nicht… Schnaubend drehte sich Jack auf den Rücken. Anschließend schob er sich mit dem einen Bein nach hinten gen Straßenschild und lehnte sich dagegen. „Genehm? Jetzt verwindet.“, leicht entnervt schaute er uns zwei an. Ich völlig durchgefroren sowie verschwitzt und verdreckt mit Erde oder Essensresten. Meine Schwester voller Laub und klitschnassen Hosenbeinen durch den durchgeweichten Boden.

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