Gepriesen sei der gute Mensch von Sezuan…

Disclaimer: Diser Artikel ist absolut ungeordenen und chaotisch. Wer Struktur sucht ist hier falsch. Dazu wird empfohlen das Stück: Der gute Mensch von Sezuan zu kennen. Wer nun Panik schiebt, ganz ruhig. Der klicke einmal bitte hier für eine Zusammenfassung und hier für eine Zusammenfassung als Video.Ich bin so etwas von überarbeitet und dem Schauspieler Burn-Out nahe, aber ich denke dass ist bei 2 Wochen Proben und eine Woche lang nur 5 Stunden Schlaf normal…

Während alle anderen Schüler in meinem Bundesland und Restdeutschland dass Näherkommen der großen Ferien feiern und eigentlich nur noch schwänzen oder Eis essen, durften mussten wir seit letzten Donnerstag von 8.30 bis 22.30 Uhr in der Aula hocken und proben. Unser Abschiedstheaterstück stand an und da unser Klassenlehrer leicht  größenwahnsinnig ist, fand er die Idee den Guten Menschen von Sezuan auf zu führen wunderbar… 142 Seiten Text von Brecht in genau 17 Tagen durchprügeln? Kein Problem… Ähm doch!

Wir hatten zwar ein Schuljahr lang Zeit, für dieses Stück, aber warum nicht das Schuljahr auf die letzen 17 verkürzen? Kann man doch viel intensiver Arbeiten… Kurz um, ich wollte eigentlich einen der Götter spielen. Ein wenig Text, ein wenig Theater spielen, aber nicht allzu viel Stress. Mein Plan ging aber leider nicht auf. Ich bekam zwar weder die Rolle der Shen Te oder Suns, dennoch ich wurde als Wang, der Wasserverkäufer zu geteilt. Nun musste aus meinem Plan A, ganz schnell ein Masterplan werden… Das ich diesen Charakter immer noch nicht verstehehe half mir nicht weiter. Ein armer Betrüger, der ständig den Sündenbock spielen muss und leider herzensgut ist? Na super… Meine Traumrolle.

Wie beginnt man also eine Rolle zu lernen, die das Stück eröffnet und zwar mit einem 2.34 minütigen langen Monolog, der über zwei Seiten geht? M kneift den Ars… zusammen und knüppelt sich den Text irgendwie ins Gehirn. Morgens, mittags, abends. Auch in den Schulstunden. Andere Lektüren schloss ich weg und die Noten standen fest. Die meisten Lehrer waren einfach nur froh, dass wir endlich einmal still waren und sie ihr Ich-tue-mal-so-als-ob-ich-alles-im-Griff-hätte-und-mache-Scheinunterricht-Ballet in Ruhe celebrieren konnten. Die Hauptrollen hatten in den letzen Wochen erstaunlich viele Arzttermine oder Familienfeiern. Wer leider weder Krankheiten noch eine Großfamilie aufweisen konnte, wurde kreativ im Textlernen.

Als Hörbuch mit Nachsprechpausen, als abgeschriebene Lektüre irgendwo als riesen Spickzettel hingeklebt oder durch immer wieder Durchspielens. Ich wählte die Dialoglektüre, klappte ganz gut. Ich hatte meinen Text innerhalb von 7 Tagen gelernt. Dachte ich. Ich hatte nur meinen Liedertext vergessen, den Epilog und andere Zwischenpassagen. Daraus folgte, dass ich fünf Tage vor der Aufführung noch einmal alles nachlernen durfte. Natürlich nur zwischen den Proben. Dabei wurden die Probenzeiten natürlich nicht eingehalten. Statt den drei Stunden Mittagspause gab es gerne auch mal nur 1,5. Wobei mich das direkt gar nicht betraf, sondern nur mich als Souffleuse. Meine Rolle durfte ich persönlich selbst ausarbeiten und gestalten. Warum sollte man auch seinen Schülern helfen? Wenn unserem Lehrer etwas nicht gefiel wurde gemeckert und dann mit den Hauptrollen weiter gemacht. Eine Woche vor Aufführung streikten dann alle und  eine komplett neue Rollenverteilung musste her. Satt drei Besetzungen für jede Rolle, gab es teilweise nur noch eine oder zwei. Ich blieb Wasserverkäufer, denn meine Rollenkollegen gingen flöten. Der eine hatte zu viel Muffe sausen und die andere konnte noch nicht einmal die erste Seite des Textes.

Was tun? Das Beste.

Nur noch 5 Stunden Schlaf pro Nacht. Die chronische Übelkeit ignorieren und trotzdem irgendetwas essen. Gegen die Müdigkeit literweise Tee trinken und sehr, sehr viel schauspielern. Wenn ich einmal schlief träumte ich von meinem Text oder unserem Theaterstück. Den Andern erging es nicht anders. Wenn wir im Bett lagen, machten die wenigen Jungs und die Techniker weiter unsere Bühne aufzubauen. Fünf Tage lang. Von 23:00uhr bis 2.30… morgens. Irgendwann waren schlafende Schüler zwischen Kostümen, Stuhlreihen oder auf der Bühne selbst keine Seltenheit mehr. Unsere Einkäufe beim Supermarkt um die Ecke wurden bekannt: Franz-, Laugenbrötchen, Energydrinks (für die den Pater, Gel-Vernichter und Herrn Mister J), Cola und viel Concealer (für alle) gegen die Augenringe.

