4. Türchen:

10. „Mir geht gleich der Hut hoch junger Mann!“ -Charlie und die Schokoladenfabrik/ Teil 4

Gut, es stimmte zwar was ich gesagt hatte, aber ich hatte mir eigentlich vorgenommen meinen Vorsatz heute treu zu bleiben. Warum konnte ich nicht einmal in meinem Leben meine Klappe halten. Ich bemerkte wie Marek hinter mir einen Lachkrampf zu unterdrücken versuchte. Er fand das wohl als einziger unglaublich komisch. Der Junge neben mir rutschte eilig so weit es geht von mir weg, als ob ich gerade mit einer tödlichen Krankheit infiziert worden wäre. Die Aufmerksamkeit Gromows nach einer Provokation konnte man deutlich dazu zählen.

Dazu konnte eigentlich es auch nicht zulassen, dass dieser eitle Wirrkopf den jüngeren unter uns falsches Wissen und vokalem falschen Sprachgebrauch vermittelte, Provokation hin oder her. Mein Vater würde es hoffentlich verstehen. Meine Mutter vermutlich weniger. Dennoch… das könnte nun besonders heikel werden. In Stockstarre versetzt, wartete ich vorsichtshalber. Vielleicht könnte ich doch noch unsichtbar werden und –  es schien sogar zu funktionieren zumindest hatte es den Anschein, dass er meine Anmerkung gar nicht gehört hatte. Ich wartete noch einige Sekunden, dann plötzlich in dem Moment in dem ich wieder meinen Atlas hochnehmen wollte drehte sich Herr G. abrupt um und steuerte auf mich zu, wie ein Abrissbirne, dem Horror entgegenblickend, begannen meine Hände plötzlich zu zittern. Das Lächeln war kein zähnefletschen mehr sondern der Ausdruck purer Wut und Mordlust. Bei mir angekommen beugte er sich zu mir hinunter und blieb genau zwei Zentimeter vor meinen Gesicht stehen und starrte mir in die Augen. Ich begann wie wild zu zwinkern. Mein gesamter Körper signalisiert meinem Geiste: Flucht! Nur war das leichter gesagt als getan. Trotz Adrenalienschocks konnte ich mich nicht mehr bewegen. „Mir geht gleich der Hut hoch junger Mann!“. Das erste Mal in meiner Schullaufbahn nannte er jemanden von uns „junger Mann“…. Ich war geliefert.

Ich versuchte meine Angst zu verstecken und das Zittern zu unterdrücken. Gnade mir Mutter. Ich strafte die Lippen „Aber Sie tragen doch heute gar keinen Hut“, konterte ich und versuchte zu lächeln. Alles wollte ich damit sagen, dass alles doch bloss eine kleine Fallstudie gewesen sei und ich das vorhin ausgesprochene gar nicht ernst gemeint gewesen war.

Warum konnte ich mein loses Mundwerk auch nicht halten…

Gromows wutentbrannte Fratze nahm nun nicht mehr menschliche Züge an, statt rot erblasste er heftigst. So weiß konnte selbst ein Patient mit einer ischämischen Herzkrankheit nicht mehr werden doch im Gegensatz zu einem schwer Kranken knurrte er mir nur noch einen halben Zentimeter von meiner Nasenspitze entfernt ins Gesicht:

„Herr Jovanov raus. Sie sind suspendiert…“ damit knallte er seinen Stock auf meinen Tisch sodass mir einige Holzsplitter ins Gesicht spritzen und ich sein fieses Brennen verspürte. Einer traf genau an meine Augenbraue. Ein abermaliges Brennen… dieses Mal deutlich stärker.

