1. Türchen:

So…. Hier ist er. Der legendäre, buzzzischer Adventskalender. Um ehrlich zu sein kann ich gar nicht mehr so viel als Vorwort schreiben (Nachwort folgt, das Beste kommt zum Schluss), denn was gesagt werden musste wurde bereits gestern kund getan und deshalb… Türklinken, auf die Plätze fertig los!

10. „Mir geht gleich der Hut hoch junger Mann!“ -Charlie und die Schokoladenfabrik/ Teil 1

„Semjon, aufstehen! Die Schule wartet!“, hörte ich gedämpft die Stimme eines Jemands. Kurz danach eilige Schritte, die immer lauter wurden bis schließlich mit einem lauten Krachen nicht nur die Tür aufgerissen sondern ich ebenso von meinem dicken Daunenbettdeck entledigt wurde. Als I-Tüpfelchen pfiff mir eiskalter Wind um die Ohren, denn die Fenster blieben ebenso nicht verschont wie ich selbst, sei es auch nur für die nächsten 36 Wochen. Der einzige Jemand der diese unendlich charmante Wecktechnik besass war meine Mutter. Meine wirklich sehr hübsche und ansonsten sehr schüchterne Frau Mama konnte normalerweise im Alltag noch nicht einmal einer Fliege etwas zu leide tun, aber den eigenen Sohn des Todes zu erschrecken ging jeden morgen. Besonders während der Schulzeit, und ganz besonders am ersten Schultag nach den großen Ferien wie heute.

Für gewöhnlich liess sie nicht nur die Fenster konsequent offen sondern gleichzeitig meine Zimmertür. Wer glaubt, dass die Treppe vom Erdgeschoss zum ersten Stock eine minimale Geräuschdämmung darstellte der liegt absolut falsch. непра́вильный wie meine Großmutter zusagen pflegt.

Ich lugte durch meine Augenschlitze und kniff sie sofort wieder zu. Tageslicht war eindeutig zu hell. Darüberhinaus breitete sich allmählich eine sehr unschöne Gänsehaut über meinen gesamten Körper aus. Den Küchengeräuschen nach zu urteilen bereitete meine Mutter gerade den Eiswassereimer vor. Falls ich nicht in dreizig Sekunden aufstünde würde er kommen. Ganz bestimmt. Meine Mutter mochte freundlich zu jedermann sein aber wenn es um Pünktlichkeit ging verstand sie keine Gnade. Gar keine-denn der Eiswassereimer ist ein guter Bekannter der letzen Jahre, zumindest kam er regelmäßig mich besuchen. Doch statt aufzustehen stöhnte ich lieber.

Wie konnten die großen Ferien jedes Mal so schnell an mir vorbei fliegen? Sie flogen schneller als die Falken bei der Fuchsjagd im Frühling und dass Schlimme war ich hatte den Eindruck sie würden jedes Jahr schneller…  Wie schön wäre es jetzt Frühling zu haben. Aber nein es war Herbst und bald würde dieser bitterkalte Winter kommen vor dem sich alle so fürchteten. Noch kälter als heute. Wobei die Temperaturen noch nicht einmal das Widerlichste darstellten. Die Jahreszeiten kamen wie sie kamen, selbst die Götter konnten das Wetter nicht bezwingen, wer es dennoch wagte, versagte wie ich in der Schule und zwar immer gen Winter. Ich wusste nicht woher das kam, doch seit meiner Einschulung vor was-weiß-ich-wie-vielen Jahren wurde mein Dopamin- sowie Adrenalienpiegel im Blutplasma geringer desto höher er bei meinen Mitmenschen wurde. Weihnachten hatte mich eben noch nie wirklich gereizt. Wobei Weihnachten an sich ganz annehmbar war, es existierte eben so wie jeder weitere x-beliebige Feiertag. Schulweihnachten war leider eine sehr viel größere, unangenehmere Macht. Ekelige vor Harz triefende Kränze, widerliche vor Kitsch triefende Gedichte und steinhartes gleichzeitig pappsüßes Gebäck. Hier war das Fest der „Nächstenliebe“ kein Fest sondern bloße Folter. Mal ganz von den Prä-Abschlussprüfungen abgesehen. Grässlich, in diesen zwei Wochen hieß es aufpassen und heucheln… Schleimer waren widerlich genauso wie dieses Vogelgezwitscher von draußen. Wie gerne hätte ich ein paar geschossen. Nicht weil ich keine Vögel mochte, nein, ich wollte bloß keine gute Laune an einem Montagmorgen haben. Schon gar nicht an meinem Montagmorgen nach den großen Ferien. So etwas durfte es nicht geben. „Junge lauf! In 20 Minuten sitzt du im Klassenzimmer! “, befiehl dieses Mal mein Vater. Warum genau wollte mir allerdings noch nicht in mein logisches Denkvermögen eindringen. Er selbst würde in genau 5 Minuten nach Moskau aufbrechen und dort für die nächsten vier Monate als Ölfeuerwehrmann stationiert bleiben. Nur ihm zu liebe und bei dem Gedanken ihn vielleicht noch in den Traktor des Nachbarn steigen zu sehen streckte ich meine Gliedmaßen von meinen noch warmen Torso weg gen weiße Zimmerdecke.

