6. Türchen:

55. “Die Heimat liegt nun hinter euch- vor euch die Welt.“ -Der Hobbit/ Teil 2

Bevor der Abhang mir die Sicht wieder versperrte sah ich wie in den rechten beiden Schlafsälen das Licht anging. Ich riss mich los und sprintete davon. Verdutzt blieb meine Schwester stehen was ist denn mit dir los „Licht, sie haben licht gemacht lauf“ schrie ich nun gar nicht mehr leise und wurde schneller.

Drei Kilometer noch vor uns. Verdammte – drei – Kilometer. An denen sollte es nicht scheitern. An mehr als wir rannten kann ich mich bis heute nicht erinnern. Ich weiß nur, dass ich wohl mehrere Male gestolpert sein muss, denn als ich am Zug ankam war meine Hose voller Löcher und meine Schienbeine bestanden aus blutigen Schrammen ähnlich wie meine Handballen. Schwesterchen erging es nicht besser auch wenn sie es nie zugeben hatte. Der Rucksack hätte uns fast den Kopf gekostet als sie beinah ins Eis eingebrochen wäre, da wir unter der dicken Laubschicht den kleinen Bach nicht gesehen hatten. Gott sei Dank war sie gerade noch so ans Ufer gesprungen. So hatten wir zwar beide klitschnasse Füße doch konnte die Jagd weiter gehen. Weit entfernt hörten wir das jaulen, das jaulen der Bloodhaunds. Der besten des Landes aber wir waren schneller. Schließlich sahen wir die ersten Häuser des Dorfes. Endlich dämmert mir auch was sie mit dem Dorf gemeint hatte. Es war die Häuseransammlung neben dem Rangierbahnhof, von dem aus die einzelnen Zugführer täglich zu ihren mobilen Maschinen entschwanden. Augenblicklich verlangsamten wir unser Tempo und auch wenn unsere Lungen brannten wollten wir keine Luft holen. Das Risiko erwisch zu werden war jetzt schon zu groß. Schließlich wusste jeder in diesem Landstrich was das Jaulen von Hunden zu bedeuteten hatte. Entweder Wölfe oder potenzielle Verbrecher. Beide galten als vogelfrei. Freiheit war wohl doch nicht so süß wie ich immer geträumt hatte.

„Habt euch Zeit gelassen, was?“ Jack stand seelenruhig am Zaun, in demselben schwarzen Mantel gekleidet wie meine Schwester. Seiner Stimme nach zu urteilen freute er sich höhnisch über das immer näher kommende Bellen. „Wir?! Naja der Träumer…“ prompt bekam ich einen freundlichen Schlag in die Milz. „Das Schloss hat auch länger als 30 Sekunden gedauert“, antwortete ich lediglich mit zusammengebissenen Zähnen. Mir war schlecht, der Schweiß rann an mir herunter, mein Puls drohte über mich hinaus zu wachsen und jenseits der 250 stehen zu bleiben. „Fürs Rechtfertigen habt ihr gleich genug Zeit, erst einmal muss ich euch hier rausschaffen…Sonst wird’s ekelig“ , bei den letzen drei Wörtern lachte er leise und bevor ich mich auch nur fragen konnte drehte er sich ein Stück in Richtung Zaun und ich sah gerade noch so etwas metallenes an seinem Gürtel aufblitzen. Der hatte doch wohl nicht…

Elegant und leise wie ein Panther erklomm er mit seinen schweren Stiefeln den Maschendrahtzaun, die Hunde völlig ignorierend. „Ich schätze auf drei Kilometer“, meinte er nur als er auf der anderen Seite ebenso lautlos auskam. Dann war ich an der Reihe zusammen mit meiner Schwester, nur war sie wesentlich eleganter oben als ich. Ich glich mehr einem behinderten Orang-Utan der sich mit allerletzer Kraft irgendwo hochzog damit er nicht von irgendwelchen Jagdhundmutanten zerfleischt würde. Oben angekommen ließ ich mich einfach nur fallen und landete hart. „Aua!“ entfuhr es mir laut, sofort zuckte ich zusammen und schaute um mich. Mein Knöchel schmerzte und Jack antworte mit „Vollidiot“ dann drehte er sich um und rannte los.

