9. Türchen:

55. “Die Heimat liegt nun hinter euch- vor euch die Welt.“ -Der Hobbit/ Teil 5

So nah hatte ich ihn ungern, denn anscheinend hatte Herr Grisgram die Dunkelheit satt und saß uns nun gegenüber in voll aufgedrehtem Lichtkegel. „Eine gute Erziehung hätte dir vielleicht auch ganz gut getan“, setze ich hinzu und merkte sofort, dass ich mich mal wieder im Ton vergriffen hatte. Dieses Mal allerdings nicht an Jacks Reaktion sondern an dem Gefühl des starren Blicks meiner Schwester. Nur noch der Blick des Oberwachtmeisters war schlimmer. Wobei mir dort eher vor den Folgen gegraut hatte. Nicht vor ihm selbst. Er selbst war bloß ein griesgrämiges, kleinwüchsiges, viel zu dickes Wichtlein gewesen. Eine weitere Marionette des hierarchischen Systems der Regierung.

Ich sah wieder hoch und diesmal ihm fest in die Augen und starrte, er starrte zurück. Seine Augen waren fast schwarz, aber dass lag vermutlich eher an seiner Kapuze als an seinen.… Zigaretten.

Plötzlich wandte er sich ab, stand ruckartig auf riss uns das Blech aus der Hand und packte die leeren Dosen zurück in die Kiste. Weshalb er die leeren Konserven wieder dorthin zurück packte verstand ich nicht. Sie würden den Unterschied sowie so beim Ausladen bemerken. Anschließend machte er sich am Schloss zu schaffen, ähnlich wie meine Schwester bis vor einigen Stunden. Dann mit einem Ruck schob er die Tür zur Seite und in der Sekunde pfiff uns der Fahrtwind um die Ohren und ein ohrenbetäubendes Kreischen der drehenden Räder über den Schienen erklang. „Alé hopp raus mit euch!“, rief Jack und machte den Spalt noch größer. Mein einziges Familienmitglied regte sich als erstes und kroch auf allen vieren auf die Tür zu. „Wenn der Zug anfängt zu bremsen“, erwiderte sie und streckte misstrauisch den Kopf nach vorn sodass sie kurz vor Wagonkante nach draußen spähen konnte. Ich krabbelte ebenso lächerlich auf ihre Höhe. Sich hinzustellen ohne Hilfe wäre aber unmöglich. „Willst du uns Tod sehen?“, für ihn wäre es das reinste Fest. Essen, Trinken, Kleider alles im Rucksack mit dabei. Nebenbei die Leichen zweier entlaufender Kinder interessierte die Gesellschaft reichlich wenig.

„Da vorne kommt ein kurzer Acker, dort abspringen“, rief Jack über den Fahrtwind weg. Ich schob den Kiefer vor, nein nicht mit mir ich würde nicht springen. Garantiert nicht, ich war doch nicht völlig dumm. Meine Schwester sah das wohl anders, denn sie grinste wie ein Honigkuchenpferd. Furchtlos war ihr zweiter Vorname. Sprichwörtlich.

Auf einmal fiel mir die nächtliche Begegnung mit dem Schild ein, wenn ich schon gemeuchelt werden sollte wollte ich zumindest Gewissheit haben mich nicht getäuscht zu haben. Doch nun im Tageslicht sah ich nichts, gar nichts. Nichts außer Kisten und leere Holzwände. Gruselig, ich erschauderte. Offenbar war ich wohl gestern etwas neben mir gewesen. Stichwort: Zigarette.

Gerade als ich meine Bedenken gegenüber meiner Schwester diesbezüglich meiner Falltheorie unterbreiten konnte rauschte das Ende des Geröllhanges an uns vorbei und die dahinsausenden braunen Schlieren des Ackers erschienen unter uns. Dann bevor ich meiner Schwester am Arm festhalten konnte sprang sie auf ihre Füße und dann nach vorn. Sobald sie den Wagon verlassen hatte verschwand sie aus meinem Blickfeld und ward nie mehr gesehen. „Junge spring!“, schrie Jack. „Vergiss es“, schrie ich zurück. Lieber ließ ich mich verhaften oder rannte abermals drei wenn nötig sieben Kilometer vor der Bahnhofswache weg als bei gefühlten 100km/h aus dem Zug zu springen. Eiskalt, wich ich mehrere Schritt zurück, immer noch auf allen vieren. „Du Vollpfosten, jetzt spring!“, fluchte Jack noch lauter. „Spring du doch zuerst“ brüllte ich zurück. „Spring doch einfach du Dummkopf!“ keifte er jetzr. Ich schaute nach vorn aus dem Wagon heraus. Dort vorne endete der Acker und die Steine setzten sich weiter fort, wenn ich es bis dorthin durchhielt ihm stand zu halten könnte ich mich retten. Schade um meine Schwester…. Wütend über ihre Naivität seiner Abgebrühtheit wich ich noch einen weiteren Schritt ins Innere zurück und schüttelte energischst den Kopf. Ich sah gerade noch wie er aufstöhnte, dann ging alles ganz schnell er schnellte zu mir packte mich an der Schulter und riss mich von den Füßen um mich dann verdammt grob nach vorn zu stoßen. Völlig überrascht sah ich den Wagon an mir vorüber ziehen und dann wie in Zeitlupe den immer näher kommenden Boden. Was hatte Jack getan?! Mir wurde bewusst egal wie sehr ich mich versuchte abzufangen, die Zeitspanne bis zum Aufprall wäre zu kurz und damit kam der Schmerz und die Schwärze.

