Wer will mit nach Shangri- La?

Nachdem klitzekleinenJapanausflug steigen wir nun wieder ins imaginäre Flugzeug und überwinden die 4.552 Kilometer Luftlinie in gute fünf einhalb Stunden oder eben innerhalb von 60 Sekunden wenn es lediglich in den Nebenraum geht. Das Publikum schrumpfte von guten 100 Zuhörern auf höchstens 20 und weshalb? Vermutlich an der Bekanntheit des Faches. Tibetologie ist ähnlich wie Uralistik oder Finnougristik eher weniger populär.

Dort wird sich das sprachliche Glück finden...

Dort wird sich das sprachliche Glück finden

Auf dem Campus gehören Indologen und Tibetologen zusammen in eine Studiengruppe. Während Indologie noch 2 Professoren und einen Lektor besitzt, bedient Tibetologie genau einen Professor (oder eine Professorin? Der Name war herrlich neutral) und einen Lektor. Recht familiär…

Somit startete die Vorlesung mit einer Einführung für uns Ahnungslose auf engstem, kuscheligen Raum. Das Thema möchte ich euch jeden Falls nicht vorenthalten, denn Tibet ist nicht gleich Tibet.

Es gibt das allgemeine Tibet, dies bezeichnet das tibetische Hochland, ergo die Qinghai-Tibet-Hochebene bzw. Hochasien… Die Hochebene beinhaltet nicht nur den Lebensraum aller tibetisch sprachiger Völker sondern auch das historische Tibet. Dies wieder rum schließt das heutige Autonome Gebiet der Volksrepublik Chinas ein sowie die Gebirgszüge des Himalayas, Kunlun, Shan, Qilian- Shan usw.

Die heutige Autonome Republik zählt ungefähr 6 Millionen Tibeter auf 1,2 mio. Quadratkilometer. Diese Quadratkilometer mache allein schon 12,5 % der Gesamtfläche Chinas aus… Drei mal größer als Deutschland.

Das Tibet vor 50 Jahren betrug 2,5 Millionen Quadratkilometer was ganze 25% ausmachte. Ein Viertel der Gesamtfläche Chinas… Sieben mal größer als Deutschland. Die chinesische Verwaltungsgliederung des größten Teils des historischen Großraums Tibet umfasst heute das autonome Gebiet (neues Tibet) sowie weitere unabhängige Bezirke und Kreise.

Das historische Tibet hat sich nicht nur innerhalb Chinas aufgespalten sondern zerteilte sich unfreiwillig in Teilregionen Pakistans, Indiens, Nepals, Bhutans und Myanmars.

Soweit so kompliziert… es wird noch weit aus komplexer.

Denn aus diesem weit gefassten Begriff der Bezirken, Kreise Provinzen und was-weiß-ich-nicht-alles entstand der Kultur-Sprachraum Tibets. Gelegen auf durchschnittlich 4500 Meter über  dem Meeresspiegel, da ist Lhasa noch mit ihren 3800 ein fröhliches Joggerparadies.

Dank des großen Gebirgszuges namens Himalaya sind gut 1,3 Milliarden Menschen von „Tibet“ abhängig. Schließlich bergen die hohen Wipfel einen der wichtigsten Wasserspeicher der Erde.

Diese werden dennoch nicht lange halten was zur Abwechslung mal nicht am Klimawandel liegt sondern an Chinas Umweltpolitik. Die Regierung erachtet es als völlig sinnvoll dieverse Stauseen zu errichten. Dies hat zur Folge, dass folgende fLÜSSE WENIGER Wasser führen: Salween, Brahmaputra, Irrawaddy, Indus, Ganges, Gelber Fluss und Jangtse. Durch weniger Wasserzufluss werden auch ihre Delta schrumpfen und schrumpfen bis irgendwann nur noch Pfützen existieren. Die Bevölkerung der Länder Indien, Bangladesch und Südostasien würden so wohl auf trockenen Tüchern sitzen.