Am liebsten hätte ich mir allerdings sofort meine Decke geschnappt und wäre unter das dicke Deckbett gekrochen. Es war mittlerweile mehr als eisig fast hätte ich beim Berühren des Bodens mit meinem linken goßen Zeh einen Permafrostboden erwartet. Langsam erkannte ich je schneller ich mich anzog desto schneller würde ich ebenfalls wieder warm werden. Darauf folgten Hose, Socken, Jeans… zwischendurch versuchte ich noch einen Blick durch das Fenster auf meinen Vater zu erhaschen. Um ihm zu zeigen wie selbstlos sein Sohn für ihn aufgestanden war hämmerte ich kurz an die Scheibe, als er aus dem trockenen Boden trat und unsere Veranda verließ. Er schüttelte lediglich lachend den Kopf und deutete auf mich. Ich schaute ihn erst verständnislos an – dann mich. Was war denn an mir falsch? Kroch gerade eine riesige schwarze Witwe meinen Bauch hoch?! Nein… Wohl eher nicht. Doch bemerkte ich beim Nachprüfen, dass ich vergessen hatte mir ein Shirt überzuziehen, deshalb war es so kalt… Als ich dankend ihm ein letztes Mal zuwinken wollte sah ich bereits wie der Traktor hinter dem letzen Haus aus unserer Straße verschwand. Enttäuscht ließ ich meine Hand sinken, hätte er nicht noch 30 Sekunden länger warten können? Ein kurzer Stich piekte in meiner Brust, dann schüttelte ich die Gedanken fort. Es nütze nichts zu trauern, es würde nichts ändern. Besser ich lernte damit umzugehen, als mich jedes Mal in Selbstmitleid zu baden. Es gab wichtigeres im Leben als das Familienglück, beispielsweise den Umstand, wo genau sich nun mein Lieblingsshirt versteckt hatte.

Eilig durchwühlte ich meinen Kleiderschrank, vorbei an alten löchrigen Socken, drei uralten ebenfalls sich halb auflösenden Sweatshirts und einem Hemd, welches ich für eine Hochzeit meines Onkels erstanden hatte. Die Hochzeit war geplatzt, da seine Verlobte mit seinem jüngeren Bruder beim Junggesellenenabschied durchgebrannt war und so hatte ich im betrunkenen Dabeisein meines Onkels dieses hässliche Abbild eines Schreibtischochsen in die hinterste Ecke meines Schrankes gelegt. Es zu verbrennen hatten wir irgendwie beide nicht geschafft. Nach der nanosekunden langen Pause wühlte ich eilig weiter. Der Gedanke dieses Hemd anziehen zu müssen überstieg meine menschliche Fantasy.

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