Noch ehe wir am Wagon ankommen konnten kam ein weiterer Zaun in Sicht. Mittlerweile dämmerte es und ich erkannte auch ohne Wald dass dieser Zaun ganz klar das Gefahrenschild für Explosivstoffe trug. „Ähh.. sind wir hier richtig“ „Klappe, knurrte Jack und schob einige Dielen zur Seite. Dahinter kam ein Loch zum Vorschein, eilends schob meine Schwester den Rucksack hindurch und sich gleich hinterher. Widerstrebend ließ ich mich auf die Knie nieder, ob ich da durch passte? Das Loch war doch relativ klein. „Musst schon kriechen“, murrte Jack. Widerwillig ließ ich much auf den Bauch fallen. Verdammt tat das weh. Meine Schienbeine hämmerten – ebenso meine Handballen. Normal waren wir wohl definitiv nicht. Jack schon gar nicht.

Mit diesen Gedanken und Fluchen auf eine gewisse Person schob ich mich durch die Lücke. Stück für Stück. Dann hieß es wieder aufstehen. Hoffnungsvoll klopfte ich mir den Dreck von den Resten meiner Hose. „Spar dir die Mühe, ihr werdet so oder so dreckig“, schnauzte mich Jack an. Er selbst hangelte sich abermals am Zaun hoch und sprang mit einem so kräftigen Satz nach oben, dass er es tatsächlich über den Stacheldraht schaffte. Spätestens jetzt stand für mich fest, dass Jack kein bloßer Landstreicher war, wie es meine Schwester mir immer erzählt hatte.

„Wo lang?“,murrte ich. Mir war klar, dass die zwei etwas vor mir verheimlichten und dass gefiel mir gar nicht.  Da ich nun wusste, dass er bewaffnet war und so ruhig wie er nach den Hunden lauschte vermute ich, besaß ernicht nur einen Revolver. Noch einen Kilometer, er sah sich um… dann wandte er sich nach schräg links und schlängelte sich zwischen diversen Gütern, Dampflokomotiven und Wagons hindurch. Wir folgten ihm leise. Mit der Dämmerung wurde die Wahrscheinlichkeit größer einem überpünktlichen Zugführer in die Arme zu laufen. Aber wir hatten Glück. Nach bereits drei Gleisen blieb Jack stehen und schob eine rostige Tür geräuschvoll auf. „Los, los, los rein da“… Erstaunt über das plötzliche Tempo folgte ich widerstandslos und saß prompt im Dunkeln, als Jack die Tür zuknallte. Sekunden später wusste ich auch weshalb er es so heilig gehabt hatte. nicht nur das sich der gesamte Untergrund plötzlich mit einem Ruck in Bewegung setzte, nein auch erklang plötzlich ein riesiger Knall und ich wurde in die Waagerechte katapultiert.

„Keine Angst, Stinkbombe. Verwischt lediglich Gerüche“… „und bricht Knochen“, witzelte ich trocken. Spätestens jetzt musste ihm klar sein, dass ich ihn trotz Fluchthilfe immer noch nicht mehr schätze als vor einem Jahr, an dem ihn meine Schwester aus der Scheune gerettet hatte.

Außer seinem Namen wusste ich nichts von ihm, selbst über diverse Gefängniswärter war mehr heraus zu bekommen als über ihn. Ihm zu vertrauen war mehr als dumm, aber was war uns übrig geblieben. Mit der Volljährigkeit in ein größeres Lager verlegt zu werden um weiter „verbessert“ zu werden oder aus dem gesamten Land zu verschwinden?

Meinem eben sehr gelungenen Witz wie ich fand, ignorierend, zündete er eine alte Bergarbeiterlampe an und ließ sich mit anmutiger Drehung auf dem Boden nieder direkt vor einem Haufen Holzkisten. Dann hob er den Kopf „Meine Dame“, er wandte sich meiner Schwester zu, die immer noch auf ihren Füßen stand den Rucksack in ihren Kniekehlen hängend, „und dem verehrten Herr „hier sehen sie ihre Mitfahrgelegenheit“ statt mich anzuschauen schwenkte er die Lampe in einem Halbkreis vor sich her, sodass kurz der gesamte Wagon zu erkennen war. „Eingestiegen seid ihr ja schon, jetzt heißt es nur noch Fresse halten und schlafen“. Damit drehte er das Blechstück der Lampe vor die Glühbirne so, dass ich angestrahlt wurde und sein Gesicht im Dunkeln befand. Reizend. Ich brummte und kniff geblendet die Augen zusammen sagte aber nichts. Auf eine weitere Diskussion hatte ich keine Lust, dafür war mein Körper und Geist definitiv zu ausgelaugt.

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