Mein Speiseplan (Zöliakie sei Dank waren Brötchen nicht möglich): Rohkost, Jogurth und Thunfischslalat. Ungelogen: Ich aß dem benachbarten Restaurant ihren wöchtenlichen Vorrat an Thunfisch auf. Drei Tage vor der Aufführung stand unser Stück noch nicht einmal halb. Die Mittagspausen vielen an zwei Tagen komplett aus. Am Tag der Premiere fehlten uns zwei komplette Szenen. Wir wussten zwar sie sie funktionierten, aber geprobt hatten wir sie noch nie.

Die meiste Arbeit hatten wir uns mit den Göttern gemacht. Wie Brecht, inszenierten wir sie nicht göttlich. Sie waren eitel, genervt und durch und durch menschlich. In jedem Zwischenspiel, beziehunsgweise Szene in der sie auftraten wurde ein anderer von ihnen in den Mittlepnukt gerückt und spielte einen anderen Gott. Dabei orinierten sie sich an ihren großen Vorbildern: den griechischen Göttern. Von Zeus, Poseidon, Hypno, über Aphrodite und Artmeis ging es bis hin zu Justitia bzw. Dieke… Publikumsverarsche, Beschimpfungen und Verehrungen mit eingerechnet.

Dazu gab es für die Schieler der Götter verschiedne Ebenen. V-Effeckt wie Brecht es zu hegen pflegte.

Ebene 0: Der Schauspieler als Privatperson (sieht man nie)

Ebene 1: Der Schauspieler als Schauspieler

Ebene 2: Die Rolle des Schauspielers

Ebene 3: Die Rolle der Rolle des Schauspielers.

Wir bedienten Ebene 2 und 3. Außgerechnet die Zwischenspiele wurden nicht vollständig abgesprochen, so dass ich bzw. wir als vier Personengruppe alles improvisierten.

Am Abend vorher wurde abgesprochen wer spielen durfte. Meine Rolle-Kollegin und ich standen zur Wahl.

Für sie sprach: Sie konnte besser schaupielern.

Für mich sprach: Ich konnte den Text, wobei ich so großes Lampenfieber hatte, dass ich ihn immer noch ständig vergaß.

Im Klartext hieß dass für uns beide: Wir waren eigentlich beide zu schlecht. Am Morgen der Premiere kam dann: Ich musste Abends und am nächstens Morgen ran. Meine Übelkeit steigerte sich noch und am eine Stunde vor Beginn ähnelte ich einem Flummie auf Speed und Meth.

Den Prolog bekam ich einigermaßen hin. Das Vorspiel verkackte ich alllerdings in den Einsätzen, was die Götter allerdings wieder wett machten. Im Laufe des Stücks ließ meine Nervosität allerdinsg immer mehr nach und in der dritten Szene sang ich sogar mein Lied wie ein Weltmeister à la Rammsteinmanier… Nur ohne die Gitarren. Ich fands super, das Publikum wirkte eher verstört. Dennoch bei jeder Aufführung muss etwas schief gehen… Also spätestens bei Szene vier bekammen wir alle einen Herzinfakt. Shen Te sollte in einem Teppischladen gehen, tat die Schauspielerin nur nicht. Sie blieb sitzen, dass hieß: Sie bekam ihren Schal nicht. Dieser Schal war aber essentiell für das Stück. Mein nächstes Gesprächsthema in der nächsten Szene war dieser Schal und mit diesem Schal sollte sie bzw. ihr alter Ego Schui Ta überführt werden. Dazu fassten wir so diese Szene in gut 10 Sätzen im Dialog zusammen und übersprangen ganze 8 Seiten. Unsere Souffleure blätterten wie wahnsinnig in ihren Textheften, unser Lehrer saß hinten und ruderte wie wild mit den Armen. Bedeutung: Der Schal, der Schal! Doch die Szenen war gelaufen. Shen Te verwandelte sich in Schui Ta und das Stück ging weiter. Ich ging ab beruhigte den kleinen Tollpatsch*, die die Teppichhändlerin spielte uns riet ihr: Den Schal, doch einfach zu verschenken als Dankeschön für Shen Tes Güte. Somit hätten wir dem Schal wieder im Spiel. Es klappte. Das Publkium merkte nichts und alles wurde gut. Und dann ging es weiter… Herr Shu Fu bekam seine Einsätze nicht, wurde Text unsicher und brachte all seine Monologe durcheinander… Dazu ging Shen Te einmal wieder zu früh ab und Herr Shu Fu und die Shin saßen angespannt alleine auf der Bühne, redeten komplett aneinander vorbei und als ich kam um mit Shen Te zu reden war sie nicht da. Ich rief sie, aber sie kam nicht. Also was machen? Improviesieren. Wir redeten über den nichtexistenten Nachbarn Schang, der angeblich eine Kälbchengeburt hatte. Unser Lehrer drehte am Rad, wir schwitzen und Shen Te kam irgendwann wieder auf die Bühne. Kreidebleich, aber es konnte weiter gehen. Szene 10 im Gericht, verkackten wir alle, weil irgendjemand seinen Einsatz vergaß und deshalb so ziemlich alle Stichwörter fehlten. Hatte ebenso keiner bemerkt. Wir kürzten das Stück vermutlich um 12 Seiten und hatten eine Spielzeit von…? Wer rät mit? Bingo, ingesamt standen wir 3 Stunden und 30 Minuten auf der Bühne. Für 142 Seiten… Der Applaus am Ende war herrlicher. Unser Schuleiter hasste uns für unsere Extragvaganz (Licht, Bühnenbild (unser Bühennebild bestand aus Stegen und die, wieder rum ragten bis kurz unter die Auladecke, also in gut vier Metern Höhe) und dem Benehmen gegenüber des Publikums, aber die Zuschauer fanden es toll).