Weiter zu vielleicht erfreulicheren Dingen wie beispielsweise das der Yak DAS Haustier der Tibeter/ Scherpas ist. Von ihm wird alles verwertet: Hufe, Haar, Innereien, Hörner, selbst der Dung wird als Brennstoff verwendet. Als sehr geruchsintensiver Brennstoff…

Nur ist Yak (g.yag) allein die Bezeichnung für den männlichen Anteil der Art, die Yak-Kuh wird (’bri) gerufen

Aus dem Yakfett wird auch die Butter für den landestypischen oder regiontypischen Po Cha (Buttertee) gewonnen. Der Lektor berichtete dieser schmecke gar nicht so widerlich wie jeder zweite Tourist berichten würde, er schmecke nur gewöhnungsbedürftig.

Eine Mischung aus schwarzen Tee mit Butter und Salz. Sehr heiß und sehr Nahrhaft, ähnlich wie der geröstete Getreide Tsampa. Quasi das Grundnahrungsmittel dort oben. Er besteht aus Gerste, Weizen oder Reis und kann geknetet und luftgetrocknet sogar als Brot genossen werden. Wenn mir der Hintern auf Grundeis gehen würde, klingt dies definitiv nach einer angemessenen Mahlzeit.

Kommen wir zu einem weiteren übernatürlichen Teil des Landes neben dem göttlichen Essen existieren schließlich die Gottheiten selbst. Eben jene gehören zum tantrischen Buddhismus, welcher im 4. Jahrhundert irgendwo in Indien entsprang und sich von dort ins Hochland ausbreitete. Die heiligen Schriften wurden vom Sanskrit ins Tibetische übersetzt und machten sich von dort an selbstständig.

So entstanden zigtausend verschiedene Varianten des Buddhismus die sich zusätzlich durch ihre Götter unterschieden. Einige davon sind die so genannten Bodhisattvas, welche erleuchtete Menschen sind die allerdings aus Mitleid zu den Menschen dennoch wieder geboren werden um uns bei unserer eigenen Erleuchtung zu helfen. Wenn die gesamte Menschheit erleuchtet ist können auch sie aus dem Zyklus aussteigen und ins Nirwana flüchten.

Der wichtigste der Bodhisattvas ist, Avalokitesvara (der herabschauende Herr) er ist der Schutzpatron Tibets und stellt somit die Symbolik der Güte und Barmherzigkeit da.

Die heimische Fakultät konzentriert sich vornehmlich auf die Themen Sprache, Religion, Kultur sowie Geschichte allerdings lediglich auf die in der Vergangenheit. Um Tibet als solches in der Moderne zu studieren müsste man nach Berlin und selbst dort stirbt Tibetologie aus. In Dänemark wurde es erst kürzlich komplett vom Lehrplan genommen. Mit einer Größe von 19 Studenten zumindest etwas nachvollziehbar.

Den Ursprung der Tibetologie findet sich in der Indologie, eben wie das tibetische aus dem Sanskrit und mit ihm rund über 100 niedergeschriebene Bände mit gut 200 Sagen und Geschichten.

Hier erlernt man ähnlich wie in der Japanologie nicht nur tibetisch und Sanskrit sondern auch die familiären Nachbarn wie tibetische Dialekte, die moderne Umgangsprache, indisch und zu guter letzt chinesisch.

Neben der sprachlichen Schiene sollte auch wissenschaftliches Arbeiten vermittelt werden.

Wie arbeitet am besten mit Texten? Wie Analysiert man Texte? Wie Übersetzt man sie? Dies alles würde ausschließlich in Gruppen vermittelt werden, was interessante Gruppengrößen hergeben würde.

Die Zukunftschancen parallel zur Japanologie nicht wirklich eindeutig. Mann könnte selbst zum Doktor/ Professor promovieren oder man sucht sich einen Job als Kurator, Journalist, Übersetzer, Dolmetscher, Philologe, Linguistiker, im Verlag, Touristenführer oder Verwalter in tibetischen Kultur- Bildungskreisen.

Die Wahrscheinlichkeit einen solchen Job zu bekommen benötigt doch ein wenig mehr Vitamin B.

Zur Sprache lassen sich noch einige andere Dinge sagen.

Wer denkt Japanisch sei kompliziert, er kann sich jetzt mal gerade hinsetzen und die Augen aufsperren. Denn wie bereits erwähnt entwickelte sich tibetisch aus vielen, vielen anderen Sprachen was eine außerordentliche Grammatik zutage geführt hat.

Es gibt sogar mehrere Sprachentstehungetheorien. Die häufigst vertretene ist die der  tibeto-birmanischen Sprachfamilie.