Doch anstatt aufzuspringen und rauszurennen, wie meine sterbliche Hülle es mir befahl, stand ich ganz ganz langsam auf, versuchte so wenig wie möglich zu zittern und stütze mich würde zu bewahren meine Sachen zu packen. Meine Lubrical Muskeln hatten sich zwar nun erholt doch statt dessen fühlten sich meine Quadrizeps sowohl als auch mein Semitendinosis wie Pudding an… Ich griff gerade nach meinen Atlas, als ich nur einen Luftzug spürte und dann das unangenehme Brennen seit dem Augenblick, als ich in das Brennesselbeet meiner Baba gefallen war. Ich biss die Zähne aufeinander, mein Kiefer spannte. Nicht schreien, ich durfte ihm nicht die Genugtuung geben zu schreien. „Den lassen Sie höflicherweise hier!“ zischte er abermals. Ich nickte bloß, umso besser mit einer Hand hätte ich ihn auch nicht tragen können.

Mittlerweile stiegen mir reflexartig die Tränen in die Augen. Ich musste hier raus. Nun reagierte meinen Körper wieder. Meine Muskeln verfestigten sich, der Schlag war wohl das was ich gebraucht hatte, um Rezeptoren zu reanimieren.

Also trat ich den allzu bekannten Weg durch die Schulkorridore an. Der arme Marek musste heute wohl den gesamten Tag alleine durchstehen, es sei denn, er ließ sich auch  etwas zu Schulden kommen lassen. Jedoch dreimal hintereinander provoziert zu werden, dass würde selbst Marek bei Gromow nicht wagen. Zu gefährlich, da konnte man gleich lieber in ein Sperrfeuer springen.

Die Zimmertüre des Direktors war aus schwerem, dunkelbraunen Eichenholz, das über die Jahre arg gelitten hatte. Hier und da war der Lack abgeplatzt und die Ecken lagen brach, ohne obere schützende Farbschicht. Wie die frisch bestellten Felder der Bauern hinterm Dorf im Frühling, wenn sie noch nicht gesät hatten oder ein weiterer Vergleich wie ich. Ich lag auch brach, schutzlos vor dessen was mich darin, in der Höhle des Homo sapiens erwartete.

Zaghaft klopfte ich an der Tür, sie klang hohl und dumpf zugleich. Das Nachhallen wurde leiser, ich wartete…. Schließlich erklang eine dumpfes „Herein“.

„Ach Semjon schon so früh? Es ist noch nicht einmal die erste Stunde vergangen. Möchtest du bei mir einziehen?“ fragte mein Rektor mit einem belustigten Unterton. „Entschuldigen Sie, aber ich schlafe daheim ganz hervorragend“. Seine Mundwinkel zuckten ein kleines Stückchen. Huschte dort ein Schmunzeln über die Lippen des Direktors, oder hatte ich mich da getäuscht? Vielleicht war es auch nur eine Lichtspiegelung gewesen, ein Spiel zwischen Licht und Schatten was einem an manche. Gagen solch elendige Streiche spielt, so dass man sich von der Natur zum Narren halten ließ, doch sofort verfinsterte sich seine Mine. „Was war es diesmal?“ fragte er nur und zündete sich eine Zigarette an. Dem Geruch nach zu urteilen war es nicht seine erste heute, ich vermutete dass Zoja ihm schon ganz schon etwas abverlangt hatte.

Da ich nicht wirklich eine Wahl hatte, begann ich zu erzählen von Anfang an wobei es nicht viel zu erzählen gab… Meinen Morgen sowie die Schminkorgie ließ ich lieber außer acht.

Geduldig hörte er zu und nickte hin und wieder… unser Herr war kein cholerischer oder gar böser Mann, aber er besaß gewisse Grundsätze. Darüber hinaus hegte er eine bemerkenswerte Strenge, dies zeigte sich in seinem chronischen Nichtlächelns.