Die Aufführungen am Folgetag morgens und abends, verliefen diametral verschieden. Morgens mussten wir gut die Hälfte weglassen, damit sie nur zwei Stunden dauerte. Ich war diese zwei Stunden fast Non- Stop auf der Bühne außer bei zwei Szenen von zehn.  Das Hin und Her gerenne hinter der Bühne nicht mit gezählt. Abends hoffte ich auf einen entspannteren Job. Mein Hoffnen wurde, aber von der Nachricht unterbrochen, dass die Souffleusen mit bei der letzen Generalprobe dabei sein sollten für die Zweitbesetzung. Meine Mittagspause bestand also nicht mehr aus 4 Stunden sondern aus 1,5. Diese vier Stunden nützen uns allerdings wenig, weil unsere Hauptdarsteller von einer anderen Lehrerin für ein Sozialesprojekt entführt wurden. Die Hälfte der Genralprobe verschlief ich, da die Übelkeit nicht nach ließ und ich mittlerweile gar keine Stimme mehr hatte. Doch durfte ich aber nicht schlafen, der Regisseur weckte uns (ich war nicht die Einzige, die schlief) nämlich immer wieder. Frei nach dem Motto: Bekomme ich keinen Schlaf, bekommt ihr auch keinen. Ergenbins: Ich war völlig übermüdet… Der hektische Wahnsinn am Abend flog nur so an mir vorbei.

Die liebe Shen Te jonglierte wieder mit den Texten. Von Szene zu Szene. Alle anderen, die nun zum dritten mal spielten passten sich an und versuchten sie immer wieder in die jeweilige Szene zu bekommen. Durch pure Improvisation. Eine Szene wurde abermals komplett improvisiert. Wie bei uns. Wir drei Souffleusen mussten das Bühenbild allerdings auch noch umbauen, wussten aber nicht wie. Als wir eine Wächeleine entfernen sollten, bekamen wir die Schnur nicht mehr ab. Irgendjemand hatte sie an das Regal gerade zu gemeißelt. Durchreißen war unmöglich, und so kam irgendwann eine Mutter mit einer Nagelschere aus dem Publikum um uns zu helfen. Auch spielten in einer Szene plötzlich meine zwei Souffleusenkolleginnen in der mit und ich stand alleine mit dem Text da. Wäre an sich kein Problem gewesen, doch die Schauspielerin die ihren Text nicht konnte stand leider auf der anderen Seite der bühne. Für mich nun unerreichbar. Zum Glück, konnte eine Andere ihren Text, da sie die Erstbesetzung gewesen war und unauffällig immer näher in ihre Richtung rückte. Rauschgoldengelchen* konnte leider  ab Szene neun ihren Text überhaupt nicht mehr. Die letzte Szene laß sie ab und ich soufflierte ihr gleichzeitig, doch sie brachte dennoch alles durcheinander. Sätze von anderen Schauspielern, wahren grammatikalisch unmöglich und doch schafften wir es irgendwie.

Eine wahnsinns Woche, die ich nicht vergessen werde, aber nicht weil sie unbedingt positiv war. Doch ich bekam viele positive Rückmeldung.

So und jetzt fahre ich gleich zum Flughafen weiter. Es geht nach Krakau. Abschlussreise und danach gleich weiter nach Island. Ich kehre zurück Yipeh! Bis in 16 Tagen!

 

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Ein Kommentar

  1. Wow… was für ein Marathon! Ich habe schon beim lesen Schnappatmung bekommen. Du hast alles so bildhaft beschrieben, dass ich das Gefühl hatte, im Publikum zu sitzen. Vielleicht gibt es ja noch ein Foto vom Bühnenbild ; D

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