Nur blieb der Schmerz nicht am Hinterkopf sondern konzentrierte sich hauptsächlich auf meine linke Gesichtshälfte insbesondere Wange. „Du Schwachkopf“, drang es zu mir hindurch und der Schmerz potenzierte sich. Reflexartig rissen sich meine Augen quasi von selbst auf und sahen geradewegs in ein anderes nur hasserfüllteres Paar Augen.. „Hör auf, er ist wach!“, hörte ich eine drohende Stimme vor mir. Dann folgte nochmal ein Schmerz, schlimmer als beide Male zuvor. Erneutes aufschreien meinerseits. Meine Wange war kurz vorm explodieren. „Ich sagte stopp“, kam es wieder von weiter weg. Erfolglos versuchte ich den Kopf zu drehen, mehr als wackeln war im Moment noch nicht drin. Was war, wenn ich nun gelähmt war? Nein, dass konnte nicht sein. Nicht mit den Ganzkörperschmerzen. Dann, ohne großartig etwas getan zu haben, erklang ein weiterer Schmerzensschrei nur war es diesmal nicht meiner. Bei dem Gedanken das es Jack getroffen haben musste verzogen sich meine Mundwinkel. Ob wir wohl nah genug am Bahnhof waren, dass uns sämtliche Einwohner hörten. Vermutlich dachten sie ein paar Wilde würden sich gegenseitig abstechen. Zu neugierig um still zu halten presste ich ganz fest die Zähne aufeinander und drehte den Kopf. Nach den ersten Sekunden verging der Schmerz. Glück gehabt, zumindest schien nichts gebrochen. Glücklicherweise barg der Acker keinen einzigen Grashalm und so sah ich gerade noch wie meine Schwester die Hand zurück zog und Jack zu Boden stürzt und liegen blieb. Stöhnend. Irgendwie sah das Bild schon skurril aus ein schwarzer Hüne am Boden und ein kleines Mädchen sich über ihn beugend und böse anstarrend. „Ich sagte nur bis er wach ist! Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen. Dann sprang sie über ihn hin und marschierte geradewegs auf mich zu, amüsiert sah sie allerdings nicht aus. Ihre Schritte dröhnten in meinen Ohren. „Aua…“, jammerte ich. Mir tat nun nicht mehr alles weh sondern langsam gefroren mir meine Beine. Der Ackerboden war eiskalt.  „Und du,“ meine Schwester zeigte direkt zwischen meine Augen und stand direkt über meinem Kopf. „…bist wirklich der dümmste Mensch auf Erden. Sei froh, dass Jack überlebt hat sonst hätten wir jetzt eine Leiche am Start, Bruderherz. Er wusste was er tat. Er will uns helfen okay?!“ „Du hast mir gar nichts zu sagen…“ zischte ich ihr entgegen und drehte beleidigt den Kopf in die andere Richtung. Hätte ich das bloß nicht getan, ein abermaliger Schmerz durchzuckte meinen Nacken. Erst dann viel mir auf wie nah ich eigentlich am Geröllhang lag. Innerlich seufzte ich erleichtert auf, dass nannte ich gutes Timing. Nur… für mich war noch genug Platz gewesen für Jack war es wohl knapp gewesen oder zu knapp. Automatisch schielte ich wieder nach links. Meine Schwester stand immer noch in derselben Position wie eben und starrte mich ebenso steinern an.

„So, jetzt reißt du dich gefälligst zusammen und stehst auf. Ich weiß nämlich nicht wie du das siehst, aber ich will noch vor Abend in der Stadt sein“, mit diesen Worten stieg sie achtlos über mich hinweg verpasste mir wohl versehentlich noch einen Tritt in die Seite und stapfte gen Horizont. „Hey“, rief ich ihr hinterher, aber sie stapfte knallhart weiter. Ächzend richtete ich mich auf, mein Körper brannte noch immer überall. Vor allem meine linke Gesichtshälfte…

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