Denn zwischen birmesisch und tibetisch gibt es eindeutige Gemeinsamkeiten im Lautsystem, Syntax und Vokabular.

Eine zweite Theorie meint, das tibetisch zu den sino-tibetischen Sprachen gehöre und eine Dritte wieder rum möchte nachweisen, dass tibetisch zu chinesisch gehört, weshalb tibetisch zu den indogermanischen Sprache gehöre, was weitere 249 Sprachen mit einschließend würde.

Der ursprüngliche Gründer des Tibetischen soll Thomi Sambhoten sein. Ob er nicht vielmehr einen Mythos darstellt, ist bis heute umstritten. Insgesamt kann man die Etablierung der Sprache so ungefähr im 7. Jahrhundert datieren. Unter Songtsen Gampo verbreitete sich der tibetische Buddismus und die Bevölkerung bekamen eigene Münzen und sie entwickelten eine eigene Schrift. Als Grundlage diente die nordindische Brahmi- Schrift.

So besteht Tibetisch aus 30 Grundbuchstaben. Diese 30 Grundbuchstaben sind jeweils immer nur die Konsonanten, bei denen stets das a mitklingt. Alle andere Vokale e,i,o, und u sind noch einmal 4 zusätzliche Zeichen. Daraus entstehen wieder rum verschiedene Lautgruppen.

Die verschiedenen Lautgruppen

Die verschiedenen Lautgruppen

 

Tibetisch ist statt Deutsch eine Silbenschrift doch wird sie europäisch getreu von links nach rechts gelesen. Das Ende einer jeden Silbe wird durch einen so genannten Punkt, der oben rechts geschrieben steht gekennzeichnet.

Als ob das nicht noch genug wäre gibt es zusätzlich zwei Schriftarten, die vergleichbar mit der deutschen Druckschrift sowie Schreibschrift sind.

Die Schriftart mit Kopf nennt sich uchen und wird von einer Art durchgehen Buchstabenlinie gekennzeichnet… Sie ist die tibetische Druckschrift, in Büchern sowie offiziellen Dokumenten fühlt sie sich wohl am wohlsten.

Die Schriftart ohne Kopf (ume) besitzt diese Linie nicht mehr und wird für  Außenstehen immer unleserlicher, denn sie ist die private Schrift der Tibeter.

Uchen im Original als Mantra

Uchen im Original als Mantra

Die verschiednen Stadien der Unleserlichkeit für Fremde haben sogar Namen: Pr-Tsa, TsungLung sowie Khyug, eigene regionale Abkürzungen und Dialekte sind natürlich nicht zu vernachlässigen.

Ihr könnt mir glauben, dass mir nach dieser sehr viel längeren Grammatikeinlage erst einmal die Luft wegblieb. Das hatte ich also ernsthaft in Erwähnung gezogen zu studieren ah jaaaa…. Aber jetzt mal ehrlich, bei Tibetisch hätte ich wirklich den Biss mich dadurch zu fressen? Bei diesen Mengen an Lernmaterial müsste man zu einem Lesepanda mutieren. Nur habe ich mehr emotionaleren Bezug zu dem Thema und irgendwie auch Interesse daran, was mich nur abschreckt sind diese ganzen Lehren Buddas. Mein Gemüt ähnelt eher dem eines Racheengels als dem eines Erleuchteten im Anfangsstadium. Nichts desto trotz hat mir die Vorlesung wirklich gefallen bzw. die Einführung und vielleicht aber nur vielleicht bleibt Tibetologie auf jeden Fall auf meiner Studieren-wollen-Liste. Wann dann nur in Berlin. Ich benötige Bezug zur Gegenwart sonst drehe ich völlig durch.

Ein Auslandssemster wurde übrigens vom Lektor empfohlen.. woran das wohl liegen mag.

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10 Kommentare

  1. toller informativer Bericht……..ich bin mal dem Dalai Lama in der Schweiz begegnet, sozusagen auf neutralem Boden ;-)…da hätte mir das Wissen sicherlich geholfen 😉 wenn man sich die politische Situation Tibets anschaut und den Druck, den China ausübt, könnte es eine aussterbende Spezies sein und dann könnte der Studiengang schnell zu einem historischen werden !

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