 

Bedauerlich, aber vielleicht würde der Direktor auf seine alten Tage ja noch weicher. Als ich mit meinen Worten geendet hatte herrschte Stille, aber leider war es die Sorte von Stille die Angespanntheit, Peinlichkeit oder Stress verursachte. Nach weiteren Sekunden, meine Hände fingen wieder an zu schwitzen, seufzte mein Gegenüber lediglich und blies nachdenklich einen Rauchring gen Zimmerdecke, dann lehnte er sich in seinen Lehnstuhl zurück und schüttelte nur ratlos den Kopf. „Was soll ich bloß mit dir machen, dass du solche Wiederworte gibst, ganz deines Vaterslinie. Unglaublich“ er schüttelte missbilligend den Kopf. Anschliessend sah er mich ernst an. „Leider kann ich dich weder in eine andere Klasse versetzen lassen noch Herrn Gromow entlassen und eigentlich müsste ich dich jetzt suspendieren… Wie Fräulein Moravac. Doch sie tauchte noch nicht einmal hier auf.“

Verblüfft starrte ich ihn an.. „Zoja ist nicht…?“ Abermals schüttelte er den Kopf und an seiner Art wie er es diesmal tat wurde mir bewusst, dass ihn nun niemand stören sollte… Er musste denken… abrupt stand er auf und schritt zu seinem Bücherschrank, sein Finger glitt suchend die unterschiedlich großen Buchrücken entlang. Die wenigsten konnte ich lesen. Gespannt verfolgte ich seine kleine Wanderung durch seine literarischen Schätze als sein Finger an einem hellblauen braun gemusterten Leineneinband angekommen war. Dort stoppte er so plötzlich wie er vor einigen Sekunden aufgesprungen war. Dann zog er das Buch heraus. Wollte er mir auch diesmal wieder zu lesen geben? In dem Moment als er das Buch aus dem Regal zog benötigte er seine beiden Hände, so viel Masse schien es zu besitzen, dann wuchtete er es auf die Arbeitsplatte vor mir. Dieses Buch war noch dicker als alle anderen, die ich vorher jemals gelesen hatte oder lesen musste. Mindestens 1000 Seite, ein Wahnsinn. Der Direktor ließ es in meine Arme fallen, ich musste die Wucht mit meinen gesamten Körper ausgleichen um es nicht fallen zu lassen, so schwer war es. „Nun bis nächsten Dienstag möchte ich, dass du mir dieses Buch durchließt und danach mir einen mindestens 500 Seiten langen Aufsatz dieses Werkes verfasst. So und jetzt scher dich nach Hause, zum Teufel, die Zeit wirst du brauchen.“ Damit öffnete er die Tür und gab mir zu verstehen dass ich nun besser verschwinden sollte. Ich schaute nur auf das Buch und schluckte: „Aber dieses Buch. Es ist viel zu dick“.

Rektor nickte: „Du solltest dich eben beeilen, sonst reicht die Zeit nicht mehr. Ich denke es ist besser als ein Verweis.“ Mit diesen Worten schob er mich über die Schwelle und schlug energisch die Tür hinter mir  zu. Ich drehte mich um. Mir war immer noch unklar, was passieren würde ,wenn ich die Aufgabe nicht schaffte. Andererseits, ich stockte… Dann viel mein Blick auf den Titel des Buches, der in breiten Lederbuchstaben in den Einband gestanzt war. Silberne Farbe hatte sich an den Rändern festgesetzt und gab dem Buch so ein noch älteres Aussehen als es vermutlich war: „Die Nebel von Avalon“. Verblüfft zog ich die Augenbrauen hoch. König Artus? Gerade kehrte ich meine noch übrige Zeit ins Vergnügen um, zumindest Versprach ich mir dies. Mit einem Lächeln machte ich mich auf den Weg zum Ausgang. Auf dem Rückweg kam mir eine allzu bekannte Gestalt entgegen. Marek. „Was machst du denn hier?“, fragte ich erstaunt. „Mir eine neue Hauslektüre abholen“, er grinste, „Herr Ibrahimovic mag es doch nicht, wenn man ungefragt auf dem Barren herumturnt. Außerdem ist es so langweilig ohne euch“. Und damit verschwand er lachend, rückwärts laufend im Nebengang.

Ende

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