2. Türchen:

10. „Mir geht gleich der Hut hoch junger Mann!“ -Charlie und die Schokoladenfabrik/ Teil 2

Mittlerweile mehr panisch als besonnen und auf Ordnung bedacht warf ich nun meine spärliche Kleiderauswahl in einer perfekt geformten Parabel hinter mich auf den Pseudopermafrostboden meines Zimmers. Doch egal wie intensiv ich suchte das Shirt blieb unauffindbar.

Immer noch stets auf Abhilfe hoffend fing ich an mich wie die Derwische im Kreis zu drehen, dank fehlender Balance allerdings nur auf beiden Beine statt auf einem. Immer schneller und schneller drehte ich mich bis mein Blickfeld schon anfing zu verschwimmen, als ich gerade noch so im Augenwinkel einen moosgrünen Haufen erblickte. Ein noch nicht von frischer Farbe beflecktes Shirt, der helle Wahn. Kurzärmlig und mit verwaschenem schwarz-weiß Muster. Besser als nichts, obwohl die kurzen Arme mir heute noch vermutlich eine ordentliche Gänsehaut verpassen würde.

Ich lauschte erneut, meine Mutter musste wohl mein Dielenknarren gehört haben, denn unten klapperte sie statt mit dem Blecheimer nur mit unserem Geschirr. Ein klares Zeichen, dass die Gefahr gebannt worden war… zumindest diese, denn als ich etwas lauter als nötig die Stufen hinunter polterte traf mich fast eines der Kissen meiner Schwester „Geht’s noch lauter?!“ wurde die Attacke kommentiert Ich murmelte ein zustimmendes „Ja“, doch allzu laut wagte ich es nicht zu rufen.

Gegen zwei Frauen war ich alleine machtlos und ich war mir sicher, dass der Eimer immer noch gefüllt in der Spüle stand, nur vorsichtshalber. Anstelle meiner Schwester  zu gratulieren, dass sie an ihrem freien Tag mal früher aufstehen hätte können um wenigstens einmal im ihrem Leben produktiv sein zu können, verbiss ich mich lieber in mein Piroschki und verstaute den Rest vom gestrigen Mahl irgendwo zwischen meinen Heften, ich hoffte in dem Moment einfach dass die Blechdose dichthalten würde. Zu spät würde ich vermutlich nicht mehr kommen, aber die Angst vor meiner Schwester wuchs zusehends, denn nun hörte ich ebenfalls ihr Dielen knarren und das war für mich das Warnzeichen zum endgültigen Verlassen des Hauses.

Die Zwiebelschichten anziehen kostete nicht nur Geduld sondern auch Zeit, Zeit die ich nun nicht mehr hatte. „Semjon?!“ Verdammt, jetzt wollte meine Mutter auch noch auf mich aufmerksam, Wenn sie jetzt mit einer Standpauke ansetzte, dann… „Hast du die Blumen für die liebe Frau Sororkin?“ Ich stöhnte. Nicht auch noch dass noch. Ich schmatze eine Art „hm“ zurück und widmete mich wieder meinem Piroschki. Zur Not bekam sie eben ein Budget vom Straßenrand. Wahrlich schöne Blumen blühten hier nicht, aber wirklich Wert auf diese Tradition hatte Frau Sorokin noch nie gelegt. Sie leidete an Pollinose, gut gemeint ist eben nicht immer gut getan.

Inzwischen war ich bei der letzen vor Kälte schützenden Schicht angekommen, als meine Frau Mama um die Ecke gerauscht kam nur um mir zum Abschied eine dicke Thermoskanne in den Arm zu drücken, begleitet wurde es mit einem gleichzeitigen fast erdrückenden Knuff. „Musst du dich immer wie ein Oger anziehen? Der Vorhang existiert doch schon seit Jahren nicht mehr…“ maulte sie, als sie sich von mir los machte um mich ein letztes Mal zu betrachten. Ich legte den Kopf schief – mein Zeichen für keineswegs existierende Lust um eine kreative Diskussion anzufangen. Gleichzeitig nuschelte ich wieder irgendetwas von „bis später“ und kaute den Rest meines Frühstücks zu Ende, erwiderte schnell den Knuff und verschwand dann eiligst mit der heißen Kanne und meinem Rucksack hinter der nächsten Ecke. Plötzlich bekam ich irgendwie das Gefühl, dass ich etwas vergessen hatte. Merkwürdig, dabei hatte ich doch alles. Vermutlich die bereits beginnende Paranoia. Der Blumenstrauß konnte es nicht sein, der war mir einerlei. Nein, es war etwas anderes, etwas viel essentielleres… Doch schon bald überdeckte die Bezeichnung Oger meine Sorgen und ich grunzte empört. Ich und ein Oger. Oger waren unhygienisch, dumm und äußerst launisch. Keines der drei Attribute traf auf mich zu, nur weil mein Wintermantel eben der meines Großvaters gewesen war, der musste eben als inoffizieller Grenzsoldat arbeiten. Das war eben kein  Massanzug, wozu auch. Er sollte lediglich warm halten ein Yamamoto tat dies eben nicht. Darüber hinaus war dieser Kinderfilm außerordentlich unlogisch gewesen. Mitten drin paarten sich ein Esel mit einem Drachen…

Nicht nur, dass es zwei völlig unterschiedliche Arten waren ,nein die Kinder der beiden waren auch noch lebensfähig… und vor allem besaßen sie alle dieselbe heterozygotischen Merkmale, was ehrlich gesagt quasi unmöglich war. Dagegen war der Film mit den Löwen realistischer. Obwohl der auch einige Lücken aufwies. Der kleine Löwe hätte nie Alphamännchen werden können… Schon gar nicht sein Vater. Denn Löwinnen standen für gewöhnlich auf Löwen mit einer dunklen Mähne… Der Löwe aber mit der dunklen Mähne war verstoßen worden.

Inzwischen war die namenlose Bergkette in Sicht gekommen ein Zeichen dafür, dass Mareks Haus hier in der Nähe lag. Jahrelang hatten mein bester Freund und ich versucht einen passenden Namen für die recht lustig anzuschauenden einsamen Bergriesen ausdenken, aber ohne Erfolg. Keiner wollte so genau passen, dass er prägnant in unseren pubertären, löchrigen Cerebrum verweilen wollte. Auf die Frage, warum der Berg namenlos wäre  antwortete damals mein Erdkundelehrer, dass es sehr unhöflich wäre ihn  zu unterbrechen. Darüber hinaus gebe es keinen der diesem Monstrum an Felsen Namen hätte geben können, selbst wenn er gewollt hätte. Das warum ließ er wie immer offen….

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